Die vergessenen
Krisen 2019

Foto: Hajer Naili/NRC

Foto: Hajer Naili/NRC

Jeden Tag sind Millionen Kinder, Frauen und Männer in entlegenen Winkeln der Welt in Konflikten gefangen, die von uns übersehen werden. Die Politik ist untätig und die internationale mediale Aufmerksamkeit ist gering. Infolgedessen ist die humanitäre Hilfe oft nicht ausreichend, um dem Bedarf der Menschen gerecht zu werden. Unzählige Familien werden allzu oft allein gelassen.

Jedes Jahr veröffentlicht NRC Flüchtlingshilfe eine Liste der zehn Flüchtlingskrisen, die im vergangenen Jahr am wenigsten Aufmerksamkeit und finanzielle Unterstützung erhalten haben, um auf diese vergessenen Krisen aufmerksam zu machen.

Dies ist die Liste für 2019.

Obwohl humanitäre Hilfe nur nach dem Bedarf und nach nichts anderem bemessen werden sollte, erhalten manche Krisen sehr viel mehr Aufmerksamkeit und Unterstützung als andere. Diese Vernachlässigung kann die Folge mangelnden geopolitischen Interesses sein. Oder die betroffenen Menschen erscheinen zu weit weg und es ist schwierig, sich mit ihnen zu identifizieren. Es kann auch das Ergebnis mangelnder Kompromissbereitschaft sein, was dann zu langwierigen Krisen und zunehmender Spendenmüdigkeit führt.

Unser Ziel ist es, mit dieser Liste auf die Notlage der Menschen aufmerksam zu machen, deren Leid es selten in die internationalen Schlagzeilen schafft. Mehr Information und Wissen über diese Menschen und die Krisen, in denen sie leben, sind ein erster wichtiger Schritt in Richtung Veränderung.

Die Methodik
Unsere Liste basiert auf drei Kriterien: mangelnder politischer Wille, mangelnde Medienpräsenz und mangelnde wirtschaftliche Unterstützung. Es wurden alle* Flüchtlingskrisen untersucht, die dazu geführt haben, dass über 200.000 Menschen aus ihrer Heimat fliehen mussten – insgesamt 41 Krisen.

Mangelnder politischer Wille. Darunter fallen sowohl der Grad politischen Willens unter den bewaffneten Parteien, die Rechte der Zivilbevölkerung zu schützen und sich an Friedensverhandlungen zu beteiligen, als auch die Bereitschaft oder die Fähigkeit der internationalen Gemeinschaft, politische Lösungen zu finden.

Der Grad des politischen Willens wird am Vorhandensein eines Friedensprozesses, einer zurückgehenden Anzahl von Vertriebenen und anderen positiven gemessen. Das Fehlen derartiger Prozesse, eine Verschlechterung der Situation für die Zivilbevölkerung und steigende Flüchtlingszahlen weisen auf das Gegenteil hin.

Foto: Tom Peyre-Costa/NRC

Foto: Tom Peyre-Costa/NRC

Mangelnde Medienpräsenz. Verschiedene Faktoren bestimmen, ob eine Krise mediale Aufmerksamkeit erfährt oder nicht. Selbst wenn die Medien über einen Konflikt berichten, kann es vorkommen, dass die Situation der Zivilbevölkerung zugunsten der Berichterstattung über Kriegsstrategien, politische Bündnisse und Kämpfe zwischen bewaffneten Gruppen vernachlässigt wird. Die Medienpräsenz hängt also nicht zwangsläufig mit dem Ausmaß der Krise zusammen.

Bei der Entwicklung unserer Liste für 2019 haben wir die Medienpräsenz anhand der Medienbeobachtungszahlen von Meltwater gemessen. Beim Vergleich der medialen Aufmerksamkeit haben wir auch das Ausmaß jeder Flüchtlingskrise mit eingerechnet.

Mangelnde internationale Hilfe. Jedes Jahr erstellen die Vereinten Nationen und ihre humanitären Partner Spendenaufrufe zur Deckung des Grundbedarfes der Menschen in den von großen Krisen betroffenen Ländern. Wie weit diese Aufrufe erfüllt werden, variiert jedoch sehr stark. Um die Höhe der wirtschaftlichen Unterstützung anzugeben, haben wir uns angesehen, wie viel Prozent der jeweils veranschlagten Summe im Jahr 2019 bereitgestellt wurde.

Die Liste vom letzten Jahr finden Sie hier.

*Wegen des Mangels an Informationen und verlässlichen Zahlen konnten wir die Situation in China und in Nordkorea in unsere Analyse miteinbeziehen.

