Lesen Beschriftung NORCAP-Experte Patric Mansour findet, dass Europa mehr Verantwortung für die Flüchtlingskrise in Griechenland hätte übernehmen müssen. „Griechenland ist ein kleines Land mit einer eigenen Finanzkrise, daher denke ich, die EU hätte erwägen sollen, mehr Fachwissen bereitzustellen, um Griechenland zu helfen“, sagt er. Foto: Tiril Skarstein/NRC

Jeden Tag für Menschenwürde im Einsatz

Ugljesa Lazarevic|Veröffentlicht 13. Mrz 2020|Bearbeitet 09. Mrz 2020
Als sein Einsatz im Jahr 2015 begann, stand Patric Mansour einem der größten Flüchtlingsströme nach Europa der Neuzeit gegenüber. Vier Jahre später überqueren immer noch Flüchtende und Migrierende das Mittelmeer, um in Griechenland Zuflucht zu suchen. Mansour findet, dass es für Europa höchste Zeit ist, Verantwortung zu übernehmen.

Seit Ende Januar beherbergt das Flüchtlingslager Moria auf Lesbos, das für 3.500 Menschen ausgelegt ist, nahezu 21.000 Flüchtlinge und Asylsuchende. In den Lagern leben mindestens 1.000 Kinder, die allein unterwegs sind, ohne Eltern oder Familienmitglieder, die sich um sie kümmern.

NORCAP-Experte Patric Mansour ist seit Beginn der Flüchtlingskrise im August 2015 auf Lesbos im Einsatz. Er hat miterlebt, wie sich das Lager verändert hat, wie Menschen kamen und gingen und wie bei den Lagerbewohnerinnen und -bewohnern, Gastgebergemeinden und griechischen Behörden Verzweiflung und Frust wuchsen.

„Die Bedingungen, die derzeit in den Lagern herrschen, haben sich seit Beginn der Krise vor vier Jahren nicht verbessert. Damals war ich erstaunt, dass solche Bedingungen in Europa, in einer funktionierenden Demokratie wie Griechenland, ohne vor der Krise vorhandene Konflikte oder Naturkatastrophen überhaupt entstehen können“, sagt er.

Nach vier Jahren enger Zusammenarbeit mit der humanitären Hilfe, anfangs im Rahmen seines Einsatzes beim UNHCR und später direkt beim Empfangs- und Identifizierungsdienst in Griechenland, ist Mansour nicht mehr schockiert, sondern glaubt fest daran, dass die Europäische Kommission Griechenland unterstützen muss – nicht nur finanziell, sondern auch durch die Entsendung von Fachleuten, die zur Bewältigung der Krise beitragen können.

Auf vielen der griechischen Inseln leben Populationen von Geflüchteten und Asylsuchenden, welche die Kapazitäten der Lager weit übersteigen. In den Lagern auf Lesbos, seit vier Jahren Patric Mansours Zuhause, fehlt es an Dingen wie Chemietoiletten und Duschen; es fehlt an Sicherheit für die Familien in den Lagern, angemessenen Waschgelegenheiten, und auch die Qualität der Lebensmittel ist nicht so, wie sie sein sollte.

Mansour erklärt, dass lediglich 20 Prozent der Menschen in richtigen Unterkünften leben, während die Übrigen in kleinen Zelten untergebracht sind, die weder für den Sommer noch für den Winter eine geeignete Unterkunft darstellen. Patric merkt an, dass die Menschen zwischen sechs Monaten und eineinhalb Jahren unter diesen Umständen leben müssen.

Die Bemühungen, die Lager zu vergrößern oder neue Gebiete zu finden, in denen die Menschen bleiben können, waren nicht erfolgreich, da die einheimischen Gemeinden gegen die Gründung neuer Standorte protestieren. Die Flüchtlinge und Asylsuchenden demonstrieren ihrerseits gegen die Bedingungen in den überfüllten Lagern und die griechischen Behörden haben Schwierigkeiten, Lösungen zu finden.

