Mohamed aß Blätter, um zu überleben

Als Mohamed Yarmouk im Mai 2015 endlich verlassen konnte, wog er nur noch 40 Kilo. Nachdem er so eine lange Zeit gehungert hatte, wurde er so schwach, dass er kaum noch aufrecht stehen konnte. Foto: Privat

Als Mohamed Yarmouk im Mai 2015 endlich verlassen konnte, wog er nur noch 40 Kilo. Nachdem er so eine lange Zeit gehungert hatte, wurde er so schwach, dass er kaum noch aufrecht stehen konnte. Foto: Privat

Der Konflikt in Syrien geht ins zehnte Jahr. Nach Angaben der Vereinten Nationen wurden seit 2011 über 400.000 Menschen getötet. Einer derjenigen, die nur knapp überlebt haben, ist Mohamed. Als sein Viertel 2013 belagert wurde, kamen keine Vorräte mehr herein. Anderthalb Jahre lang hungerte er in Yarmouk – einem Viertel der Verzweiflung.

Das Leben ist jetzt so viel besser. Er hat mehrere Operationen durchgemacht und seine Zähne wurden repariert. Zum ersten Mal in seinem Leben hat der syrische Palästinenser Mohamed einen Pass erhalten - einen norwegischen Pass. Foto: Ingebjørg Kårstad/NRC

Das Leben ist jetzt so viel besser. Er hat mehrere Operationen durchgemacht und seine Zähne wurden repariert. Zum ersten Mal in seinem Leben hat der syrische Palästinenser Mohamed einen Pass erhalten - einen norwegischen Pass. Foto: Ingebjørg Kårstad/NRC

Tøyen ist ein multikultureller Bezirk in Oslo: Hier leben Menschen aus Asien, Afrika, Amerika, Osteuropa und Norwegen. Im Zentrum von Tøyen befindet sich ein belebter Platz namens Tøyen Torg, der von Cafés, Geschäften und einer Bibliothek gesäumt ist.

Jeden Tag füllt der syrische Palästinenser Mohamed, 61, seine Jackentaschen mit selbst gemachten gebrannten Mandeln. Er setzt seine Sonnenbrille auf, nimmt seinen Gehstock und verlässt seine Wohnung in Tøyen. Er spaziert Richtung Tøyen Torg, grüßt lächelnd seine Nachbarn und gibt ihnen eine Handvoll Mandeln.

Er überquert den Platz und betritt das Centre for Refugee Competence and Integration (SeFI). Die Leute, die dort arbeiten, sind seine Freunde und seine Familie. Sie halfen ihm durch eine Herzoperation, einer Schulteroperation, eine Augenbehandlung und die Reha. Sie halfen ihm, seine Zähne sanieren zu lassen. Sie halfen ihm, sich in Tøyen zu Hause zu fühlen.

Mohamed mit seinen FreundInnen und HelferInnen am SeFI

Erstes Foto: Mohamed in der Mitte, mit seinem lieben Helfer und Freund Samir Alnahhal (links) und einem seiner vielen Freunde vom SeFI. Zweites Foto: Die Sonderberaterin Emilie Marie Strand ist Mohammeds Kontaktperson in der Gemeinde und begleitet ihn seit seiner Ankunft. Vor der Corona-Epidemie umarmten sie sich immer, wenn sie sich trafen. Stabile, zugängliche Kontakte - ein Ort, an dem die Tür wie bei SeFI immer offen steht - haben sich positiv auf Mohammeds Gesundheits- und Integrationsprozess ausgewirkt. Foto: Ingebjørg Kårstad/NRC