1. Kamerun

2018 Ranking: Platz 1

Foto: Ingebjørg Kårstad/NRC

Foto: Ingebjørg Kårstad/NRC

Zunehmende Gewalt, politische Lähmung und die kaum vorhandene Finanzierung der humanitären Hilfe trugen dazu bei, dass Kamerun ein zweites Mal die Liste der am meisten vergessenen Krisen anführt.

Kamerun wurde auch im Jahr 2019 von drei verschiedenen Krisen heimgesucht: einer Verschärfung der Angriffe durch Boko Haram in der Region Hoher Norden, der politischen Krise in den Regionen Nordwest und Südwest sowie der Flüchtlingskrise im Osten des Landes.

Brutstätte der Feindseligkeiten
Die Region Hoher Norden ist infolge des Konflikts zwischen der bewaffneten Gruppe Boko Haram und den Regierungstruppen eine Brutstätte der Feindseligkeiten geworden. Erstere führten im Laufe des Jahres in der Region über 100 Angriffe aus und töteten dabei über 100 Zivilistinnen und Zivilisten. Bis Ende 2019 wurden fast eine halbe Million Menschen vertrieben. Die Gewalt sorgte für mehr Hunger, löschte Existenzgrundlagen aus und zerstörte die Infrastruktur.

Komplexe humanitäre Katastrophe
Die Spannungen in den Englisch sprechenden Regionen Nordwest und Südwest weiteten sich im Jahr 2017 zu einem gewalttätigen Konflikt aus und mündeten in eine humanitäre Katastrophe, die sich 2019 noch weiter verschärfte.

Regierungstruppen führten groß angelegte Offensiven aus und die bewaffneten Gruppen übten Vergeltung. Die Zivilbevölkerung war dazwischen gefangen. Über 3.000 Menschen wurden seit Beginn der Krise im Jahr 2016 getötet. Menschenrechtsgruppen berichten von gesetzeswidrigen Tötungen, Folterungen und der Zerstörung von Dörfern.

Die Krise hat seit ihrem Beginn fast 700.000 Menschen innerhalb des Landes vertrieben. 52.000 weitere haben sich im benachbarten Nigeria in Sicherheit gebracht. Die kamerunischen Regionen Nordwest und Südwest litten bereits vor der Krise an Armut und 80 Prozent aller Gesundheits- und Bildungseinrichtungen waren nicht einsatzfähig.

Zur Bewältigung der Krise fand im September 2019 ein nationaler Dialog statt, der dazu führte, dass die Regionen einen Sonderstatus erhielten und Hunderte politischer Gefangener freigelassen wurden.

Flüchtlingskrise
Bis Ende 2019 waren insgesamt 280.000 Flüchtlinge aus der Zentralafrikanischen Republik nach Kamerun gekommen. Ein dreigliedriges Abkommen zwischen den zwei Ländern und dem UN-Flüchtlingshilfswerk, das im Juni getroffen wurde, schaffte es nur, bis Ende des Jahres rund 3.000 Menschen bei der Rückkehr in ihre Heimat zu unterstützen. Die Aussichten für eine groß angelegte Rückkehr im Jahr 2020 sind nach wie vor schlecht.

Aus den Augen, aus dem Sinn
Trotz der Schwierigkeiten, auf die drei Krisen zu reagieren, sorgte Kamerun nur selten für Schlagzeilen und erregte in den internationalen Medien wenig Aufmerksamkeit. Die Organisation Reporter ohne Grenzen ordnet das Land in ihrem World Press Freedom Index auf Platz 134 von 180 ein. Es wird von häufiger willkürlicher Inhaftierung und Verfolgung von Journalistinnen und Journalisten berichtet. Nur wenige internationale Journalisten haben Zugang zu den Konfliktgebieten erhalten. Das hat wahrscheinlich zu der mangelnden Berichterstattung über das Land beigetragen.

Darüber hinaus war Kamerun im vergangenen Jahr unter den Ländern, deren Krisenreaktion am schlechtesten finanziert wurde. Die Geber zeigen wenig Interesse daran, der strauchelnden afrikanischen Nation unter die Arme zu greifen. Bis Jahresende waren lediglich 44 Prozent der benötigten Summe bereitgestellt worden.

2019 war ein weiteres Jahr ohne erfolgreiche Vermittlung und es gab wenig Druck auf die Konfliktparteien, die Angriffe auf die Zivilbevölkerung zu beenden.

Im ersten Quartal des Jahres 2020 ließ die Gewalt noch immer nicht nach. Allein im April zwangen die Angriffe der bewaffneten Gruppen 8.000 Menschen zur Flucht aus der Region Hoher Norden.