Dennoch stellt Patric fest, dass es bei der Entwicklung der Kommunikation und Zusammenarbeit zwischen den Hauptakteuren bei der Lösung der Probleme rund um die Flüchtlingslager in Lesbos Fortschritte gibt. Seiner Meinung nach reicht es nicht, dass die Europäische Kommission Griechenland finanziell unterstützt – viel wichtiger sei Fachpersonal.

Lesen Beschriftung Auf den meisten griechischen Inseln leben Populationen von Geflüchteten und Asylsuchenden, welche die Kapazitäten der Lager weit übersteigen. Die Umsiedlung in andere EU-Staaten muss in Betracht gezogen werden, andernfalls, so Mansour, werden die Menschen nur von einem überfüllten griechischem Lager in ein anders geschoben. Foto: Tiril Skarstein/NRC

 

Die Arbeit als humanitärer Helfer

Mit dem Hintergrund als Politikwissenschaftler begann Patric Mansour seine Karriere 2003 bei der Schwedischen Behörde für internationale Entwicklungszusammenarbeit (Sida). Seine erste humanitäre Mission im Westjordanland führte dann zu NORCAP-Einsätzen in Indonesien während des Tsunamis von 2005 sowie Missionen in Nahost, Afrika, Zentralasien und schließlich zu seinem jüngsten Einsatz in Griechenland.

Seine Entscheidung, in der humanitären Hilfe zu arbeiten, hängt mit seinen persönlichen Erfahrungen mit Konflikten und ihren Ursachen zusammen: Er wurde 1982 während der Invasion Israels und des Bürgerkriegs im Libanon geboren und er war wie viele andere mit seiner Familie zur Flucht gezwungen.

„Als Kind habe ich alles gesehen und das hat mich geprägt. Aus einem Konfliktgebiet ins nächste mit vielen anderen Binnenvertriebenen, das hat mich geprägt. Da erfährt man am eigenen Leib, wie die Zivilbevölkerung betroffen ist und leidet.“

Aufgrund seiner eigenen Erfahrungen war es für ihn keine Frage, im humanitären Bereich zu arbeiten und dazu beizutragen, Vertriebenen zu helfen. Seine Familie zog nach Schweden, wo er Politikwissenschaften studierte, wobei er sich auf den humanitären Aspekt spezialisierte. Darüber hinaus entwickelte er Interesse für Nachkonfliktforschung und Möglichkeiten, Menschen zu helfen, die von einer Flüchtlingskrise betroffen sind.

Für Patric bedeutet die Arbeit als humanitärer Helfer ständiges Multitasking und schnelles, flexibles Denken. Selbst wenn er seinen Tag komplett geplant hat, bevor er zur Arbeit kommt, ist es nicht unwahrscheinlich, dass etwas geschieht, das ihn dazu zwingt, seine Aufgaben neu zu organisieren.

„In dem Moment, in dem man zur Arbeit kommt, ist man bereits mit den Dingen, die zu tun sind, bereits in Verzug“, sagt Patric.

Bedeutung der Zusammenarbeit mit allen Akteuren

Während seines Einsatzes auf Lesbos war Patric anfangs für die Koordination der humanitären Maßnahmen auf der Insel verantwortlich. Das bedeutete, mit allen Hilfsorganisationen und Behörden zu sprechen und die vielen Freiwilligeninitiativen einzubeziehen, die als Reaktion auf die Krise ins Leben gerufen wurden.

„Wir hatten Probleme, alle an einen Tisch zu bekommen und uns auf einen gemeinsamen Weg zu einigen. Das ist jedoch wichtig, um sowohl doppelte Arbeit als auch Lücken in der Reaktion zu vermeiden, aber die Situation änderte sich ständig, die griechischen Behörden waren überlastet und manche Hilfsinitiativen wollten nicht mit uns kooperieren. Deshalb hatten wir wirklich alle Hände voll zu tun“, erinnert er sich.