Mohamed mit seinen FreundInnen und HelferInnen am SeFI

Erstes Foto: Mohamed in der Mitte, mit seinem lieben Helfer und Freund Samir Alnahhal (links) und einem seiner vielen Freunde vom SeFI. Zweites Foto: Die Sonderberaterin Emilie Marie Strand ist Mohammeds Kontaktperson in der Gemeinde und begleitet ihn seit seiner Ankunft. Vor der Corona-Epidemie umarmten sie sich immer, wenn sie sich trafen. Stabile, zugängliche Kontakte - ein Ort, an dem die Tür wie bei SeFI immer offen steht - haben sich positiv auf Mohammeds Gesundheits- und Integrationsprozess ausgewirkt. Foto: Ingebjørg Kårstad/NRC

Mohamed mit seinen FreundInnen und HelferInnen am SeFI

Mohamed mit seinen FreundInnen und HelferInnen am SeFI. Von links: Sonderberaterin für Siedlung Ingvild Schei Jacobsen, Umweltarbeiter Samir Alnahhal, Abteilungsleiterin Mette Bjørlo, Mohamed, Umweltarbeiterin Samia Bouzrara und Mohammeds Kontaktperson Emilie Marie Strand. Foto: Ingebjørg Kårstad/NRC

Erstes Foto: Mohamed (links) mit einem seiner vielen Freunde vom SeFI. Zweites Foto: Die Sonderberaterin Emilie Marie Strand ist Mohammeds Kontaktperson in der Gemeinde und begleitet ihn seit seiner Ankunft. Vor der Corona-Epidemie umarmten sie sich immer, wenn sie sich trafen. Foto: Ingebjørg Kårstad/NRC

Erstes Foto: Mohamed in der Mitte, mit seinem lieben Helfer und Freund Samir Alnahhal (links) und einem seiner vielen Freunde vom SeFI. Zweites Foto: Die Sonderberaterin Emilie Marie Strand ist Mohammeds Kontaktperson in der Gemeinde und begleitet ihn seit seiner Ankunft. Vor der Corona-Epidemie umarmten sie sich immer, wenn sie sich trafen. Foto: Ingebjørg Kårstad/NRC

Mohamed mit seinen FreundInnen und HelferInnen am SeFI. Von links: Umweltarbeiter Samir Alnahhal, Abteilungsleiterin Mette Bjørlo, Mohamed, Umweltarbeiterin Samia Bouzrara und Mohammeds Kontaktperson Emilie Marie Strand. Foto: Ingebjørg Kårstad/NRC

Mohamed spielt Karten und plaudert mit den Angestellten und anderen Ortsansässigen. Danach geht er nach Hause zu seiner Frau, seinen Kindern und seiner Katze.

Die Traumata, die er erlitten hat, kehren jedoch Nacht für Nacht zurück. Im Schlaf durchlebt er die Belagerung von Yarmouk immer wieder. Er träumt, dass jemand ihn würgt.

Dann wacht er auf und hat Todesangst.

Belagerung im Krieg

Eins der Ziele einer Belagerung besteht darin, die Versorgungslinien des Feindes abzuschneiden. Diese Taktik wird in der Kriegsführung seit Jahrhunderten eingesetzt. In beiden Weltkriegen gab es Belagerungen. Sie wurden auch in Vietnam und in Sarajevo, Bosnien und Herzegowina, eingesetzt. Und in jüngerer Zeit durch Kriegsparteien im Irak, Jemen und Syrien.

“Im Grunde sind Belagerungen als solche in der Kriegsführung nicht verboten. Rechtlich schwierig wird es jedoch bei heutigen Konflikten, bei denen Kämpfe in besiedelten Regionen ausgetragen werden“, sagt NRC Flüchtlingshilfe-Mitarbeiter Tobias Köhler, 37. Er ist Experte für internationales Völkerrecht – die Verhaltensregeln für bewaffnete Konflikte. Köhler sagt, das humanitäre Völkerrecht, wie es in den Genfer Konventionen und anderen Verträgen definiert ist, ziele darauf ab, dass alle, die nicht oder nicht mehr kämpfen – also Zivilisten, Verwundete und Kriegsgefangene – human behandelt und nicht ins Visier genommen werden.