2. DR Kongo

2018 Ranking: Platz 2

Photo: Ephrem Chiruza/NRC

Photo: Ephrem Chiruza/NRC

Die politische Ruhe nach dem Präsidentschaftswechsel Ende 2019 schenkte der Demokratischen Republik Kongo einen Anflug von Hoffnung. Leider war dieser Optimismus nur von kurzer Dauer, da durch Gräueltaten und Konflikte im Jahr 2019 viele Kongolesinnen und Kongolesen im Osten des Landes in Angst vor brutalen Angriffen leben mussten.

Die Gewalt zwang fast 1,7 Millionen Menschen zur Flucht aus ihrer Heimat, die höchste Anzahl neu Vertriebener in Afrika. Militäroperationen, Angriffe bewaffneter Gruppen und ein Anstieg interkommunaler Kämpfe haben Tausende Menschen in den östlichen Provinzen Ituri, Süd-Kivu und Nord-Kivu aus ihrem Zuhause vertrieben.

Nach dem Jemen spielte sich in der Demokratischen Republik Kongo im Jahr 2019 die zweitgrößte Hungerkrise der Welt ab. Die Anzahl der Menschen, die nicht in der Lage waren, sich zu ernähren, betrug über 15 Millionen. Darüber hinaus waren fast 4 Millionen Kinder unter 5 Jahren akut unterernährt.

Das kongolesische Volk hatte im Jahr 2019 gleich mit mehreren Problemen zu kämpfen. Ein Ebola-Ausbruch in Ituri und Nord-Kivu forderte im Laufe des Jahres 2.200 Todesopfer. Der Ausbruch war der zweitgrößte der Welt und der größte in der Geschichte der DR Kongo. Darüber hinaus wurde das Land von der schlimmsten Masern-Epidemie der Neuzeit heimgesucht. Zwischen Januar und Oktober infizierten sich mindestens 209.000 Menschen, von denen über 4.100 starben. Im Norden waren über 900.000 Menschen von schweren Überschwemmungen betroffen.

Obwohl es nach Syrien die zweitgrößte Binnenflüchtlingskrise der Welt ist, fielen sowohl die internationale Aufmerksamkeit als auch die Finanzierung sehr dürftig aus. Bis Ende des Jahres hatten die Geber weniger als die Hälfte des Betrags bereitgestellt, der zur Unterstützung der über 10 Millionen Menschen benötigt worden wäre, und machte das Land damit zu einem der am schlechtesten finanzierten Appelle weltweit.

Durch die Kämpfe Anfang 2020 stieg die Anzahl der Menschen auf der Flucht in der Region Ituri seit 2018 auf über eine Million.

3. Burkina Faso

2018 Ranking: Neu

Foto: Tom Peyre-Costa/NRC

Foto: Tom Peyre-Costa/NRC

Burkina Faso ist auf der diesjährigen Liste der vergessenen Krisen ein Neuling. Im Jahr 2019 war es die am schnellsten wachsende Flüchtlingskrise der Welt, so die Vereinten Nationen. Die Anzahl der Binnenflüchtlinge hat sich auf fast 500.000 verfünffacht.

Die Gewalt im Norden Malis schwappte im Jahr 2018 nach Burkina Faso hinüber und löste eine Unsicherheit aus, die weite Teile des Landes erfasste. Die Regierung trat nach monatelangen Angriffen durch bewaffnete Gruppen im Januar 2019 zurück. Die Kämpfe wurden trotz einer neuen Regierungsbildung unvermindert fortgesetzt.

Die Leidtragenden im Kreuzfeuer zwischen der Gewalt der bewaffneten Gruppen und den Militäroperationen der Regierung waren die Zivilistinnen und Zivilisten. Die Gewalt verursachte darüber hinaus ethnische Spaltungen, die zu interkommunalen und terroristischen Angriffen führten, wie es sie in Burkina Faso noch nie gegeben hatte. Diese Angriffe und das Kreuzfeuer mit den Regierungstruppen führten zu einer Verfünffachung der Anzahl an Menschen auf der Flucht. Rund 2.200 Menschen verloren ihr Leben.

Auch das Hungerniveau ist stark angestiegen. Über 1,2 Millionen Menschen brauchten bis Ende 2019 Lebensmittelhilfe. Viele Vertriebene flohen von dem Ackerland, das ihre Familien für Generationen bebaut hatten, und konnten ihre Ernte nicht einbringen – und das in einem Land, in dem vier von fünf Menschen zum Überleben auf die Landwirtschaft angewiesen sind. Das Fehlen von Eigentumsurkunden löste Unsicherheit darüber aus, ob sie nach ihrer Rückkehr ihr Land weiterhin würden nutzen können.

