79,5 Millionen Menschen auf der Flucht in Zeiten von Covid-19

Ein globaler Überblick über Vertreibungskrisen im Jahr 2019

Fatima lebt im überfüllten Flüchtlingslager Ngala im Nordosten Nigerias. Die Lebensbedingungen sind menschenunwürdig und manchmal müssen Familien monatelang warten, bis sie ein Dach über dem Kopf bekommen. Foto: Tom Peyre-Costa/NRC

Fatima lebt im überfüllten Flüchtlingslager Ngala im Nordosten Nigerias. Die Lebensbedingungen sind menschenunwürdig und manchmal müssen Familien monatelang warten, bis sie ein Dach über dem Kopf bekommen. Foto: Tom Peyre-Costa/NRC

Zu Beginn des Jahres 2020

79,500,000

wurden Menschen durch Verfolgung und Konflikte vertrieben.


Die Zahl der Menschen, die vor Krieg, Konflikt und Verfolgung auf der Flucht sind, steigt im Vergleich zum Vorjahr und das zum achten Mal in Folge. Das Schicksal der fast 80 Millionen Menschen geht uns alle etwas an, jedoch ist die Hilfe, die sie bekommen, weit davon entfernt, ihren Grundbedarf zu decken. Und nun ist noch ein neuer, unsichtbarer Feind aufgetaucht: Covid-19.

Im Winter und Frühjahr 2020 hielt die Welt dem Atem an. Ein neues Virus war aufgetaucht, das sich schnell über die ganze Welt verbreitete und innerhalb von Wochen alles auf den Kopf stellte. Im Mai 2020 gingen die Infektionsraten in Europa allmählich zurück, während sie in weniger wohlhabenden Ländern in Lateinamerika, Afrika und Asien zu steigen begannen.

Zahlen zum 31. Dezember 2019. Quelle: UNHCR/UNRWA/IDMC

Zahlen zum 31. Dezember 2019. Quelle: UNHCR/UNRWA/IDMC

Wir alle wissen um die Wichtigkeit von guter Handhygiene und Social Distancing. In übervölkerten Flüchtlingslagern in Asien, dem Nahen Osten, Afrika und Griechenland ist all das unmöglich umsetzbar. Der Grund dafür ist, dass dort viele Menschen unter unhygienischen Bedingungen auf engem Raum zusammenleben und es dort kaum medizinische Versorgung gibt.

Wir wissen noch nicht, welche langfristigen Folgen die Pandemie mit sich bringen wird.

Krise – lange vor der Pandemie

Das Coronavirus ist für jeden eine Bedrohung. Aber die Krisen, mit denen Vertriebene konfrontiert sind, hängen meistens mit ihrer besonderen Situation zusammen. Dass Flüchtlinge ertrinken, von Menschenhändlern ausgebeutet oder in überfüllten Lagern Opfer von Vernachlässigung und unwürdiger Behandlung werden, haben wir so oft gehört, dass wir es fast schon als normal empfinden.

Aber diese Welt muss kein Ort sein, an dem wir die verzweifelten Schreie der Menschen in den libyschen Internierungslagern nicht mehr hören. An dem wir den täglichen Überlebenskampf der Menschen an der mexikanischen Grenze übersehen.

Menschen auf der Flucht brauchen nicht nur Worte und stille Sympathie. Sie brauchen ein funktionierendes System und eine Politik, die sich für sie stark macht.


Mangel an Unterstützung hat tödliche Folgen

Arme und gefährdete Länder sind oft nicht in der Lage die Grundversorgung für ihr Volk zu gewährleisten. Wenn ein Konflikt auftritt, müssen viele Menschen fliehen und stehen vor dem Nichts. Eine Reihe armer Länder nimmt auch eine große Zahl von Flüchtlingen aus konfliktgebeutelten Nachbarländern auf, wie z.B. in der Sahelzone Afrikas.

Für Flüchtlinge und Binnenvertriebene in diesen Gebieten ist die Lage nicht nur schwierig, sondern lebensbedrohlich.

Zahlen zum 31. Dezember 2019. Quelle: UNHCR/UNRWA/IDMC

Zahlen zum 31. Dezember 2019. Quelle: UNHCR/UNRWA/IDMC

Im Februar 2020 gaben die Vereinten Nationen bekannt, dass infolge der langwierigen bewaffneten Konflikte und extremeren Klimabedingungen ein erhöhter Bedarf an Soforthilfe bestehe. Das liegt nicht nur daran, dass die Anzahl der Vertriebenen derzeit höher ist als jemals zuvor, sondern auch daran, dass zwischen den benötigten Finanzmitteln und den tatsächlich bereitgestellten Geldern für die Nothilfe nach wie vor eine riesige Lücke klafft.

Dies ist ein globales Problem – besonders betroffen sind jedoch die Krisengebiete in Afrika wie die Demokratische Republik Kongo, Kamerun, Burkina Faso und Burundi.

Image from Burkina Faso showing families fleeing

Familien warten am Straßenrand in Burkina Faso, nachdem sie vor Angriffen geflohen sind. Die Zahl der Vertriebenen stieg im vergangenen Jahr auf über eine halbe Million und das Land steht am Rande einer Hungerkrise. Foto: Tom Peyre-Costa/NRC

Familien warten am Straßenrand in Burkina Faso, nachdem sie vor Angriffen geflohen sind. Die Zahl der Vertriebenen stieg im vergangenen Jahr auf über eine halbe Million und das Land steht am Rande einer Hungerkrise. Foto: Tom Peyre-Costa/NRC

In den letzten sechs Jahren wurden nur rund 60 Prozent der für die humanitäre Hilfe benötigten Mittel bereitgestellt. Die Folgen waren verheerend. Der mangelnde politische Wille, die knappen Ressourcen und unzureichende Diplomatie haben Millionen Menschen dazu gezwungen, ihre Heimat zu verlassen und in eine ungewisse Zukunft zu gehen. Diesen
Menschen fehlt es an Lebensmitteln, Wasser, Bildung und nicht zuletzt an Schutz.

In der New Yorker Erklärung für Flüchtlinge und Migranten von 2016 verpflichteten sich die Staats- und Regierungschefs der Welt, die Verantwortung für den Schutz und die Unterstützung von Geflüchteten zu teilen. Seitdem wurden Grenzen für schutzsuchende Familien geschlossen, Flüchtlingsquoten wurden gesenkt und arme Gastgeberländer erhalten kaum internationale Unterstützung.

Wenn wir das Flüchtlingssystem vor dem Zusammenbruch bewahren wollen, müssen wir diesen Trend umkehren.

Laut UNHCR ist die Hälfte der weltweiten Flüchtlinge schätzungsweise jünger als 18 Jahre. Eine ähnliche Schätzung kann für intern vertriebene Kinder vorgenommen werden.

Laut UNHCR ist die Hälfte der weltweiten Flüchtlinge schätzungsweise jünger als 18 Jahre. Eine ähnliche Schätzung kann für intern vertriebene Kinder vorgenommen werden.

Politikerinnen und Politiker auf der ganzen Welt sprechen oft über Kinder und ihre Rechte. Aber für Millionen von Flüchtlingskindern sind das leere Worte, da es an den nötigen Mitteln fehlt.

Geier suchen nach Opfern

Es ist die Realität selbst, die Schutz zu einem Eckpfeiler der internationalen Flüchtlingsarbeit gemacht hat. Täglich werden Menschen von skrupellosen Menschenhändlern ausgebeutet, misshandelt und Zwangsarbeit ausgesetzt.

Viele Länder der Welt spüren die Auswirkungen großer Zahlen von Migrierenden und Geflüchteten, sei es als Herkunfts-, Transit- oder Gastgeberländer. Manchmal erleben sie diese Auswirkungen in Kombination, zum Beispiel in Zentralamerika und in der Sahelzone. Verzweifelte Menschen auf der Flucht und unbegleitete Kinder sind besonders anfällig dafür, durch Menschenschmuggel und -handel in die Fänge krimineller Netzwerke zu geraten.

Kriminelle Banden ermordeten vor fünf Jahren den Bruder des 35-jährigen „Oscar“. Er hatte aufgrund von Morddrohungen seit 2018 bereits sechs Mal versucht, Honduras zu verlassen, wurde aber sowohl von den Vereinigten Staaten als auch von Mexiko abgeschoben. Foto: NRC

Drogenhandel, Waffenschmuggel, Menschenhandel und -schmuggel sind Milliardenindustrien. Sie tragen dazu bei, gefährdete Länder weiter zu destabilisieren, Menschen zu vertreiben und bewaffnete Gruppen zu finanzieren.

Diese Probleme sind besonders in Kolumbien und Zentralamerika zu beobachten. Die meisten Opfer der organisierten Kriminalität sind junge Menschen, von denen viele gezwungen waren, aus ihrer Heimat zu fliehen. Sie laufen Gefahr, drogenabhängig zu werden, von kriminellen Banden rekrutiert oder Kindersoldaten oder Sexsklaven zu werden.

Zivilbevölkerung und humanitäre Hilfskräfte in der Schusslinie

Viele der Konflikte, die rund um den Globus ausgetragen werden, finden nicht zwischen zwei Ländern, sondern innerhalb eines Landes statt. Folglich ist die Anzahl der Binnenvertriebenen sehr viel höher als die Anzahl der Flüchtlinge, die per definitionem eine internationale Grenze überquert haben.