Tobias Köhler vom NRC ist Experte für humanitäres Völkerrecht. Foto: Ingebjørg Kårstad/NRC

Tobias Köhler vom NRC ist Experte für humanitäres Völkerrecht. Foto: Ingebjørg Kårstad/NRC

„Die Regeln besagen, dass man der Zivilbevölkerung nicht vorenthalten darf, was sie zum Überleben braucht. Und dass man im Gegenteil sogar die Pflicht hat, dafür zu sorgen, dass die Menschen bekommen, was sie braucht. Das gilt für beide Seiten – sowohl für die Belagerer als auch für die Belagerten. Sie müssen Hilfe zulassen“, erklärt er.

Dennoch weigern sich beide Parteien manchmal, Hilfe durchzulassen – selbst wenn das bedeuten kann, ein Kriegsverbrechen zu begehen. Dann führen beide Parteien oft Argumente gegeneinander an, die am Ende die Zivilbevölkerung betreffen:

„Die Belagerten könnten sagen: ‚Unsere Kinder verhungern euretwegen, ihr müsst damit aufhören.’ Und die Belagerer sagen vielleicht: ‚Ihr gebt die Hilfe, die ihr bekommt, euren Streitkräften, das können wir nicht zulassen’“, fährt Köhler fort.

Für NRC Flüchtlingshilfe und andere Hilfsorganisationen sind die Prinzipien Humanität, Unparteilichkeit, Unabhängigkeit und Neutralität unerlässlich, um unsere humanitäre Arbeit leisten zu können. Wenn die Bevölkerung nicht bekommt, was sie zum Überleben braucht, ist es für die Hilfsorganisationen unverzichtbar, dass sie Zugang erhalten:

„Wenn die Parteien gegen die Regeln verstoßen haben, besteht zunächst einmal die Möglichkeit, Hilfsorganisationen zu erlauben, der Zivilbevölkerung zu helfen. Um das zu erreichen, erinnern wir beiden Parteien nachdrücklich daran, was ihre tatsächlichen Verpflichtungen sind, nämlich die Zivilbevölkerung angemessen zu versorgen oder anzunehmen, was wir bieten können. Wir erklären, dass das Gesetz sinnvoll ist, dass es ein Gleichgewicht zwischen militärischen Notwendigkeiten und grundlegenden humanitären Prinzipien schafft. Zum Beispiel soll Hilfe die Zivilistinnen und Zivilisten erreichen, nicht die Streitkräfte, und die Organistionen setzen alles daran, dies zu gewährleisten. Und dass ohne diese Regeln nichts als Barbarei übrig bleibt“, schließt Köhler.


Dieses Foto stammt aus dem Viertel Harasta in Ost-Ghouta, wo während des Syrienkrieges 400.000 Menschen belagert wurden. Heute liegen große Teile des Landes in Trümmern und Zehntausende Syrer haben kein Zuhause mehr, in das sie zurückkehren können. Aber einige sind zurückgekehrt und versuchen, ihre Häuser wieder aufzubauen. Foto: Karl Schembri/NRC

Das Leben vor dem Krieg

Yarmouk liegt außerhalb der Hauptstadt Damaskus. Ursprünglich war es ein palästinensisches Flüchtlingslager, entwickelte sich aber schnell zu einem großen, funktionierenden Stadtteil. Vor Ausbruch des Kriegs im Jahr 2011 lebten in Yarmouk rund 160.000 palästinensische Geflüchtete und über eine halbe Million Syrerinnen und Syrer.

„Im Jahr 1948 flohen meine Eltern aus Palästina. Sie gingen nach Syrien und ich wurde in Damaskus geboren. Ich habe sechs Geschwister.

“In Damaskus war mein Vater zunächst als Bauarbeiter tätig, später wurde er Fahrer“, erzählt Mohamed.