Trotz des steigenden humanitären Bedarfs wurde nur die Hälfte der Summe bereitgestellt, die von den Vereinten Nationen und Hilfsgruppen veranschlagt worden war, um den Menschen in Not zu helfen.

Diese Faktoren führten dazu, dass Burkina Faso in einer prekären Lage ins Jahr 2020 eintrat. Die Prognosen zur Ernährungsunsicherheit verschlechterten sich noch weiter und die Anzahl der Menschen, die in schwerer Ernährungsunsicherheit leben, hat sich verdreifacht.

4. Burundi

2018 Ranking: Platz 4

Photo: OCHA 2020/Lauriane Wolfe

Photo: OCHA 2020/Lauriane Wolfe

Im Jahr 2019 gab es in Burundi weniger sichtbare Manifestationen von Unruhen – im Vergleich zu 2015, als Präsident Pierre Nkurunziza beschloss, für eine dritte Amtszeit zu kandidieren und damit monatelange Proteste, einen Putschversuch und weitverbreitete Gewalt auslöste, wodurch Tausende Menschen vertrieben wurden. Die politische und die humanitäre Krise des ostafrikanischen Landes waren im Jahr 2019 noch lange nicht ausgestanden.

Die Menschen in Burundi stehen nach wie vor unter erheblichem politischem und wirtschaftlichem Druck. Die Gewalt auf den Straßen geht weiter. Menschenrechtsgruppen berichten, dass Menschen, die unter Verdacht standen, Anhänger der politischen Opposition zu sein, häufig inhaftiert, geschlagen oder ermordet wurden. Die Regierung wurde beschuldigt, Kritiker und Medien unter Druck gesetzt zu haben. Nur wenigen internationalen Medienschaffenden wurde Zugang zum Land gewährt, was wahrscheinlich zu der geringen Berichterstattung über die Krise beigetragen hat.

Die langwierige politische Krise hat negative Auswirkungen auf die sozioökonomische Situation des Landes. Die Wirtschaft Burundis gerät infolge rückläufiger Investitionen, des Mangels an Devisenreserven, Preisinflation und begrenzter Unterstützung immer mehr ins Wanken. Am Ende des Jahres waren nur 42 Prozent der benötigten Finanzmittel vorhanden, um der burundischen Bevölkerung zu helfen.

Malaria war 2019 eine der Hauptursachen für Kindersterblichkeit und Unterernährung bei Kindern. Im Zuge einer Epidemie wurden 8 der 11 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner des Landes infiziert, von denen über 3.100 die Krankheit nicht überlebten – sehr viel mehr als die Anzahl der Ebola-Opfer in der benachbarten DR Kongo – und dennoch bekam dieses katastrophale Gesundheitsproblem wenig internationale Aufmerksamkeit.

Rund 330.000 Burundierinnen und Burundier, von denen viele während der politischen Unruhen von 2015 geflohen waren, lebten in Nachbarländern im Exil. Obwohl fast 80.000 Menschen bis Ende 2019 freiwillig nach Burundi zurückgekehrt waren, flohen immer noch jeden Monat zwischen 500 und 1000 Menschen, um in einem anderen Land Asyl zu suchen – entweder aus Angst um ihre Sicherheit oder aufgrund der Folgen des wirtschaftlichen Zusammenbruchs.

Aufgrund der diesjährigen Wahlperiode dürfte in den kommenden Monaten mit weiteren politischen Spannungen und Gewalt zu rechnen sein.

5. Venezuela

2018 Ranking: Platz 6

Foto: Ingebjørg Kårstad/NRC

Foto: Ingebjørg Kårstad/NRC

Anfang 2019 brachen in Venezuelas Hauptstadt Caracas massive Proteste aus. Hunderttausende Demonstrierende gingen auf die Straße und forderten einen politischen Wandel. Der anschließende politische Kampf zwischen der Regierung und der Opposition mündete in eine Pattsituation, die bisher noch ungelöst ist, ohne erfolgreiche nationale oder internationale Vermittlungsbemühungen.

Seit sieben Jahren befindet sich die Wirtschaft Venezuelas im freien Fall. Die soziopolitische Krise löste eine der größten Bevölkerungsbewegungen in Lateinamerika des Jahrhunderts aus. Im April flohen jeden Tag durchschnittlich 5.000 Menschen ins Ausland. Ende des Jahres waren es fast 5 Millionen Venezolanerinnen und Venezolaner, die seit Beginn der Krise auf der Suche nach einem besseren und sichereren Leben aus ihrer Heimat geflohen und damit eine ohnehin schon überforderte Region noch weiter belastet hatten.