Bomben treffen im syrischen Bürgerkrieg die letzte Bastion des sogenannten Islamisches Staats in Baghuz. Humanitäre Hilfskräfte setzen jeden Tag ihr Leben aufs Spiel, um der Zivilbevölkerung in Kriegs- und Konfliktgebieten zu helfen. Foto: Delil Souleiman/AFP/NTB Scanpix

Bei internen Konflikten gibt es häufig keine Frontlinien und es sind viele verschiedene bewaffnete Akteure beteiligt. Die Zivilbevölkerung ist dadurch einer großen Gefahr durch Angriffe ausgesetzt. Gleichzeitig stellt dies auch für humanitäre Hilfskräfte ein großes Sicherheitsrisiko dar.

Im Jahr 2018 wurden laut der Aid Worker Security Database insgesamt 131 humanitäre Helfer getötet, 146 verletzt und mehr als 130 entführt.

Im Jahr 2018 wurden laut der Aid Worker Security Database insgesamt 131 humanitäre Helfer getötet, 146 verletzt und mehr als 130 entführt.

Im Jahr 2018 wurden laut der Aid Worker Security Database insgesamt 131 humanitäre Helfer getötet, 146 verletzt und mehr als 130 entführt.

In einem Land wie der Zentralafrikanischen Republik sind 70 Prozent des Landes außerhalb der Kontrolle der Regierung. Hilfsorganisationen müssen mit diversen bewaffneten Gruppen verhandeln, um den Vertriebenen helfen zu können, die in den von diesen Gruppen kontrollierten Gebieten leben. Dies ist auch in vielen anderen Konfliktgebieten der Fall.

Kriminelle Banden ermordeten vor fünf Jahren den Bruder des 35-jährigen „Oscar“. Er hatte aufgrund von Morddrohungen seit 2018 bereits sechs Mal versucht, Honduras zu verlassen, wurde aber sowohl von den Vereinigten Staaten als auch von Mexiko abgeschoben. Foto: NRC

Kriminelle Banden ermordeten vor fünf Jahren den Bruder des 35-jährigen „Oscar“. Er hatte aufgrund von Morddrohungen seit 2018 bereits sechs Mal versucht, Honduras zu verlassen, wurde aber sowohl von den Vereinigten Staaten als auch von Mexiko abgeschoben. Foto: NRC

Bomben treffen im syrischen Bürgerkrieg die letzte Bastion des sogenannten Islamisches Staats in Baghuz. Humanitäre Hilfskräfte setzen jeden Tag ihr Leben aufs Spiel, um der Zivilbevölkerung in Kriegs- und Konfliktgebieten zu helfen. Foto: Delil Souleiman/AFP/NTB Scanpix

Bomben treffen im syrischen Bürgerkrieg die letzte Bastion des sogenannten Islamisches Staats in Baghuz. Humanitäre Hilfskräfte setzen jeden Tag ihr Leben aufs Spiel, um der Zivilbevölkerung in Kriegs- und Konfliktgebieten zu helfen. Foto: Delil Souleiman/AFP/NTB Scanpix

Verhungernde Rohingya-Flüchtlinge werden im April 2020 aus dem Golf von Bengalen gerettet. Die Vereinten Nationen bezeichnen die Rohingya als das meistverfolgte Volk der Welt. Foto: Suzauddin Rubel/AP/NTB Scanpix

Verhungernde Rohingya-Flüchtlinge werden im April 2020 aus dem Golf von Bengalen gerettet. Die Vereinten Nationen bezeichnen die Rohingya als das meistverfolgte Volk der Welt. Foto: Suzauddin Rubel/AP/NTB Scanpix

Xaliimo hilft ihrer Schwiegermutter in einem Lager außerhalb von Garowe, Somalia, vor der Sturmsaison ihr Haus wiederaufzubauen. Die Familie floh vor über einem Jahr aus ihrer von der Dürre heimgesuchten Heimat. Foto: Ingrid Prestetun/NRC

Xaliimo hilft ihrer Schwiegermutter in einem Lager außerhalb von Garowe, Somalia, vor der Sturmsaison ihr Haus wiederaufzubauen. Die Familie floh vor über einem Jahr aus ihrer von der Dürre heimgesuchten Heimat. Foto: Ingrid Prestetun/NRC

Ungleichheit erzeugt Konflikte

Ungleichheit und die Unterdrückung bestimmter Gruppen von Menschen tragen maßgeblich zur Bildung von Konflikten bei. Dies ist ein globales Phänomen, das in so unterschiedlichen Gebieten wir Myanmar, Afghanistan, großen Teilen des Nahen Ostens, der Sahelzone und in Kolumbien verbreitet ist.

Verhungernde Rohingya-Flüchtlinge werden im April 2020 aus dem Golf von Bengalen gerettet. Die Vereinten Nationen bezeichnen die Rohingya als das meistverfolgte Volk der Welt. Foto: Suzauddin Rubel/AP/NTB Scanpix

Besonders prekär wird die Lage, wenn Ungleichheit auf ethnische und religiöse Spaltungen trifft und die Behörden nicht den politischen Willen oder die Kapazitäten besitzen, das Problem anzugehen, bevor Gewalt ausbricht. Diese Art von Konflikt, bei dem eine ganze Gruppe zum Feind erklärt wird, trifft die Zivilbevölkerung besonders hart.

Vertrieben durch den Klimawandel

Extreme Wettererscheinungen und Naturkatastrophen vertreiben jedes Jahr Millionen Menschen, so unser Internal Displacement Monitoring Centre (IDMC) in Genf.

Diese Menschen fallen aus der offiziellen Flüchtlingsstatistik heraus, da sie nicht durch Krieg, Konflikt oder Verfolgung vertrieben wurden. Arme Länder, oft diejenigen, die am wenigsten Verantwortung für den menschengemachten Klimawandel tragen, werden von den Auswirkungen am härtesten getroffen.

Xaliimo hilft ihrer Schwiegermutter in einem Lager außerhalb von Garowe, Somalia, vor der Sturmsaison ihr Haus wiederaufzubauen. Die Familie floh vor über einem Jahr aus ihrer von der Dürre heimgesuchten Heimat. Foto: Ingrid Prestetun/NRC

Der im Dezember 2018 geschlossene Globale Pakt für eine sichere, geordnete und reguläre Migration der Vereinten Nationen (Global Compact for Migration) ist das erste umfassende UN-Dokument, in dem sich die Weltgemeinschaft verpflichtet, sich auf Katastrophen und den Klimawandel als Fluchtursachen zu konzentrieren. Der Pakt wird sein Potenzial jedoch nur dann voll ausschöpfen können, wenn die Länder konkrete Maßnahmen umsetzen.

Schlechte Verantwortungsteilung

Die europäische Flüchtlingspolitik befindet sich seit mehreren Jahren in einem Lähmungszustand. Geschlossene Grenzen, Geldmangel und unzureichende humanitäre Hilfe zwingen sowohl verzweifelte Familien als auch unbegleitete Kinder zu gefährlichen Überlebensstrategien.

Only 107,800 of the 1.4 million so-called “resettlement refugees” were resettled in a safe third country in 2019, according to the UN High Commissioner for Refugees.

Quelle: UNHCR.

Quelle: UNHCR.

Nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) wurden im Jahr 2019 lediglich 107.800 der 1,4 Millionen sogenannten Umsiedlungsflüchtlinge in ein sicheres Drittland umgesiedelt. Auch wenn das 15.000 Menschen mehr waren als im Vorjahr, zeigen die Statistiken eine große Lücke zwischen dem vorhandenen Bedarf und der Anzahl Geflüchteter, welche die Regierungen rund um die Welt aufzunehmen bereit sind.

Die Einführung wirksamer Hilfs- und Schutzmaßnahmen für Vertriebene ist jetzt wichtiger denn je.

Die Welt braucht politisches Handeln.

Afrika

Modu, 10, lebt in dem überfüllten Flüchtlingslager Shuwari in Maiduguri im Nordosten Nigerias. Elf Jahre Konflikt zwischen dem nigerianischen Militär und bewaffneten Gruppen, einschließlich Boko Haram, haben Millionen Menschen in die Abhängigkeit von humanitärer Hilfe gestürzt. Foto: Tom Peyre-Costa/NRC

Modu, 10, lebt in dem überfüllten Flüchtlingslager Shuwari in Maiduguri im Nordosten Nigerias. Elf Jahre Konflikt zwischen dem nigerianischen Militär und bewaffneten Gruppen, einschließlich Boko Haram, haben Millionen Menschen in die Abhängigkeit von humanitärer Hilfe gestürzt. Foto: Tom Peyre-Costa/NRC

In den letzten Jahren hat sich ein klares Muster abgezeichnet, dass die Liste der vergessenen Krisen von Konflikten auf dem afrikanischen Kontinent dominiert wird. Neun von zehn Ländern auf der diesjährigen Liste befinden sich in Afrika. Die Liste basiert auf drei Kriterien: mangelndem politischen Willen, mangelnder Medienpräsenz und mangelnder internationaler Hilfe.

Frauen in einem Lager am Rande von Mogadischu, Somalia, stehen für Lebensmittel Schlange. Die Menschen im Lager sind vor einer lang anhaltenden Dürre geflohen, die verheerende Folgen für ihre Ernte und ihren Viehbestand hatte. Foto: Farah Abdi Warsameh/AP/NTB Scanpix

Afrika und Europa sind Nachbarn. Was dort geschieht, betrifft auch uns. Bis vor wenigen Jahren, als der Fluss von Migrierenden und Flüchtenden zunahm, war vielen Politikerinnen und Politikern nicht klar, dass das Mittelmeer das Einzige ist, das uns trennt.

Vertriebene in Afrika verdienen sehr viel mehr Aufmerksamkeit – und dass ihre grundlegenden Menschenrechte respektiert werden.