Mohamed spricht über sein Leben. Etwas, das er nie vergessen wird, war der Tag, an dem er aufwachte, ein Mann über ihm stand und eine Schusswaffe auf seine Stirn richtete. Das Ereignis kommt nachts in seinen Träumen zurück. Foto: Ingebjørg Kårstad/NRC

Mohamed spricht über sein Leben. Etwas, das er nie vergessen wird, war der Tag, an dem er aufwachte, ein Mann über ihm stand und eine Schusswaffe auf seine Stirn richtete. Das Ereignis kommt nachts in seinen Träumen zurück. Foto: Ingebjørg Kårstad/NRC

Es ist Sommer 2019 und wir sitzen im Wohnzimmer seiner Wohnung in Tøyen. Der Tisch ist mit Kaffeetassen und einer Platte mit Keksen gedeckt. Im Fernsehen läuft syrische Musik. Mohamed und seine Frau haben sieben Kinder zwischen 14 und 35 Jahren. Die drei jüngsten wohnen noch zu Hause. Eine ihrer Töchter lebt in Syrien. Ihr ältester Sohn floh aus Syrien nach Thailand und von dort nach Neuseeland.

„Als meine Eltern flohen, mussten sie alles aufgeben, was sie sich im Laufe ihres Lebens aufgebaut hatten. Sie mussten an einem Ort, an dem es fast nichts gab, bei Null anfangen.

“Als Kinder bekamen wir nicht, was wir brauchten oder wollten. Wir konnten uns nichts leisten. Die Lebensumstände waren furchtbar. Es gab keine richtige Kanalisation und wir wohnten in heruntergekommenen Häusern. Wir hatten keinen Strom. Wir mussten beim Licht einer Gaslampe lesen. Aber wir gingen zur Schule – Palästinenser legen viel Wert darauf, dass ihre Kinder eine Ausbildung bekommen, koste es, was es wolle“, sagt Mohamed, der eine weiterführende Schule besucht hat.

Als junger Mann in Syrien baute Mohamed sein eigenes Haus. Foto: Privat

Als junger Mann in Syrien baute Mohamed sein eigenes Haus. Foto: Privat

„Wie die meisten anderen in meinem Alter wollte ich nach dem Schulabschluss arbeiten, um eine Familie gründen zu können. Ich lernte, wie man Häuser aus Beton baut. Ich kaufte Werkzeug, gründete ein Unternehmen und baute ein Haus für mich. Nach einiger Zeit hatte ich 10 Angestellte und später 20. Es war ein gutes Leben. Ich war erst 23 Jahre alt, aber besaß ein Haus mit vier Schlafzimmern, Wohnzimmer, Bad und Küche. Ich war verheiratet und hatte zwei Kinder.

“Dann wurden die Bauvorschriften geändert. Die Leute durften nicht mehr bauen und der Markt trocknete aus. Also ging ich nach Libyen. Das Leben war dort sehr hart. Ich arbeitete weiterhin in der Baubranche und musste meine eigene Ausrüstung mitbringen. Ich hatte Leute, die für mich arbeiteten. Aber wenn die Libyer uns bezahlen sollten, sagten sie: ‚Nein, ihr habt genug bekommen.’

Dieses Bild wurde in Libyen aufgenommen, wo Mohamed mehrere Jahre blieb. Dies war keine glückliche Zeit. Foto: Privat

Dieses Bild wurde in Libyen aufgenommen, wo Mohamed mehrere Jahre blieb. Dies war keine glückliche Zeit. Foto: Privat

“Ich war lange dort, aber nicht aus freien Stücken. Libyen wurde belagert und als Palästinenser durfte ich nicht ausreisen. Ich verlor 17 Jahre meines Lebens.

“Letztendlich konnte ich nach Syrien zurückkehren. In Yarmouk musste ich wieder ganz von vorne anfangen. Aber es ging sehr schnell voran. Ich kaufte Werkzeug und Ausrüstung und ein Auto. Ich baute mein Unternehmen wieder auf.