Innerhalb Venezuelas führte die wirtschaftliche und politische Unsicherheit zu fallenden Ölpreisen, dem Zusammenbruch wichtiger Exporte, Hyperinflation und Wirtschaftssanktionen. Die Wirtschaft schrumpfte im Jahresverlauf um mehr als 25 Prozent. Dies hatte verheerende humanitäre Folgen für über 7 Millionen Menschen, die nun kaum noch Zugang zu Grundversorgungsleistungen hatten.

Die Lebensmittelpreise schossen in die Höhe, während die Kaufkraft der Menschen drastisch absackte. Der Mindestlohn deckte gerade einmal 3,5 Prozent des Grundnahrungsmittelkorbs. Rund 6,8 Millionen Menschen litten an Mangelernährung, was einem Anstieg auf das Vierfache in nur fünf Jahren entspricht. Viele Menschen hatten keinen Zugang zu Wasser, Treibstoff oder Strom.

Der Aufruf zur humanitären Hilfe für die Binnenflüchtlinge Venezuelas kam spät, war gemessen am vorhandenen Bedarf gering und gehörte zu den am schlechtesten finanzierten Aufrufen der Welt – nur 34 Prozent des Betrags wurden gespendet. Auch der Aufruf zur Hilfe für die venezolanischen Geflüchteten in der Region fand unter den Gebern kaum Beachtung und wurde bis Ende des Jahres nur zu 52 Prozent finanziert. Der gravierende Mangel an Mitteln und der Mangel an politischem Willen sind die wichtigsten Gründe dafür, dass Venezuela im Jahr 2019 zu den am meisten vernachlässigten Krisen gehörte.

6. Mali

2018 Ranking: Platz 7

Foto: Mahamadou Abdourhamane/NRC

Foto: Mahamadou Abdourhamane/NRC

Mali ist auf der diesjährigen Liste der vergessenen Krisen nach oben geklettert, da der Konflikt sich verschärft und vom Norden des Landes in die zentralen und westlichen Teile ausgeweitet hat. Die Unsicherheit erreichte auch die Nachbarländer Burkina Faso und Nigeria und entfachte damit eine neue regionale Krise in der zentralen Sahelzone.

Gemeinden wurden Opfer brutaler Gewalt. Etwa 208.000 Menschen wurden bis Ende des Jahres im eigenen Land vertrieben – ein starker Anstieg gegenüber den 120.000 im Vorjahr. Die Angriffe auf die Zivilbevölkerung waren unerbittlich. Im Laufe des Jahres wurden 1.343 Vorfälle registriert, von denen die meisten in Mopti, dem Epizentrum der Krise, stattfanden. Schätzungsweise 900 Zivilistinnen und Zivilisten wurden getötet und 545 verletzt.

Die Vereinten Nationen, Frankreich und die westafrikanischen Staats- und Regierungschefs der G5 boten weiterhin in erster Linie eine militärische Reaktion zur Stabilisierung des Landes unter dem Dach der Terrorismusbekämpfung. Es gab jedoch keine nennenswerten positiven Auswirkungen nationaler und internationaler Militäroperationen zum Schutz der Zivilbevölkerung. Zuweilen schürten diese Operationen sogar Racheangriffe und trugen so zu der Gewalt bei – mit erheblichen humanitären Folgen.

Trotz der intensiven internationalen militärischen Aufmerksamkeit waren die Finanzierung für die Hilfe der Millionen Leidenden und die Investitionen in eine gute Regierungsführung mehr als unzureichend. Nur 52 Prozent der benötigten Mittel wurden bereitgestellt.

Auch Aufmerksamkeit durch die Medien war kaum vorhanden, sodass die meisten Gräueltaten fernab des internationalen Scheinwerferlichts stattfanden. Ein gewalttätiger Angriff, über den berichtet wurde, war das Massaker im März in der Region Mopti, bei dem über 150 Menschen getötet wurden. Der Premierminister trat nach dem Massaker zurück. Das Friedensabkommen von 2015 machte jedoch im Laufe des Jahres kaum Fortschritte auf dem Weg zu einer Beendigung des Blutvergießens.

In der ersten Hälfte des Jahres 2020 hielt die Gewalt unablässig an. Bis Mai mussten rund 73.000 Menschen aus ihrer Heimat fliehen – viele bereits zum zweiten oder dritten Mal.