Kein gutes Jahr für die Konfliktgebiete in Afrika

Der afrikanische Kontinent ist in Bezug auf Sprache, Ethnizität, Natur, Klima und wirtschaftliche Entwicklung hochkomplex. Die Bevölkerung von 1,3 Milliarden ist die jüngste und am schnellsten wachsende der Welt.

Es ist jedoch nur eine begrenzte Anzahl von Ländern und Regionen, die besonders schwer von Gewalt und Konflikten betroffen sind.

2019 war für die konfliktbetroffenen Teile Afrikas kein gutes Jahr. Die Anzahl der Vertriebenen ist erneut gestiegen. Anfang 2020 waren insgesamt 28 Millionen Menschen auf der Flucht – 19,7 Millionen waren Binnenvertriebene, während der Rest jenseits der Grenzen seines Heimatlandes, meist in Nachbarländern, Zuflucht gesucht hat.

Fanari Moustapha, 35, hält ihr ein Monat altes Baby im Arm. Das kleine Mädchen weiß noch nicht, dass sie in einem Flüchtlingslager in Kamerun lebt und dass sie und ihre Geschwister ohne Vater aufwachsen werden. Foto: Ingebjørg Kårstad/NRC

Es hat sich als sehr schwierig erwiesen, die langjährigen Konflikte in Ländern wie der Demokratischen Republik Kongo und Somalia zu beenden. Darüber hinaus sind in den letzten zehn Jahren neue Konflikte entstanden, von denen mehrere sich ebenfalls noch lange hinzuziehen drohen, wie etwa in Mali, Nigeria, Kamerun und Libyen.

Klimakrise trifft Afrika hart

Die Klimakrise ist ein globales Problem. Kein Kontinent hat indes weniger dazu beigetragen als Afrika. Dennoch ist es das afrikanische Volk, das die Auswirkungen am deutlichsten zu spüren bekommt. Die Durchschnittstemperatur ist bereits so weit gestiegen, dass die Existenzgrundlage von Millionen Menschen gefährdet ist.

Die Menschen in Afrika ziehen zunehmend in die Städte, die Mehrheit lebt jedoch nach wie vor in ländlichen Gebieten, wo die Menschen weitgehend von Landwirtschaft und Viehzucht abhängig sind. Das bedeutet, dass extreme Wetterbedingungen wie Dürren und Überschwemmungen erhebliche Folgen auf ihr tägliches Leben und nicht zuletzt auf ihren Zugang zu Lebensmitteln haben.

Eine junge Frau in einem der am stärksten übervölkerten Flüchtlingslager in Maiduguri, Nigeria. Das Lager namens Shuwari war eins der am schlimmsten von den schweren Überschwemmungen betroffenen, die Maiduguri im August 2019 heimsuchten. Foto: NRC

Die Länder, die von Konflikten heimgesucht werden, sind gefährdet, und in einigen Gebieten gibt es noch nicht einmal staatlichen Behörden. Bricht eine Krise dort aus, so sind die Menschen oft auf sich allein gestellt. Bewaffnete Gruppen nutzen diese Situation gern aus, um gerade junge Leute zu rekrutieren, die keine Zukunftsperspektive haben. Besonders häufig geschieht dies in der ärmsten Region der Welt, der Sahelzone, welche südlich der Sahara liegt und deshalb besonders anfällig für den Klimawandel ist.

Die Klimakrise nimmt an Umfang zu. In den letzten Jahren haben sowohl Dürren als auch Überschwemmungen Ost- und Südafrika mit voller Wucht getroffen. Die Nahrungsmittelproduktion wurde stark beeinträchtigt und in den Gebieten, in denen bewaffnete Konflikte ausgetragen werden, sind die Folgen enorm. Das war 2019 sowohl in Somalia als auch im Südsudan der Fall.

Der Klimawandel verursacht auch noch weitere Probleme. Die höheren Temperaturen führen dazu, dass Malaria durch Moskitos in neue Gebiete getragen wird. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation sterben in Afrika jedes Jahr 350.000 Menschen an der Krankheit.

Viele Herausforderungen

Der Klimawandel und die Covid-19-Pandemie reihen sich in die Liste der vielen Herausforderungen ein, mit denen Afrika konfrontiert ist. Extreme Armut, schwache Regierungsführung, große Ungleichheiten, schlechte medizinische Versorgung und geringe Bildungschancen sind für die junge Bevölkerung keine einfachen Aussichten.

Frauen in einem Lager am Rande von Mogadischu, Somalia, stehen für Lebensmittel Schlange. Die Menschen im Lager sind vor einer lang anhaltenden Dürre geflohen, die verheerende Folgen für ihre Ernte und ihren Viehbestand hatte. Foto: Farah Abdi Warsameh/AP/NTB Scanpix

Frauen in einem Lager am Rande von Mogadischu, Somalia, stehen für Lebensmittel Schlange. Die Menschen im Lager sind vor einer lang anhaltenden Dürre geflohen, die verheerende Folgen für ihre Ernte und ihren Viehbestand hatte. Foto: Farah Abdi Warsameh/AP/NTB Scanpix

Fanari Moustapha, 35, hält ihr ein Monat altes Baby im Arm. Das kleine Mädchen weiß noch nicht, dass sie in einem Flüchtlingslager in Kamerun lebt und dass sie und ihre Geschwister ohne Vater aufwachsen werden. Foto: Ingebjørg Kårstad/NRC

Fanari Moustapha, 35, hält ihr ein Monat altes Baby im Arm. Das kleine Mädchen weiß noch nicht, dass sie in einem Flüchtlingslager in Kamerun lebt und dass sie und ihre Geschwister ohne Vater aufwachsen werden. Foto: Ingebjørg Kårstad/NRC

Eine junge Frau in einem der am stärksten übervölkerten Flüchtlingslager in Maiduguri, Nigeria. Das Lager namens Shuwari war eins der am schlimmsten von den schweren Überschwemmungen betroffenen, die Maiduguri im August 2019 heimsuchten. Foto: NRC

Eine junge Frau in einem der am stärksten übervölkerten Flüchtlingslager in Maiduguri, Nigeria. Das Lager namens Shuwari war eins der am schlimmsten von den schweren Überschwemmungen betroffenen, die Maiduguri im August 2019 heimsuchten. Foto: NRC

Eine vertriebene libysche Familie besucht ihre Nachbarn in einem unfertigen Gebäude in der libyschen Hauptstadt Tripolis. Infolge des kürzlichen Gewaltausbruchs sind nun insgesamt rund 470.000 Libyerinnen und Libyer vertrieben. Foto: Mahmud Turkia/AFP/Scanpix

Eine vertriebene libysche Familie besucht ihre Nachbarn in einem unfertigen Gebäude in der libyschen Hauptstadt Tripolis. Infolge des kürzlichen Gewaltausbruchs sind nun insgesamt rund 470.000 Libyerinnen und Libyer vertrieben. Foto: Mahmud Turkia/AFP/Scanpix

Diese Kinder und ihre Familien flohen nach einem Angriff auf ihr Dorf und leben nun in einem Flüchtlingslager im Westen der Zentralafrikanischen Republik. Die Zentralafrikanische Republik gehört zu den weltweit am meisten missachteten Krisen. Foto: Hajer Naili/NRC

Diese Kinder und ihre Familien flohen nach einem Angriff auf ihr Dorf und leben nun in einem Flüchtlingslager im Westen der Zentralafrikanischen Republik. Die Zentralafrikanische Republik gehört zu den weltweit am meisten missachteten Krisen. Foto: Hajer Naili/NRC

Familien, die ihre Habseligkeiten bei sich tragen, fliehen vor dem Angriff einer bewaffneten Gruppe im Dorf Halungupa im Nordosten der Demokratischen Republik Kongo. Foto: Alexis Huguet/AFP/NTB Scanpix

Familien, die ihre Habseligkeiten bei sich tragen, fliehen vor dem Angriff einer bewaffneten Gruppe im Dorf Halungupa im Nordosten der Demokratischen Republik Kongo. Foto: Alexis Huguet/AFP/NTB Scanpix

Die 90-jährige Dahabo lebt in einem Flüchtlingslager im Nordosten Somalias. Sie und ihre Familie waren früher Landwirte, verloren infolge der Dürre aber ihre Existenzgrundlage und ihre Tiere. Foto: Ingrid Prestetun/NRC

Die 90-jährige Dahabo lebt in einem Flüchtlingslager im Nordosten Somalias. Sie und ihre Familie waren früher Landwirte, verloren infolge der Dürre aber ihre Existenzgrundlage und ihre Tiere. Foto: Ingrid Prestetun/NRC

Bauern im Südsudan zählen die Kosten eines kürzlichen Viehdiebstahls. Der Kampf um Ressourcen ist im Südsudan eine der Konfliktursachen. Foto: Tiril Skarstein/NRC

Bauern im Südsudan zählen die Kosten eines kürzlichen Viehdiebstahls. Der Kampf um Ressourcen ist im Südsudan eine der Konfliktursachen. Foto: Tiril Skarstein/NRC

Ein Bauer außerhalb Nairobis, Kenia, versucht einen Heuschreckenschwarm zu verscheuchen. Große Heuschreckenschwärme bedrohen in vielen Teilen Ostafrikas die Nahrungsmittelproduktion. Foto: Dai Kurokawa/EPA/NTB Scanpix

Ein Bauer außerhalb Nairobis, Kenia, versucht einen Heuschreckenschwarm zu verscheuchen. Große Heuschreckenschwärme bedrohen in vielen Teilen Ostafrikas die Nahrungsmittelproduktion. Foto: Dai Kurokawa/EPA/NTB Scanpix

Einige der Krisen in Afrika

In Libyen führt der eskalierende Konflikt zu weiteren Vertreibungen

Im Jahr 2019 eskalierte der Bürgerkrieg in Libyen. Die in Bengasi ansässige Ostregierung und die Libysch-Nationale Armee (LNA) versuchten, Tripolis einzunehmen – Hauptstadt und Sitz der von den Vereinten Nationen anerkannten Regierung. Die Folgen waren Vertreibung, Unsicherheit und Störungen der humanitären Hilfe.