Dann kam der Krieg.“

“Hölle auf Erden”

Die hungernde Bevölkerung von Yarmouk wartet auf die Hilfe der Vereinten Nationen. Foto: Reuters/NTB Scanpix

Die hungernde Bevölkerung von Yarmouk wartet auf die Hilfe der Vereinten Nationen. Foto: Reuters/NTB Scanpix

Ost-Ghuta, Idlib, Aleppo. Wir kennen all die Namen aus den Nachrichten. Seit 2011 sind Belagerungen in Syrien weit verbreitet. Im November 2016 gab es nach Angaben der Vereinten Nationen fast eine Million Zivilistinnen und Zivilisten, die von einer Belagerung betroffen waren.

Yarmouk wurde bereits im Jahr 2012 zum Schlachtfeld. Die Zivilbevölkerung geriet zwischen die Fronten der Kriegsparteien. Die Region wurde durch städtische Kriegsführung, Luftangriffe und Bombardements zerstört.

Ein Foto von einem Meer von Menschen, das sich durch die Ruinen eines zerstörten Viertels schiebt, bewegte die ganze Welt. Die Aufnahme wurde im dritten Kriegsjahr gemacht. Tausende von Menschen in Yarmouk waren verzweifelt, da ihre Nothilferationen verspätet ankamen und viel zu knapp bemessen waren. Dieses Foto führte dazu, dass Yarmouk als „Hölle auf Erden“ bekannt wurde.

Einer derjenigen, die zu diesem Zeitpunkt dort lebten, war Mohamed.

NRC Flüchtlingshilfe ist eine der wenigen Hilfsorganisationen, die in ganz Syrien im Einsatz sind und jedes Jahr Hunderttausenden Menschen über Konfliktgrenzen hinweg unterstützt. Wir decken den Bedarf so vieler vom Konflikt betroffenen Menschen wie möglich. Darüber hinaus helfen wir auch syrischen Flüchtlingen in den Nachbarländern, einschließlich dem Irak, Libanon und Jordanien. Lesen Sie hier mehr über unsere Arbeit in Syrien:

NRC Flüchtlingshilfe ist eine der wenigen Hilfsorganisationen, die in ganz Syrien im Einsatz sind und jedes Jahr Hunderttausenden Menschen über Konfliktgrenzen hinweg unterstützt. Wir decken den Bedarf so vieler vom Konflikt betroffenen Menschen wie möglich. Darüber hinaus helfen wir auch syrischen Flüchtlingen in den Nachbarländern, einschließlich dem Irak, Libanon und Jordanien. Lesen Sie hier mehr über unsere Arbeit in Syrien:

Hunger

Yarmouk wurde von verschiedenen Gruppen belagert, darunter Truppen der Regierung, der Opposition und des sogenannten „Islamischen Staats“.

„Sie beschossen sich gegenseitig. Mir wurde erzählt, ein kleiner Junge sei erschossen worden, als er Blätter zum Essen sammelte.

“Bewaffnete Männer drangen in unser Viertel ein, begingen Vandalismus, raubten Geschäfte aus und stahlen Autos. Ich schickte meine Frau und die Kinder aus Yarmouk weg in ein Haus, das wir gemietet hatten. Ich blieb zurück, um mich um unser Haus zu kümmern.

Dieser Clip ist von Eastern Ghouta außerhalb von Damaskus. Es zeigt, wie verheerend die Situation nach all den Bombenanschlägen ist. Foto: NRC

Dieser Clip ist von Eastern Ghouta außerhalb von Damaskus. Es zeigt, wie verheerend die Situation nach all den Bombenanschlägen ist. Foto: NRC

Es gab keinen Strom. Während der ersten paar Monate wurden noch Lebensmittel nach Yarmouk gelassen. Schließlich hörte das aber auf. Die Leute mussten mit den Lebensmitteln, die sie noch zu Hause hatten, vorsichtig sein. Ich hatte etwas Reis und Zucker versteckt.