7. Südsudan

2018 Ranking: Neu

Foto: Tiril Skarstein/NRC

Foto: Tiril Skarstein/NRC

Der Südsudan unternahm 2019 zaghafte Schritte in Richtung Stabilität. Während in den meisten Teilen des Landes am Friedensabkommen festgehalten wurde, kam es in einigen Regionen zu einem Anstieg bewaffneter Gewalt, interkommunaler Kämpfe und Viehplünderungen. Zehntausende Menschen wurden durch Kämpfe zwischen bewaffneten Gruppen neu vertrieben, insbesondere in den Bundesstaaten Central Equatoria, Jonglei, Lakes, Upper Nile und Warrap.

Über 900.000 Menschen waren von ausgedehnten Überschwemmungen betroffen, die Landwirtschaft und Existenzgrundlagen vernichteten und das ohnehin schon große Hungerproblem noch weiter verschärften. Gefährdete Gemeinden gerieten in noch größere Not.


Im Jahr 2019 war der Hunger im Südsudan auf Rekordniveau. Rund 7 Millionen Menschen konnten sich nicht selbst ernähren. Die Unterernährungsrate lag bei 16 Prozent und erreichte damit die globale Notstandsschwelle. Während die Schwere der Ernährungsunsicherheit mit den Überschwemmungen in Zusammenhang stand, hatten sich die Indikatoren für Ernährungssicherheit seit der Unterzeichnung des Friedensabkommens im Vorjahr nicht verbessert.

Bedenken hinsichtlich des Schutzes waren das ganze Jahr hindurch groß und die Gemeinden äußerten sich besorgt über die anhaltende Unsicherheit, Menschenrechtsverletzungen und geschlechtsspezifische Gewalt. Mehr als zwei Drittel der Bevölkerung waren von humanitärer Hilfe abhängig.

Die Umsetzung des Friedensabkommens ging nur langsam voran und die Frist für die Bildung einer Einheitsregierung wurde mehrfach verlängert. Ende 2019 erschien die Lage weitgehend unverändert. Das politische Drama zwischen dem Präsidenten und seinem ehemaligen Stellvertreter erregte zwar ein gewisses Interesse bei den Medien, die es aber weitgehend versäumten, die schwere humanitäre Krise anzusprechen, in der sich das Land befand.

8. Nigeria

2018 Ranking: Neu

Foto: Hajer Naili/NRC

Foto: Hajer Naili/NRC

Nach über zehn Jahren ist bei dem Konflikt im Nordosten Nigerias zwischen den Regierungstruppen und bewaffneten Gruppen, darunter Boko Haram, noch lange kein Ende in Sicht. Die Zivilbevölkerung war auch im Jahr 2019 weiterhin von der Gewalt betroffen. Auch klimatische Veränderungen veranlassten Menschen zur Flucht. Extrem trockenes Klima führte in Flüchtlingslagern zu Feuern und während der Regenzeit waren die Gemeinden von ausgedehnten Überschwemmungen betroffen.

Eine Zunahme der Unsicherheit im Jahr 2019 führte dazu, dass durch Militäroperationen und Angriffe auf Dörfer 105.000 Menschen im Nordosten zur Flucht gezwungen wurden. Über 7 Millionen Menschen in den am stärksten betroffenen Bundesstaaten Adamawa, Borno und Yobe waren zum Überleben auf humanitäre Hilfe angewiesen.

Die überwiegende Mehrheit des Nordostens blieb aufgrund aktiver Kampfhandlungen, drohender Angriffe und militärischer Bestimmungen, die die Bereitstellung von Hilfsgütern auf regierungseigene „Garnisonsstädte“ beschränkten, für Hilfsorganisationen unzugänglich. Diese Städte verfügten über wenig Infrastruktur, sodass viele vertriebene Familien auf winzigen Grundstücken zusammengepfercht lebten und kaum genug humanitäre Hilfe erhielten, um ihren Grundbedarf zu decken.

Aufgrund des kaum vorhandenen Zugangs zu den am schlimmsten betroffenen Gemeinden blieb die gesamte humanitäre Krise weitgehend ungesehen. Die internationalen Medien und der Politik konzentrierten sich hauptsächlich auf die sicherheitspolitische Seite des Konflikts und übersahen darüber den hohen Tribut, den die Zivilbevölkerung zahlte. 

Die humanitäre Krise dürfte sich im Laufe des Jahres 2020 weiter verschärfen und es wird prognostiziert, dass nahezu 4 Millionen Menschen im Nordwesten unter Ernährungsunsicherheit leiden werden.