Schätzungsweise 823.000 Menschen brauchen humanitäre Hilfe, wobei rund 470.000 aufgrund der Eskalation vertrieben wurden.

Eine vertriebene libysche Familie besucht ihre Nachbarn in einem unfertigen Gebäude in der libyschen Hauptstadt Tripolis. Infolge des kürzlichen Gewaltausbruchs sind nun insgesamt rund 470.000 Libyerinnen und Libyer vertrieben. Foto: Mahmud Turkia/AFP/Scanpix

In der Sahelzone und der DR Kongo ist kein Frieden in Sicht

In den Regionen der Sahelzone und Zentralafrikas, die am stärksten von Konflikten betroffen sind, verschlechterte sich die Sicherheitslage, wodurch im Jahr 2019 noch mehr Menschen aus ihrer Heimat fliehen mussten.

Dies betraf Länder wie Mali, Burkina Faso, Niger, Kamerun, die Zentralafrikanische Republik, Nigeria und die DR Kongo, wo die Konflikte über das ganze Jahr 2019 und bis ins Jahr 2020 andauerten.

Diese Kinder und ihre Familien flohen nach einem Angriff auf ihr Dorf und leben nun in einem Flüchtlingslager im Westen der Zentralafrikanischen Republik. Die Zentralafrikanische Republik gehört zu den weltweit am meisten missachteten Krisen. Foto: Hajer Naili/NRC

Im Jahr 2019 wurden in der DR Kongo 1,7 Millionen Menschen vertrieben. Von März bis Mai 2020 wurden weitere 480.000 Menschen zur Flucht gezwungen. Das Land leidet unter der zweitgrößten Hungerkrise nach dem Jemen.

Familien, die ihre Habseligkeiten bei sich tragen, fliehen vor dem Angriff einer bewaffneten Gruppe im Dorf Halungupa im Nordosten der Demokratischen Republik Kongo. Foto: Alexis Huguet/AFP/NTB Scanpix

Die Konflikte im Nordwesten und Südwesten Kameruns haben eine halbe Million Menschen vertrieben. Eine politische Lösung ist nicht in Sicht und es bestehen weiterhin Befürchtungen, dass hier ein neuer langjähriger Konflikt auf dem afrikanischen Kontinent entstehen könnte.

In Burkina Faso hat sich die Anzahl der Vertriebenen im Jahr 2019 auf über 560.000 verzehnfacht. Die brutale Gewalt in diesem Land hat auch im Frühjahr 2020 weitere Familien zur Flucht gezwungen.

Sowohl die Sicherheitslage als auch der Mangel an Finanzmitteln für die Soforthilfe erschweren es, den Bedarf der Vertriebenen in Burkina Faso zu decken. Im Jahr 2019 wurden von den Geberländern weniger als die Hälfte der benötigten Mittel bereitgestellt.

Tschadsee trocknet aus, während die Gewalt zunimmt

An der Grenze zwischen dem Tschad, Niger, Nigeria und Kamerun liegt der Tschadsee, der über 20 Millionen Menschen mit Wasser versorgt.

Aufgrund des übermäßigen Verbrauchs und der steigenden Temperaturen trocknet der See jedoch allmählich aus.

Rund um den Tschadsee wütet die Gewalt nach zehn Jahren des bewaffneten Konflikts noch immer mit voller Wucht. Niger, der Tschad und der Norden Kameruns wurden in eine Gewaltspirale hineingezogen, deren Epizentrum Nordost-Nigeria ist, wo 2009 der Aufstand der Boko Haram begann.

Die Zivilbevölkerung ist einem sehr hohen Risiko von Angriffen bewaffneter Gruppen und militärischer Gegenoffensiven ausgesetzt. Viele Menschen fliehen in abgeschnittene Gebiete, die für humanitäre Hilfsorganisationen kaum erreichbar sind.

Die militärischen Bemühungen zur Unterdrückung der Gewalt in der Sahelzone haben die Sicherheitslage nicht verbessert. Stattdessen hat sich die Situation weiter verschlechtert.

Millionen Menschen schützen – mit wenig Unterstützung

In Ostafrika bestehen zwischen verschiedenen Regionen große Unterschiede. Somalia und der Südsudan zählen zu den Ländern mit der größten Anzahl von Vertriebenen, während Uganda, Kenia und Tansania Millionen Flüchtlinge aufgenommen haben.

Die 90-jährige Dahabo lebt in einem Flüchtlingslager im Nordosten Somalias. Sie und ihre Familie waren früher Landwirte, verloren infolge der Dürre aber ihre Existenzgrundlage und ihre Tiere. Foto: Ingrid Prestetun/NRC

Die internationale Unterstützung für die Länder, die in Ostafrika Geflüchtete aufgenommen haben, ist angesichts der Anzahl Menschen, denen sie Schutz bieten, vollkommen unzureichend.

Wenn man von den Ländern absieht, die Flüchtlinge aus Venezuela aufgenommen haben, hat im Jahr 2019 kein anderes Land mehr Flüchtlingen Zuflucht gewährt als Uganda. Fast 1,4 Millionen Geflüchtete leben derzeit in Uganda, was einer Zunahme von 190.000 im Laufe des Jahres 2019 entspricht. Ursachen dafür sind ein Zustrom von Menschen aus dem Südsudan und der DR Kongo und die Ankunft Tausender neuer Flüchtlinge aus Somalia und Burundi.

Trotzdem erhielten das UN-Flüchlingshilfswerk und seine Partner lediglich 40 Prozent der Summe, die zur Deckung des humanitären Bedarfs im Jahr 2019 erforderlich gewesen wäre.

Bauern im Südsudan zählen die Kosten eines kürzlichen Viehdiebstahls. Der Kampf um Ressourcen ist im Südsudan eine der Konfliktursachen. Foto: Tiril Skarstein/NRC

Heuschreckenschwärme verdunkelten den Himmel

In den ersten Monaten des Jahres 2020 waren mehrere dieser Länder mit einem weiteren Problem konfrontiert. Schwärme von mehreren Milliarden Heuschrecken fraßen alles auf, was ihnen in die Quere kam, und bedrohten damit die Ernährungsunsicherheit in diesen ohnehin schon gefährdeten Regionen. Besonders schwer betroffen waren Äthiopien, Somalia und Kenia.

Diese Krise fand zeitgleich mit dem Beginn der Covid-19-Pandemie statt und es besteht ein guter Grund, die Folgen zu fürchten – besonders in Bezug auf die Ernährungssituation.

Ein Bauer außerhalb Nairobis, Kenia, versucht einen Heuschreckenschwarm zu verscheuchen. Große Heuschreckenschwärme bedrohen in vielen Teilen Ostafrikas die Nahrungsmittelproduktion. Foto: Dai Kurokawa/EPA/NTB Scanpix

Äthiopien im Fokus

Der Friedensnobelpreis 2019 ging an den äthiopischen Premierminister Abiy Ahmed für seinen Beitrag zur Lösung des Konflikts mit dem benachbarten Eritrea, zu den Versöhnungsprozessen in den Nachbarländern und für sein Bestreben, die Demokratie in seinem Heimatland zu stärken.

Das Land hat jedoch auch mit inneren Spannungen und Konflikten zu kämpfen, während es gleichzeitig als wichtiges Gastgeberland für Menschen fungiert, die vor Konflikten, Unterdrückung und Armut in den Nachbarländern fliehen. Als in Äthiopien wichtige Reformen durchgeführt wurden, weckte dies die Hoffnung auf eine positive Entwicklung für das gesamte Horn von Afrika. Nun erscheint das politische Experiment Äthiopiens jedoch weniger sicher.

Ein neuer Konflikt braut sich zusammen

Im Norden Mosambiks zeichnet sich ein neuer Konflikt ab. Ende April 2020 übernahmen Rebellengruppen, die sich mit der IS-Gruppe zusammengeschlossen haben, zeitweise die Kontrolle über zwei Städte. Die Sicherheitslage in dieser Region verschlechterte sich allmählich und Tausende wurden vertrieben.

Es ist zu befürchten, dass die Feindseligkeiten in der nächsten Zeit noch weiter eskalieren werden.