Ich wohnte im Haus mit einem Freund zusammen. Eines Nachts wachte ich davon auf, dass ein fremder Mann mir ein Gewehr an den Kopf hielt. Sie verbanden uns die Augen und fesselten uns aneinander. Sie stahlen alle Lebensmittel, die ich noch hatte. Als sie weg waren, versuchten wir uns zu befreien. Mein Freund schaffte es und half danach mir.

Es gibt eine essbare Pflanze mit grünen Blättern. Wir nennen sie Khubese[ein spinatähnliches Grün]. Ich glaube, in Norwegen gibt es das nicht. Manche setzten ihr Leben aufs Spiel, indem sie an die äußerste Grenze des Belagerungsgebiets gingen, um die Pflanze zu pflücken und dann an uns zu verkaufen. Sie hätten erschossen werden können.

Wir aßen auch Kaktusblätter. Wir säuberten sie, schnitten sie in Stücke und tunkten sie in Brühe.

Eine Zeit lang gab es überhaupt nichts zu essen. Wir hörten, dass jemand Suppe verteilte, also gingen wir hin, um nachzusehen. Es war mit Wasser verdünnte Brühe. Jeder von uns bekam anderthalb Tassen voll. Dann vertrug ich aber das Salz in der Brühe nicht mehr und am nächsten Tag wachte ich mit so geschwollenen Füßen auf, dass ich nicht mehr in meine Schuhe passte.

Nach 550 Tagen waren 128 Menschen verhungert. Heute sehe ich wieder wie ein Mensch aus. Aber ich zeige Ihnen jetzt ein Foto, das aufgenommen wurde, kurz nachdem ich das Lager verlassen hatte. Sie werden mich nicht wiedererkennen. Vorher wog ich 75 Kilo, jetzt waren es noch 40. Ich hatte so viel Muskelmasse verloren, dass ich kaum noch stehen konnte.”

Die Bilder aus seinem Leben sind auf seinem Handy gespeichert. Foto: Ingebjørg Kårstad/NRC

Die Bilder aus seinem Leben sind auf seinem Handy gespeichert. Foto: Ingebjørg Kårstad/NRC

Essen

Mai 2015. Mohamed konnte an nichts anderes denken, als aus Yarmouk herauszukommen. Er überlegte, ob er jemanden kannte, der ihm vielleicht helfen könnte.

Am Ende konnte er nicht mehr. Er rief seine Frau und seine Schwester an und sagte: „Ich kann nicht mehr. Ich muss hier raus oder ich sterbe.“

„Der Mann meiner Schwester kannte Leute. Sie schafften es, mich herauszuholen, indem sie jemanden bestachen. Ich dachte: Das Erste, was ich tun werde, ist essen. Brot und Harissa [eine Paste aus geräucherten roten Chilis]“, sagt Mohamed und lacht:

„Wir gingen zu Freunden. Sie machten soviel zu essen, dass der ganze Tisch voll war! Ich wusste gar nicht, wo ich anfangen sollte. Ich war nicht satt zu bekommen. Ich aß und aß und aß. Ich wollte alles probieren. Aber es war nicht genug!

“Als wir in das Haus kamen, dass wir gemietet hatten, sagte ich zu meiner Frau, dass ich mehr zu essen wolle. In den ersten paar Tagen habe ich die ganze Zeit nur gegessen. Normalerweise bin ich nicht so wild auf Süßes, aber ich aß sehr viel Kuchen.“

“Vater, trink ein Red Bull“

Eine von Mohameds Töchtern lebte seit 15 Jahren in Norwegen und war mit einem norwegischen Syrer verheiratet.