9.
Zentralafrikanische
Republik

2018 Ranking: Platz 3

Foto: Itunu Kuku/NRC

Foto: Itunu Kuku/NRC

Der Konflikt in der Zentralafrikanischen Republik war, gemessen am betroffenen Anteil der Bevölkerung, im Jahr 2019 weiterhin einer der schlimmsten der Welt. Die Unsicherheit erfasste fast das ganze Land, was zur Folge hatte, dass die Hälfte der Bevölkerung auf humanitäre Hilfe angewiesen war.

Seit dem erneuten Ausbrechen der Gewalt im Jahr 2013 verloren fortlaufend Hunderttausende Menschen ihre Heimat. Ein Viertel der Bevölkerung war zur Flucht gezwungen – die Hälfte davon haben in den Nachbarländern Kamerun, der DR Kongo oder im Tschad Zuflucht gesucht. 

Mit der Unterzeichnung des wegweisenden Friedensabkommens im Februar 2019 wurde eine neue Regierung gebildet. Dennoch verübten bewaffnete Gruppen im Laufe des Jahres weiterhin schwere Menschenrechtsverletzungen an der Zivilbevölkerung. Über 70 Prozent des Landes befand sich zehn Monate später außerhalb der Kontrolle der neuen Regierung. 

Die Vereinten Nationen verzeichneten ein extremes Maß an Gewalt gegen die Zivilbevölkerung. Die Verstöße gegen das Völkerrecht gingen unvermindert weiter. Weder Zivilpersonen noch humanitäre Hilfskräfte konnten sich frei bewegen, um Hilfe zu bekommen oder zu leisten. Auch im Jahr 2019 fanden Angriffe auf Mitarbeitende von Hilfsorganisationen statt, bei denen fünf humanitäre Hilfskräfte im Dienst getötet und 42 verletzt wurden.

Das Friedensabkommen sorgte für einen Moment medialer Aufmerksamkeit für die Zentralafrikanische Republik, die humanitäre Krise schaffte es im Laufe des Jahres jedoch kaum in die internationalen Schlagzeilen.

2020 begann für das Land mit einer neuen Gewaltwelle im Nordosten und Südosten – das neue Jahr wird der erschöpften Zivilbevölkerung also keine Atempause schenken.

10. Niger

2018 Ranking: Neu

Foto: OCHA/Eve Sabbagh

Foto: OCHA/Eve Sabbagh

Niger, ein weiterer Neuling auf der Liste der vergessenen Krisen, wurde im vergangenen Jahr von einem Konflikt, dem Klimawandel und chronischem Hunger heimgesucht. 

Im Schatten seiner Nachbarn trug das Land die Last mehrerer Konflikte in der Sahelzone. Im Süden kamen Vertriebene aus Nigeria an, die vor bewaffneten Gruppen und der Unsicherheit auf der Flucht waren. Im Westen waren es Flüchtende aus Burkina Faso und Mali, die Schutz vor der Gewalt suchten.

Innerhalb Nigers zwangen Angriffe von bewaffneten Gruppen, Banditentum, interkommunale Auseinandersetzungen und staatliche Militäroperationen 440.000 Menschen zur Flucht. Das Leben von 1,6 Millionen Menschen war durch Ernährungsunsicherheit bedroht. Niger war darüber hinaus äußerst anfällig für Naturkatastrophen: Im Laufe des Jahres waren rund 227.000 Menschen von Überschwemmungen betroffen.

Die politische Lage in Niger war stabiler als in den Nachbarländern Burkina Faso und Mali. Die Inhaftierung des Oppositionsführers und Präsidentschaftskandidaten im November entfachte jedoch Vorwürfe einer zunehmend autoritären Herrschaft.

Die Krise in der zentralen Sahelzone dauerte in Niger bis ins Jahr 2020 an. In der westlichen Region Tilaberi kam es zu Angriffen durch bewaffnete Gruppen und groß angelegte Militäroperationen. Die Unsicherheit in Nigeria trieb bis Mai 23.000 Flüchtende über die Grenze.

Uns ist bewusst, dass nicht jede vergessene Krise mit demselben Standardrezept weiter in den Vordergrund gerückt werden kann. Die folgenden Empfehlungen bieten jedoch einige praktische Schritte, die bestimmte Gruppen unternehmen können, um die Aufmerksamkeit, welche die vergessenen Krisen erhalten, zu erhöhen.

Politik/UN-Sicherheitsrat:

  • Diplomatische Bemühungen erhöhen, um politische Lösungen zu vernachlässigten Krisen zu finden. Darauf konzentrieren, Notfälle nach ihrer Schwere zu lösen und nicht nach der Aufmerksamkeit der Medien, der geopolitischen Bedeutung der Region oder der parteiischen Interessen der Großmächte. 
  • Sicherstellen, dass Antiterror-Maßnahmen keine negativen Auswirkungen auf die Fähigkeit der humanitären Hilfsorganisationen haben, Gemeinden in Not zu erreichen.