Naher Osten
und Asien

Zwei vertriebene Geschwister vor ihrem zerstörten Zelt im Lager Amariyat Al-Fallujah, Zentral-Irak. Die Lagerbewohner leiden unter Belästigung, schweren Bewegungseinschränkungen und einem Mangel an Lebensmitteln, Wasser und Strom. Foto: Tom Peyre-Costa

Zwei vertriebene Geschwister vor ihrem zerstörten Zelt im Lager Amariyat Al-Fallujah, Zentral-Irak. Die Lagerbewohner leiden unter Belästigung, schweren Bewegungseinschränkungen und einem Mangel an Lebensmitteln, Wasser und Strom. Foto: Tom Peyre-Costa

Eine Mutter versucht ihre Tochter bei Laune zu halten, während sie im Empfangszentrum in Kala Meera, Irak, nahe der Grenze zu Syrien, warten müssen. Foto: Alan Ayoubi/NRC

Eine Mutter versucht ihre Tochter bei Laune zu halten, während sie im Empfangszentrum in Kala Meera, Irak, nahe der Grenze zu Syrien, warten müssen. Foto: Alan Ayoubi/NRC

Ein kleiner Junge vor dem zerstörten Gebäude, in dem er wohnt. Rund 650 Familien leben in dieser inoffiziellen Siedlung in Anbar im Irak mit mangelhafter Wasser- und Stromversorgung. Foto: Tom Peyre-Costa/NRC

Ein kleiner Junge vor dem zerstörten Gebäude, in dem er wohnt. Rund 650 Familien leben in dieser inoffiziellen Siedlung in Anbar im Irak mit mangelhafter Wasser- und Stromversorgung. Foto: Tom Peyre-Costa/NRC

Palästinenser sammeln ihre Habseligkeiten ein, nachdem israelische Streitkräfte ihr Haus in Yatta, Westjordanland, südlich von Hebron, im Juni 2020 zerstört haben. Foto: Abed Al Hashlamoun/EPA/NTB Scanpix

Palästinenser sammeln ihre Habseligkeiten ein, nachdem israelische Streitkräfte ihr Haus in Yatta, Westjordanland, südlich von Hebron, im Juni 2020 zerstört haben. Foto: Abed Al Hashlamoun/EPA/NTB Scanpix

Ein Vertriebener in einem Lager im Nordjemen. In diesem Lager leben über 1.000 Menschen, die durch eskalierende Kämpfe im Jahr 2019 zur Flucht aus ihrer Heimat gezwungen waren. Foto: Yahya Arhab/EPA/NTB Scanpix

Ein Vertriebener in einem Lager im Nordjemen. In diesem Lager leben über 1.000 Menschen, die durch eskalierende Kämpfe im Jahr 2019 zur Flucht aus ihrer Heimat gezwungen waren. Foto: Yahya Arhab/EPA/NTB Scanpix

Mohammad Jamal, 45, und seine Familie sind für ihre Wasserversorgung von ihren Nachbarn und nahe gelegenen Geschäften abhängig. Das Leben in dieser dürregeplagten Region der Provinz Herat, Afghanistan, ist schwer. Foto: Enayatullah Azad/NRC

Mohammad Jamal, 45, und seine Familie sind für ihre Wasserversorgung von ihren Nachbarn und nahe gelegenen Geschäften abhängig. Das Leben in dieser dürregeplagten Region der Provinz Herat, Afghanistan, ist schwer. Foto: Enayatullah Azad/NRC

Die Sicherheitslage in der gesamten Nahost-Region ist nach wie vor unbeständig. Regelmäßig führen Gewaltausbrüche zu Massenvertreibungen.

Syrien nach wie vor größte Vertreibungskrise

Syrien ist weiterhin das Epizentrum einer massiven humanitären Krise. Fast 12 Millionen Menschen brauchen humanitäre Hilfe. Bisher wurde die Hälfte der vor dem Krieg gezählten Bevölkerung zur Flucht gezwungen.

Insgesamt 6,5 Millionen Menschen sind innerhalb Syriens auf der Flucht, während 6,7 Millionen als Flüchtlinge jenseits der Grenzen Zuflucht gesucht haben.

In Syrien haben in den letzten paar Jahren erhebliche Verschiebungen in der territorialen Kontrolle stattgefunden, wobei die syrische Regierung im Süden und in der Mitte des Landes einen Großteil des Territoriums zurückerobern konnte.

Ende 2019 und Anfang 2020 führte eine Eskalation des Konflikts im Nordwesten des Landes zur Vertreibung von über 900.000 Menschen, von denen nun viele unter katastrophalen Umständen leben. Im Jahr 2019 wurden im Nordosten Syriens 220.000 Menschen durch eine türkische Militäroffensive vertrieben. In den staatlich kontrollierten Gebieten besteht nach wie vor ein enormer Bedarf.

Über 1,5 Millionen syrische Geflüchtete im Libanon und in Jordanien

Im Libanon leben weiterhin geschätzte 900.000 syrische und 500.000 palästinensische Geflüchtete. Das entspricht einer der weltweit größten Flüchtlingskonzentrationen pro Kopf.

Mitte Oktober 2019 brachen landesweit Proteste aus, die vom Zerfall einer Wirtschaft losgetreten wurden, die über mehrere Jahre allmählich zusammengebrochen war. Der Wirtschaftskollaps in Verbindung mit den Covid-19-Maßnahmen droht die riesige Flüchtlingsbevölkerung im Land unverhältnismäßig hart zu treffen.

Über 650.000 Geflüchtete aus Syrien sind in Jordanien registriert. 83 Prozent leben landesweit in städtischen Gebieten, während der Rest in Flüchtlingslagern untergebracht ist.

Die neuesten Umfragen zeigen, dass unter den syrischen Geflüchteten nach wie vor ein starker Wunsch besteht, irgendwann in ihr Heimatland zurückzukehren. Sie werden jedoch erst zurückkehren, wenn sie sich dort sicher fühlen, ihr Eigentum wieder in Besitz nehmen und ihre Familie ernähren können und Zugang zu Grundversorgungsleistungen bekommen.

Für die meisten vertriebenen Syrerinnen und Syrer liegt eine Rückkehr in ferner Zukunft.

Ein kleiner Junge vor dem zerstörten Gebäude, in dem er wohnt. Rund 650 Familien leben in dieser inoffiziellen Siedlung in Anbar im Irak mit mangelhafter Wasser- und Stromversorgung. Foto: Tom Peyre-Costa/NRC

Irak: Zerstörung, Diskriminierung und anhaltende Vertreibung

Der Irak bleibt Krisenland, obgleich bereits drei Jahre vergangen sind, seitdem die Niederlage des sogenannten Islamischen Staates erklärt wurde. Rund 1,6 Millionen Menschen sind weiterhin innerhalb des Landes auf der Flucht. Die Zerstörung von Städten und Dörfern sowie die Diskriminierung von Vertriebenen, insbesondere Frauen, stellen für die Rückkehr und den Wiederaufbau schwer überwindbare Hindernisse dar.

Der Irak hat darüber hinaus fast 250.000 syrische Flüchtlinge aufgenommen, einschließlich der Menschen, die kürzlich vor der türkischen Militäroffensive im Norden Syriens geflohen sind.

Im Jahr 2019 war eine wachsende wirtschaftliche und politische Krise sowie eine Zunahme der Angriffe durch den sogenannten Islamischen Staat zu beobachten.

Die zahlreichen Krisen im Irak wurden durch die Covid-19-Pandemie weiter verschärft. Die Folgen des Lockdowns und der Einbruch des internationalen Ölpreises führten zu einem nie da gewesenen wirtschaftlichen Niedergang.

Annexion des Westjordanlandes untergräbt palästinensische Rechte weiter

Die rund fünf Millionen Palästinenserinnen und Palästinenser im besetzten Gebiet leben nach wie vor in Unsicherheit. Die Hälfte von ihnen ist auf humanitäre Hilfe angewiesen.

Palästinenser sammeln ihre Habseligkeiten ein, nachdem israelische Streitkräfte ihr Haus in Yatta, Westjordanland, südlich von Hebron, im Juni 2020 zerstört haben. Foto: Abed Al Hashlamoun/EPA/NTB Scanpix

Mit der stillschweigenden Ermutigung der Vereinigten Staaten will die im April 2020 neu gebildete israelische Regierung große Teile des Westjordanlandes annektieren. Der Plan sieht vor, dass das Jordantal, das etwa ein Drittel des Westjordanlandes umfasst, unter die israelische Souveränität fallen soll. Ein Großteil der palästinensischen Bevölkerung im Westjordanland und im Gazastreifen wird in den Enklaven unter der nominellen Kontrolle der Palästinensischen Autonomiebehörde oder der Hamas verbleiben.

Inmitten dieser Situation und trotz des Ausbruchs der Covid-19-Pandemie nehmen Abrisse, Zwangsräumungen und Androhung von Zwangsumsiedlung weiter ihren Lauf. Seit dem Ausbruch von Covid-19 in Israel und Palästina wurden im Westjordanland, einschließlich Ostjerusalem, 69 Gebäude abgerissen, wobei 63 Menschen gewaltsam vertrieben und 417 weitere betroffen wurden.

Nach wie vor schlimmste humanitäre Krise der Welt

Nach über fünf Jahren Krieg und katastrophaler humanitärer Krise sind die Aussichten für den Jemen noch immer düster. Das Ausmaß und die Schwere der Krise führen dazu, dass die Vereinten Nationen es immer noch als schlimmste humanitäre Krise der Welt bezeichnen.

Ein Vertriebener in einem Lager im Nordjemen. In diesem Lager leben über 1.000 Menschen, die durch eskalierende Kämpfe im Jahr 2019 zur Flucht aus ihrer Heimat gezwungen waren. Foto: Yahya Arhab/EPA/NTB Scanpix

Die Situation in diesem kriegszerrütteten Land wurde durch die Covid-19-Pandemie weiter verschärft. Das Versagen der internationalen Hilfe könnte eine massive Hungerkatastrophe und Ausbrüche von Cholera, Corona und weiteren Krankheiten auslösen.

Im Frühjahr 2020 waren über 5,5 Millionen Menschen in Gefahr, ihren Zugang zu Lebensmitteln, Wasser und Medikamenten zu verlieren.

Rund 24 Millionen Menschen – 80 Prozent der Gesamtbevölkerung – brauchen Hilfe und Schutz. Für die Hälfte von ihnen ist der Bedarf dringend.