„Meine Tochter rief mich an und fragte, ob ich gesund und in Form sei. Ich sagte ja und sie sagte: ‚Dann kannst du nach Norwegen kommen. Du wirst den größten Teil der Strecke zu Fuß gehen müssen.’

Ich hatte natürlich Angst. Wir mussten nachts wandern. Ich hatte Angst, angehalten und gefangen genommen zu werden. Türkei, Griechenland, Mazedonien, Ungarn.

Die Reise durch Europa. Mohamed war krank und hatte Probleme beim Gehen, aber er erhielt Hilfe. Foto: Private

Die Reise durch Europa. Mohamed war krank und hatte Probleme beim Gehen, aber er erhielt Hilfe. Foto: Private

Wir waren 18 auf unserer Wanderung durch den Wald. Ich hatte Schmerzen in den Beinen und in der Hüfte. Ich konnte kaum atmen. Ich hatte ein schlechtes Herz. Einer von den anderen zog einen Energydrink aus seiner Tasche und sagte: ‚Vater, trink ein Red Bull.’ Sie wechselten sich ab und halfen mir. Ich war sehr müde. Schließlich sagte ich: ‚Geht nur, vergesst mich.’

Aber sie warteten auf mich.

Wir schliefen im Wald. Es war so kalt, dass wir fast erfroren wären. Alles, was ich hatte, waren eine Hose, ein Hemd und eine Jacke. Wir mussten durch einen Fluss waten und das eiskalte Wasser reichte mir bis zur Taille.

Man wusste nie, was passieren konnte. Man wusste nicht, ob jemand kommen und uns töten würde.

In Österreich gelang es uns, ein Auto zu bekommen, mit dem wir nach Deutschland fuhren. Die Reise von Deutschland nach Norwegen verlief glatt.

Wir fuhren direkt nach Oslo.“

Es ist schön, in Tøyen in Oslo in der Sonne zu sitzen ... Dort kann man Menschen anschauen, über alles nachdenken, was war und was kommen könnte. Foto: Ingebjørg Kårstad/NRC

Es ist schön, in Tøyen in Oslo in der Sonne zu sitzen ... Dort kann man Menschen anschauen, über alles nachdenken, was war und was kommen könnte. Foto: Ingebjørg Kårstad/NRC

Es ist schön, in Tøyen in Oslo in der Sonne zu sitzen ... Dort kann man Menschen anschauen, über alles nachdenken, was war und was kommen könnte. Foto: Ingebjørg Kårstad/NRC

Es ist schön, in Tøyen in Oslo in der Sonne zu sitzen ... Dort kann man Menschen anschauen, über alles nachdenken, was war und was kommen könnte. Foto: Ingebjørg Kårstad/NRC

In Oslo

Mohamed sagt, es habe einige Monate im Asyl-Empfangszentrum gegeben, in denen es ihm nicht gut ging. Er hatte mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. Später zog er um und unterzog sich mehreren Operationen. Beim SeFI bekam er Unterstützung und fand Freunde. Nach anderthalb Jahren kamen seine Frau und die Kinder aus Syrien zu ihm nach Norwegen.

„Ich lebe gern hier in Tøyen. Ich bin dankbar für all die Hilfe, die ich bekommen habe“, sagt Mohamed.

Er macht ein besorgtes Gesicht. Dann fügt er hinzu:

„Wir haben erfahren, dass die Stadt das SeFI schließen will. Das macht mich sehr traurig. Ich möchte meine Freunde nicht verlieren. Es sind die Einzigen, die ich habe.

Es fühlt sich an, als würde ich noch einmal vertrieben werden.“

It’s soon noon and dinnertime. Mohamed is on his way home. Photo: Ingebjørg Kårstad/NRC.

It’s soon noon and dinnertime. Mohamed is on his way home. Photo: Ingebjørg Kårstad/NRC.

Quellen: UNWRA, the Great Norwegian Encyclopedia, Marte Heian-Engdal at Dagsavisen, Wikipedia, NTB, Aftenposten.