Geber:

  • Humanitäre Hilfe entsprechend des Bedarfs der von den Krisen betroffenen Menschen leisten, nicht auf Grundlage geopolitischen Interesses oder dem Maß medialer Aufmerksamkeit. 
  • Flexible und kalkulierbare Finanzierung im Einklang mit den Verpflichtungen des Great Bargain erhöhen, um zu garantieren, dass Finanzmitteln bereitgestellt werden, wo sie gebraucht werden und wenn sie gebraucht werden.
  • Auf bestehenden bewährten Praktiken aufbauen, um sicherzustellen, dass Finanzmittel flexibel und kalkulierbar sind.
  • Die Risikobereitschaft erhöhen, um Arbeit in schwer zugänglichen Regionen zu ermöglichen und die Risikoteilung zwischen verschiedenen Akteuren verbessern. Humanitäre Hilfskräfte werden vor allem dort gebraucht, wo bewaffnete Gruppen operieren und wo die Regierungsführung schwach ist. In den am schwersten zu erreichenden Gebieten sind jedoch zu wenige NGOs präsent und die Geber müssen bereit sein, ausreichende Mittel zur Verfügung zu stellen, um das Risiko zu steuern.
  • Verstärktes Engagement mit Entwicklungsorganisationen in fragilen Krisengebieten fördern. Dazu gehört auch, dass im Falle einer Verschlechterung der Lage rasch Mittel zur Deckung des unmittelbaren humanitären Bedarfs bereitgestellt werden können.
  • Sicherstellen, dass die Reaktion auf die Covid-19-Pandemie keine Mittel abzweigt, die für bestehende vergessene Krisen bestimmt sind.

Presse und Redaktion:

  • Krisen gemessen am humanitären Bedarf oder objektiven Schweregrad priorisieren.
  • Nicht aufgeben. Weiterhin nach neuen Blickwinkeln und Storys aus langwierigen Krisen suchen, die noch nicht erzählt wurden, und in einer Weise berichten, die den Schwerpunkt auf Lösungen legt und nicht zur Verschärfung von Konflikten beiträgt.
  • Wenn bürokratische Probleme wie fehlende Mediengenehmigungen oder Visa der Berichterstattung über eine Krise im Wege stehen, Medienplattformen nutzen, um sich für den notwendigen Wandel einzusetzen.
  • Für den Schutz der Pressefreiheit einsetzen, um sicherzustellen, dass einheimische Reporterinnen und Reporter, die in den Krisenländern arbeiten, weiterhin über die humanitären Folgen berichten können.
  • Mitarbeitende zu Sicherheitsschulungen schicken und ihnen Sicherheit und Schutz bieten, wenn sie sich in Konfliktgebieten aufhalten, damit sie sicherer berichten können.

Humanitäre Organisationen:

  • Flexible Finanzmittel nutzen, um in den vergessenen Krisen Hilfe zu leisten.
  • Nicht übertreiben. Nicht auf noch mehr Mittel für bereits gut finanzierte Krisen drängen, das könnte sich auf die Fähigkeit der Geber auswirken, Mittel zur Verfügung zu stellen, wann und wo sie wirklich gebraucht werden.
  • Rechtzeitig Übersichten über den humanitären Bedarf und Reaktionspläne aufstellen und gewährleisten, dass die Hilfsappelle dem tatsächlichen Bedarf entsprechen. Appelle in Krisen, in denen die verfügbaren Mittel voraussichtlich begrenzt sein werden, nicht nach unten anpassen.
  • Die Zusammenarbeit und Koordination zwischen den Organisationen vor Ort verbessern. Die Nutzung von Ressourcen optimieren und unnötigen Wettbewerb um die begrenzten verfügbaren Ressourcen vermeiden.
  • In die Interessenvertretung investieren. Häufig können sich Länder, die am wenigsten Mittel erhalten, keine Mittel für Interessenvertretung und Medien leisten, woraus ein Teufelskreis entsteht, der es schwierig macht, diese Krisen aus der Vernachlässigung herauszuholen.

Die Öffentlichkeit:

  • Über vernachlässigte Krisen informieren und Qualitätsjournalismus unterstützen, der über vergessene Konflikte berichtet.
  • Die Stimme einsetzen und sprechen Sie über diese Krisen.
  • Vor Wahlen die humanitäre Politik der Kandidaten prüfen. Politikerinnen und Politiker nach diesen Krisen fragen und sie dazu antreiben, politische Initiativen zu ergreifen.