Konflikt, Dürre und politische Instabilität in Afghanistan

Nach 40 Jahren Krieg und Konflikt brauchen immer noch neun Millionen Afghaninnen und Afghanen humanitäre Hilfe. Insgesamt drei Millionen Menschen sind ins Ausland geflohen, die meisten in die Nachbarländer Iran und Pakistan.

Fast drei Millionen sind durch den Konflikt im eigenen Land auf der Flucht. 461.000 davon wurden allein im Jahr 2019 vertrieben. Darüber hinaus sind Hunderttausende aufgrund von Dürren geflohen.

Mohammad Jamal, 45, und seine Familie sind für ihre Wasserversorgung von ihren Nachbarn und nahe gelegenen Geschäften abhängig. Das Leben in dieser dürregeplagten Region der Provinz Herat, Afghanistan, ist schwer. Foto: Enayatullah Azad/NRC

Viele derjenigen, die seit langer Zeit innerhalb des Landes auf der Flucht sind, leben in slumartigen Siedlungen in oder in der Umgebung der Hauptstadt Kabul. Diese Gebiete sind übervölkert, wodurch das Risiko eines Coronavirus-Ausbruchs sehr hoch ist. Die dort lebenden Menschen haben keinen Zugang zu sauberem Wasser und die hygienischen Bedingungen sind katastrophal.

Die Dürre im Westen des Landes in Kombination mit der schlechten Sicherheitslage, der politischen Instabilität, einem hohen Unterernährungsniveau bei Kindern unter fünf Jahren und der zunehmenden Armut machen vielen Afghaninnen und Afghanen den Alltag extrem schwer.

Rund 90 Prozent der Bevölkerung leben von weniger als 1,90 US-Dollar (1,68 Euro) pro Tag, was der internationalen Armutsgrenze entspricht.

Rund 90 Prozent der Bevölkerung leben von weniger als 1,90 US-Dollar (1,68 Euro) pro Tag, was der internationalen Armutsgrenze entspricht.

Rund 90 Prozent der Bevölkerung leben von weniger als 1,90 US-Dollar (1,68 Euro) pro Tag, was der internationalen Armutsgrenze entspricht.

Trotz der schwierigen Situation in Afghanistan kehren manche Vertriebene in ihre Heimat zurück. Im Frühjahr 2020 verließen viele aus Angst vor dem Coronavirus wieder den Iran. Zurückkehrende werden jedoch nicht getestet. Die humanitäre Reaktion konzentriert sich auf Hygienemaßnahmen und Information.

Ein politischer Lichtblick ist, dass die Taliban am 20. Mai erklärt haben, das Abkommen mit den Vereinigten Staaten weiterhin zu unterstützen. Nach dieser Vereinbarung werden sich die USA bis 2021 vollständig aus Afghanistan zurückziehen .

Rohingya weiterhin im Exil

Sie sind staatenlos. Sie wurden vertrieben. Sie werden seit Jahrzehnten missachtet. Das sind die Gründe, warum die Vereinten Nationen die Rohingya aus dem Bundesstaat Rakhaing in Myanmar als eins der meistverfolgten Völker der Welt bezeichnen.

Im Jahr 2015 standen die Rohingya ganz oben auf der Liste der vergessenen Krisen. Leider wurde seitdem noch immer keine politische Lösung gefunden und die Tragödie wird immer schlimmer. Eine militärische Gegenoffensive in Rakhaing im August 2017 zwang über 700.000 Rohingya zur Flucht ins benachbarte Bangladesch, wo sie seitdem festsitzen.

Der offizielle Flüchtlingsstatus wird ihnen von der Regierung von Bangladesch verweigert und sie können praktisch nicht nach Myanmar zurück, wo sie Gewalt und Verfolgung befürchten müssen. Darüber hinaus sind die vertriebenen Rohingya besonders gefährdet, in die Hände von skrupellosen Menschenhändlern zu fallen.

Insgesamt leben in Bangladesch rund 900.000 vertriebene Rohingya verteilt auf 34 Lager. Die Hilfe, die sie in Bezug auf Schutz, Gesundheit und Hygiene, Bildung und Unterkünfte bekommen, ist überschaubar.

Die beengten Bedingungen und ihr ohnehin schon schlechter Gesundheitszustand machen die Flüchtlinge besonders anfällig für die Coronavirus-Pandemie.

Langjährige Konflikte in Myanmar

Der Konflikt zwischen den Behörden und diversen ethnischen Minderheiten ist in Myanmar tief verwurzelt. Seit der Unabhängigkeit von den Briten im Jahr 1948 finden im Land bewaffnete Konflikte statt. Wenn es zwischen einigen der Gruppen zu Waffenstillstandsvereinbarungen kommt, geht die Gewalt an anderer Stelle weiter.

Das Flüchtlingslager in Cox’s Bazar, Bangladesch, ist auf Sandhügeln errichtet – schwieriges Gelände für die Unterbringung Tausender Flüchtlinge. Während der Monsunzeit kommt es hier regelmäßig zu Erdrutschen. Foto: Ingebjørg Kårstad/NRC

Nach Schätzungen der Vereinten Nationen brauchen 950.000 Menschen in Myanmar humanitäre Hilfe. 240.000 davon wurden in den Konfliktregionen der Grenzgebiete zu China, Bangladesch und Thailand vertrieben.

In Thailand leben noch 97.000 Geflüchtete aus Myanmar in neun Lagern. Die meisten von ihnen leben dort seit Jahrzehnten.

Das Flüchtlingslager in Cox’s Bazar, Bangladesch, ist auf Sandhügeln errichtet – schwieriges Gelände für die Unterbringung Tausender Flüchtlinge. Während der Monsunzeit kommt es hier regelmäßig zu Erdrutschen. Foto: Ingebjørg Kårstad/NRC

Das Flüchtlingslager in Cox’s Bazar, Bangladesch, ist auf Sandhügeln errichtet – schwieriges Gelände für die Unterbringung Tausender Flüchtlinge. Während der Monsunzeit kommt es hier regelmäßig zu Erdrutschen. Foto: Ingebjørg Kårstad/NRC

Amerika

Die 21-jährige Venezolanerin Joseides trauert. Sie und ihr Mann betrauern den Tod ihres jüngsten Kindes, das im Alter von nur neun Monaten starb, da die Eltern es sich seine nicht leisten konnten, es medizinisch versorgen zu lassen. Foto: Ingebjørg Kårstad/NRC

Die 21-jährige Venezolanerin Joseides trauert. Sie und ihr Mann betrauern den Tod ihres jüngsten Kindes, das im Alter von nur neun Monaten starb, da die Eltern es sich seine nicht leisten konnten, es medizinisch versorgen zu lassen. Foto: Ingebjørg Kårstad/NRC

Ein Mitglied der Bande MS-13 im Gefängnis von Chalatenango, El Salvador. Diese kriminelle Bande wurde in den 1970ern in Los Angeles gegründet – ursprünglich mit dem Zweck, salvadorianische Eingewanderte zu schützen. Foto: Marvin Recinos/AFP/NTB Scanpix

Ein Mitglied der Bande MS-13 im Gefängnis von Chalatenango, El Salvador. Diese kriminelle Bande wurde in den 1970ern in Los Angeles gegründet – ursprünglich mit dem Zweck, salvadorianische Eingewanderte zu schützen. Foto: Marvin Recinos/AFP/NTB Scanpix

Viele Händler haben aufgrund der Wirtschaftskrise ihren Stand auf diesem venezolanischen Markt verloren. Früher gab es hier 167 Händler, bis Mitte 2019 waren nur noch weniger als die Hälfte übrig. Foto: Ingebjørg Kårstad/NRC

Viele Händler haben aufgrund der Wirtschaftskrise ihren Stand auf diesem venezolanischen Markt verloren. Früher gab es hier 167 Händler, bis Mitte 2019 waren nur noch weniger als die Hälfte übrig. Foto: Ingebjørg Kårstad/NRC

Demonstrierende in Tegucigalpa, Honduras, fordern im Oktober 2019 den Rücktritt des honduranischen Präsidenten Orlando Hernandez wegen seiner angeblichen Verbindungen zum Drogenhandel. Foto: Orlando Sierra/AFP/NTB Scanpix

Demonstrierende in Tegucigalpa, Honduras, fordern im Oktober 2019 den Rücktritt des honduranischen Präsidenten Orlando Hernandez wegen seiner angeblichen Verbindungen zum Drogenhandel. Foto: Orlando Sierra/AFP/NTB Scanpix

Honduranische Migrierende auf dem Weg zur guatemaltekischen Grenze im April 2019. Fast 1.000 Menschen fanden sich auf der Suche nach Arbeit oder auf der Flucht vor Drogenhändlern in einer Karawane in die Vereinigten Staaten zusammen. Foto: Orlando Sierra/AFP/NTB Scanpix

Honduranische Migrierende auf dem Weg zur guatemaltekischen Grenze im April 2019. Fast 1.000 Menschen fanden sich auf der Suche nach Arbeit oder auf der Flucht vor Drogenhändlern in einer Karawane in die Vereinigten Staaten zusammen. Foto: Orlando Sierra/AFP/NTB Scanpix

Es gibt mindestens drei humanitäre Krisen in Lateinamerika, die besonders herausstechen

Ein Mitglied der Bande MS-13 im Gefängnis von Chalatenango, El Salvador. Diese kriminelle Bande wurde in den 1970ern in Los Angeles gegründet – ursprünglich mit dem Zweck, salvadorianische Eingewanderte zu schützen. Foto: Marvin Recinos/AFP/NTB Scanpix

Die extreme Gewalt in Lateinamerika geht hauptsächlich von organisierten kriminellen Banden aus. Sie betrifft ganze Bevölkerungsgruppen und besonders Kinder und Jugendliche.

Der Verlust menschlichen Lebens und die Anzahl Vertriebener entspricht einem Kriegsgebiet.

In Venezuela kämpft die Bevölkerung mit Inflation, tiefer Armut, steigender Kriminalität und Lebensmittel- und Medikamentenengpässen. Bis zum Frühjahr 2020 hatten über fünf Millionen Menschen das Land verlassen.

Viele Händler haben aufgrund der Wirtschaftskrise ihren Stand auf diesem venezolanischen Markt verloren. Früher gab es hier 167 Händler, bis Mitte 2019 waren nur noch weniger als die Hälfte übrig. Foto: Ingebjørg Kårstad/NRC

Kolumbien ist nach wie vor ein geteiltes Land mit großen Gegensätzen. Trotz des 2016 geschlossenen Friedensabkommens zwischen der Regierung und der ehemaligen bewaffneten Gruppe FARC geht der Konflikt in vielen ländlichen Regionen weiter.

Weitere Proteste warten

Schon vor der Covid-19-Pandemie hatte Lateinamerika sieben Jahre lang eine schwache wirtschaftliche Entwicklung zu verzeichnen Im Herbst 2019 löste dies in mehreren Ländern wie zum Beispiel Chile, Ecuador, Kolumbien, Nicaragua und Honduras soziale Proteste aus. Die Gefahr weiterer Unruhen und Polarisierung in den kommenden Monaten ist groß.

In mehreren lateinamerikanischen Ländern sind große Teile der Bevölkerung im inoffiziellen Sektor oder in der Schwarzmarktwirtschaft tätig, ohne jegliches Sicherheitsnetz. In den Ländern und Regionen, die bereits in einer humanitären Krise stecken, könnten die Folgen dramatisch sein – Zentralamerika, Venezuela und Kolumbien.

Zentralamerika: Gewalt prägt den Alltag von Millionen

Die Kombination von Drogen, Armut und Straffreiheit hat in Zentralamerika zu extremer Gewalt geführt.

Die Gewaltspirale behindert die wirtschaftliche Entwicklung und das Wachstum in der Region. Den Ländern fehlen Investitionen und die Gewalt löst in der Bevölkerung Angst und Traumata aus. Die kriminellen Banden sind auch an Menschenhandel beteiligt und Kinder werden als Drogenkuriere und Waffenträger missbraucht.

Vertreibung und Tod durch organisiertes Verbrechen

Nirgendwo anders auf der Welt hat organisierte Kriminalität größere Auswirkungen auf das Leben der Menschen als in Zentralamerika. Die Gewalt ist häufig der Auslöser für die Flut von Flüchtlingen und Migrierenden, die sich in Richtung Norden zur US-Grenze bewegen. Die Menschen leben seit Jahrzehnten mit Armut, Korruption, krimineller Straflosigkeit und schwachen staatlichen Institutionen. Dennoch veranlassen Drohungen und Gewalt viele Menschen, ihr Zuhause und ihre Familien zu verlassen.

Obwohl die Mordrate in Honduras, El Salvador und Guatemala seit 2016 fällt, ist die Gewalt immer noch allgegenwärtig. Allein im Jahr 2019 wurden in El Salvador 454.000 Menschen innerhalb des Landes vertrieben.

Demonstrierende in Tegucigalpa, Honduras, fordern im Oktober 2019 den Rücktritt des honduranischen Präsidenten Orlando Hernandez wegen seiner angeblichen Verbindungen zum Drogenhandel. Foto: Orlando Sierra/AFP/NTB Scanpix

Jugendliche – eine gefährdete Gruppe

Die von kriminellen Netzwerken ausgeübte Gewalt trifft junge Menschen besonders hart. Jugendliche fliehen aufgrund von Morden an Familienmitgliedern, Zwangrekrutierung durch Banden, sexualisierter Gewalt, Angst vor Entführung oder allgemeiner Unsicherheit.

In den letzten acht Jahren wurden allein in Guatemala 9.000 Kinder als vermisst gemeldet. Weltweit gibt es fast 470.000 Geflüchtete und Asylsuchende aus El Salvador, Guatemala und Honduras. Die Zahl ist seit 2018 um 33 Prozent gestiegen.

Vertrieben in Zeiten von Trump und Covid-19

Die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie haben die Möglichkeiten, Menschen mit humanitärer Hilfe zu erreichen, eingeschränkt. Für Vertriebene ist es aufgrund der geschlossenen Grenzen schwieriger geworden, in die Nachbarländer zu gelangen.

Dennoch versuchen viele aus El Salvador und Honduras zu fliehen, doch die nordamerikanischen Behörden verhaften Migrierende und Menschen, die internationalen Schutz brauchen, und schicken sie zur Grenze zwischen Guatemala und Mexiko. Viele, die sich in Internierungslagern in der Nähe der US-Grenze aufgehalten hatten, wurden von der mexikanischen Polizei ebenfalls zurückgeschickt.

Honduranische Migrierende auf dem Weg zur guatemaltekischen Grenze im April 2019. Fast 1.000 Menschen fanden sich auf der Suche nach Arbeit oder auf der Flucht vor Drogenhändlern in einer Karawane in die Vereinigten Staaten zusammen. Foto: Orlando Sierra/AFP/NTB Scanpix

Präsident Donald Trump sagte 2019, dass illegale Einwanderung die Sicherheit der Vereinigten Staaten bedrohe. Er schloss eine neue Vereinbarung mit Mexiko. Seit die neuen Regeln eingeführt wurden, wurden über 62.000 Migrierende und Asylsuchende, denen es gelungen war, die Grenze zu überqueren, in die Grenzstädte auf mexikanischer Seite zurückgeschickt.

Während ihre Asylanträge bearbeitet werden, sind Tausende dazu gezwungen, auf mexikanischem Grund auszuharren, wo sie in großer Unsicherheit und mit minimaler Unterstützung in Gebieten leben, in denen die mexikanischen Drogenkartelle viel Macht und Einfluss besitzen.

Kolumbien – eine gespaltene Gesellschaft

Das Friedensabkommen zwischen der kolumbianischen Regierung und der bewaffneten Gruppe FARC wurde als großer Erfolg angesehen. Die Umsetzung des Abkommens erwies sich indes als problematisch. Die Gegensätze sind in Kolumbien nach wie vor sehr ausgeprägt, wie die landesweiten Demonstrationen gegen Korruption, die Ermordungen sozialer Führungskräfte und extreme Ungleichheit zeigen, die im Herbst 2019 stattfanden. Das Land hat rund 1,8 venezolanische Geflüchtete aufgenommen. Und zu all dem kommt noch die Covid-19-Pandemie hinzu.

Trauernde bei der Beisetzung von fünf einheimischen Wachleuten, die bei einem Angriff in Kolumbien im Oktober 2019 getötet wurden. Die Gewalt sucht weiterhin die ländlichen Gebiete heim und die einheimische Bevölkerung ist besonders gefährdet. Foto: Luis Robayo/AFP/NTB Scanpix

Da die Regierung in vielen ländlichen Teilen des Landes nach wie vor nicht präsent ist, werden große Gebiete, die vormals von der FARC kontrolliert wurden, nun von kriminellen Banden, der Nationalen Befreiungsarmee (ELN) und Guerilla- und paramilitärischen Gruppen besetzt.

Die Regierung war nicht in der Lage, ihren eigenen Bürgerinnen und Bürgern Schutz zu bieten. Seit Unterzeichnung des Friedensabkommens wurden insgesamt 750 soziale Führungskräfte und fast 200 demobilisierte FARC-Soldaten getötet. Obwohl die paramilitärischen Gruppen im Jahr 2005 auf dem Papier aufgelöst wurden, ist offensichtlich, dass sie nach wie vor existent und aktiv sind.

Das Friedensabkommen von 2016 versprach Verbesserungen für die Menschen in den ländlichen Gebieten, getan hat sich jedoch wenig. Das erklärt auch, warum viele Landwirte weiterhin bedroht und gezwungen werden, Koka anzubauen, was die kriminellen Organisationen und andere bewaffnete Gruppen stärkt.

Luftaufnahme einer Kokaplantage in Tumco, Kolumbien. Trotz des Friedensabkommens von 2016 werden viele Bauern noch immer von kriminellen Organisationen und bewaffneten Gruppen zum Kokaanbau gezwungen. Foto: Mauricio Dueñas Castañeda/EFE/NTB Scanpix

Die meisten Vertriebenen in Kolumbien stammen aus ländlichen Regionen. Die anhaltende Unsicherheit und die Gewalt bedeuten für viele, dass sie nicht zurückkehren können.

Venezuela – die größte Migrationskrise Lateinamerikas

Im Jahr 2015 hatten 700.000 Venezolanerinnen und Venezolaner ihr Heimatland verlassen. Im April 2020 erreichte diese Zahl fünf Millionen. Der Mangel an Lebensmitteln und Medikamenten, zunehmende Kriminalität, politische Gewalt und Sanktionen haben das Leben dort unerträglich gemacht. Ein Strom venezolanischer Flüchtlinge ist in die Nachbarländer gezogen.

Sabina Florez, 59, arbeitet in einer Schulküche in der Nähe der venezolanischen Hauptstadt Caracas. Sie und ihre Familie sind zum Überleben von Suppenküchen abhängig. Foto: Ingebjørg Kårstad/NRC

Der große Zustrom von Geflüchteten aus Venezuela in lateinamerikanischen Ländern überfordert die lokalen Kapazitäten. Zusätzlich sind Venezolanerinnen und Venezolaner nun verschiedenen Arten von Schikane ausgesetzt. Es wird auch von Rekrutierung in kriminelle und bewaffnete Gruppen berichtet. Frauen und Kinder sind sexueller Ausbeutung ausgesetzt und viele sind dazu gezwungen, sich mit Prostitution über Wasser zu halten.

Die humanitäre Hilfe ist begrenzt und die Menschen kämpfen täglich ums Überleben. Es fehlt ihnen an Bildung, medizinischer Versorgung und Arbeitsplätzen.

Die meisten sind ins benachbarte Kolumbien gezogen, einige haben aber auch in Brasilien, Chile, Ecuador, Panama und Peru Zuflucht gesucht. Die Covid-19-Pandemie hat viele verzweifelte venezolanische Geflüchtete und Migrierte dazu veranlasst, eine Rückkehr nach Venezuela in Erwägung zu ziehen. Über 70.000 Menschen sind über die kolumbianische Grenze in ihre Heimat zurückgekehrt.

Nach dem regionalen humanitären Reaktionsplan für 2020 werden 1,41 Milliarden US-Dollar (1,25 Milliarden Euro) für die humanitäre Arbeit benötigt. Bisher wurden erst 15 Prozent dieser Summe bereitgestellt.

Trauernde bei der Beisetzung von fünf einheimischen Wachleuten, die bei einem Angriff in Kolumbien im Oktober 2019 getötet wurden. Die Gewalt sucht weiterhin die ländlichen Gebiete heim und die einheimische Bevölkerung ist besonders gefährdet. Foto: Luis Robayo/AFP/NTB Scanpix

Trauernde bei der Beisetzung von fünf einheimischen Wachleuten, die bei einem Angriff in Kolumbien im Oktober 2019 getötet wurden. Die Gewalt sucht weiterhin die ländlichen Gebiete heim und die einheimische Bevölkerung ist besonders gefährdet. Foto: Luis Robayo/AFP/NTB Scanpix

Luftaufnahme einer Kokaplantage in Tumco, Kolumbien. Trotz des Friedensabkommens von 2016 werden viele Bauern noch immer von kriminellen Organisationen und bewaffneten Gruppen zum Kokaanbau gezwungen. Foto: Mauricio Dueñas Castañeda/EFE/NTB Scanpix

Luftaufnahme einer Kokaplantage in Tumco, Kolumbien. Trotz des Friedensabkommens von 2016 werden viele Bauern noch immer von kriminellen Organisationen und bewaffneten Gruppen zum Kokaanbau gezwungen. Foto: Mauricio Dueñas Castañeda/EFE/NTB Scanpix

Sabina Florez, 59, arbeitet in einer Schulküche in der Nähe der venezolanischen Hauptstadt Caracas. Sie und ihre Familie sind zum Überleben von Suppenküchen abhängig. Foto: Ingebjørg Kårstad/NRC

Sabina Florez, 59, arbeitet in einer Schulküche in der Nähe der venezolanischen Hauptstadt Caracas. Sie und ihre Familie sind zum Überleben von Suppenküchen abhängig. Foto: Ingebjørg Kårstad/NRC

Europa

Tausende Migrierende warten im März 2020 darauf, die Grenze von der Türkei nach Griechenland überqueren zu können. Der Strom von Migrierenden aus der Türkei hat in der EU Befürchtungen ausgelöst, dass 2015 sich wiederholen könnte, als Griechenland zum wichtigsten Einreisepunkt für Flüchtlinge des syrischen Bürgerkriegs wurde. Foto: Sakis Mitrolidis/AFP/NTB Scanpix

Tausende Migrierende warten im März 2020 darauf, die Grenze von der Türkei nach Griechenland überqueren zu können. Der Strom von Migrierenden aus der Türkei hat in der EU Befürchtungen ausgelöst, dass 2015 sich wiederholen könnte, als Griechenland zum wichtigsten Einreisepunkt für Flüchtlinge des syrischen Bürgerkriegs wurde. Foto: Sakis Mitrolidis/AFP/NTB Scanpix

Im Jahr 2016 erzielte die EU eine Einigung mit der Türkei, nach der die Türkei Flüchtlinge an der Einreise nach Griechenland hindern, und Geflüchtete aufnehmen sollte, die von dort zurückkehrten. Im Gegenzug sollte die EU finanzielle Unterstützung für die Geflüchteten in der Türkei bereitstellen.

Die Vereinbarung führte zu einem starken Rückgang der Anzahl Asylsuchender, die in Griechenland ankamen. Insgesamt befinden sich in der Türkei fast 4 Millionen Geflüchtete und Asylsuchende. Die meisten stammen aus Syrien.

Im März 2020 drohte die Türkei, das Abkommen zu brechen, und erlaubte es einer großen Anzahl Asylsuchender, die Grenze nach Griechenland zu überqueren. Dies war ein Protest gegen die mangelnde Unterstützung der EU für die türkischen Militäroperationen in Syrien. Die griechischen Behörden versuchten die Asylsuchenden an der Einreise ins Land zu hindern und mehrere wurden über die Grenze zurückgeschickt, ohne dass ihr Asylantrag bearbeitet wurde, was einen Verstoß gegen die Flüchtlingskonvention darstellt.

Geflüchtete leben unter inakzeptablen Bedingungen

Ein Kind sammelt Brauchbares aus dem Abfall im Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos. Das Lager ist schwer übervölkert und die hygienischen Bedingungen sind katastrophal. Foto: Florian Bachmeier/Imagebroker/NTB Scanpix

Griechenland hat große Probleme, die 186.000 Flüchtlinge und Asylsuchenden im Land zu versorgen, seit der Rest Europas begonnen hat, Asylsuchenden die Reise in andere Länder zu verweigern.

Vielerorts sind die humanitären Bedingungen katastrophal.

Im Flüchtlingslager Moria auf Lesbos sind 19.000 Geflüchtete und Migrierende untergebracht – ursprünglich war das Lager auf 3.000 Menschen ausgelegt. Die hygienischen Zustände sind sehr schlecht und das Lager ist daher besonders anfällig für Coronavirus-Ausbrüche.

Ein Kind sammelt Brauchbares aus dem Abfall im Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos. Das Lager ist schwer übervölkert und die hygienischen Bedingungen sind katastrophal. Foto: Florian Bachmeier/Imagebroker/NTB Scanpix

Ein Kind sammelt Brauchbares aus dem Abfall im Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos. Das Lager ist schwer übervölkert und die hygienischen Bedingungen sind katastrophal. Foto: Florian Bachmeier/Imagebroker/NTB Scanpix

Ein Boot mit 54 afghanischen Flüchtenden kommt auf der griechischen Insel Lesbos an. Im Jahr 2019 kamen 60.000 Flüchtlinge und Migrierende über das Mittelmeer nach Griechenland. Foto: Angelos Tzortzinis/dpa/NTB Scanpix

Ein Boot mit 54 afghanischen Flüchtenden kommt auf der griechischen Insel Lesbos an. Im Jahr 2019 kamen 60.000 Flüchtlinge und Migrierende über das Mittelmeer nach Griechenland. Foto: Angelos Tzortzinis/dpa/NTB Scanpix

Keine Einigung in der EU

Die EU-Länder konnten sich noch nicht auf eine bindende Verantwortungsteilung einigen und nur wenige Länder waren bisher bereit, derzeit in Griechenland lebende Asylsuchende aufzunehmen. Das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) hat die europäischen Länder dazu aufgefordert, Asylsuchende aus den Lagern aufzunehmen, insbesondere die 4.500 unbegleiteten Kinder, die sich derzeit in Griechenland aufhalten.

Elf EU-Länder, allen voran Deutschland, haben sich bereit erklärt, 1.600 unbegleitete Minderjährige und andere gefährdete Personen aus den griechischen Lagern als Asylsuchende aufzunehmen.

Migrationsrouten ändern sich

Im Jahr 2019 überquerten 60.000 Flüchtende und Migrierende das Mittelmeer, um nach Griechenland zu gelangen – das sind im Vergleich zum Vorjahr fast doppelt so viele. Zusätzlich überquerten 15.000 Menschen die Grenze von der Türkei aus.

Ein Boot mit 54 afghanischen Flüchtenden kommt auf der griechischen Insel Lesbos an. Im Jahr 2019 kamen 60.000 Flüchtlinge und Migrierende über das Mittelmeer nach Griechenland. Foto: Angelos Tzortzinis/dpa/NTB Scanpix

Dies steht in scharfem Kontrast zu dem Rückgang an Neuankömmlingen in Spanien und Italien. Lediglich 11.000 Menschen schafften es nach Italien, was weniger als 10 Prozent der Zahlen im Zeitraum zwischen 2014 und 2017 entspricht. Der Grund dafür ist, dass das Land es für Schiffe mit Flüchtlingen an Bord praktisch unmöglich gemacht hat, in italienischen Häfen anzulegen. Dieser Trend von 2019 hat sich in den ersten fünf Monaten des Jahres 2020 fortgesetzt.

2019 kamen insgesamt 613.000 Asylsuchende in die 27 EU-Länder. Das sind 64.000 mehr als im Vorjahr. Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan und Venezuela bildeten die größten Gruppen von Asylsuchenden. Deutschland, Frankreich und Spanien waren die Länder, die die meisten Asylsuchenden aufgenommen haben. Nur 2.300 Menschen beantragten in Norwegen Asyl, das ist die niedrigste Zahl seit Mitte der 1990er Jahre.