Ein paar Jahre später schraubten die UN und andere Hilfsorganisationen ihre Präsenz auf den Inseln zurück. Auch Patrics Einsatz änderte sich: von der Arbeit für die UN zum Einsatz beim Empfangs- und Identifizierungsdienst.

„Diese Veränderung ermöglichte es mir, für die griechischen Behörden Kapazitäten mit Verständnis für die humanitären Koordinationsmechanismen aufzubauen“, sagt er.

Bis zum Ende seines Einsatzes im Januar 2020 war Patrics Rolle eng mit der Koordination der Lager verbunden – er kümmerte sich um kurzfristig auftretende Probleme und die Verbesserung der Lebensmittelverteilung sowie um die rechtlichen Aspekte und Verfahren in Bezug auf Asylsuchende. Gespräche mit den Gemeinden und Behörden vor Ort waren ebenfalls sehr wichtig.

„Es ist wichtig, mit allen Akteuren vor Ort zusammenzuarbeiten, denn in den Lagern hilft man, Dinge zu reparieren, spricht mit den Behörden und liefert den Menschen Antworten und Erklärungen“, sagt Patric.

Sometimes we all need a superman! Depethe camp, Chios, Greece. Photo: NRC/Tiril Skarstein
Lesen Beschriftung Für das Wohlergehen der Geflüchteten ist es wichtig, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Foto: Tiril Skarstein/NRC

 

Vertrauen ist der Schlüssel

Trotz der schlechten Lebensbedingungen in den Lagern ist es für das Wohlergehen der Geflüchteten wichtig, ein Vertrauensverhältnis zu ihnen aufzubauen. Sie nehmen humanitäre Hilfskräfte nicht als etwas Negatives wahr. Patric betont, dass in den viereinhalb Jahren, die sein Einsatz dauerte, keine humanitäre Hilfskraft durch Unruhen zu Schaden gekommen ist. Die Menschen wenden sich an sie, wenn sie einen Rat oder Hilfe brauchen, auf freundschaftlicher Basis und ohne jegliche Feindseligkeiten. Patric denkt, dass ein solches Vertrauensverhältnis durch Ehrlichkeit geschaffen wird.

Es gab Fälle, in denen NGOs Versprechungen gemacht haben, die sie dann nicht halten konnten, war zu einem großen Vertrauensverlust geführt hat. Deshalb ist es wichtig, ehrlich zu sein und den Dialog mit den Menschen aufrechtzuerhalten. Patric drückt es so aus: den Menschen jeden Tag ihre Menschenwürde gewährleisten – das ist es, was wichtig und machbar ist.

„Wenn jemand um etwas bittet, gebe ich eine ehrliche Antwort. Ich sage, ich werde sehen, was ich tun kann, aber ich verspreche nichts, was nicht machbar ist. Wir können immer nach anderen Lösungen oder Möglichkeiten suchen“, schließt Patric.

Die Kommunikation verbessern

Auf die Frage, ob es beim Umgang mit der Flüchtlingskrise seit ihrem Beginn Fortschritte gebe, erklärt Patric, wie die Herangehensweise an die Flüchtlingsgemeinden verbessert wurde. Er setzte eine Strategie um, bei der die Behörden und die Flüchtlingsgemeinden wöchentlich zusammenkommen, um Fragen zu bestimmten Themen zu beantworten.

Die Gemeinden tragen ihre Frage zusammen und geben sie an Patric weiter, der sie wiederum an die jeweiligen Behörden weiterleitet. Diese Strategie trug dazu bei, die Situation zu entspannen, und Patric sagt, dass sie in 95 Prozent der Fälle erfolgreich gewesen sei. Die Strategie wurde jedoch von verwirrenden neuen Gesetzen überschwemmt; zudem nahmen Gewalt und Demonstrationen aufgrund der sich verschlechterten Bedingungen in Moria zu.

Kürzlich verabschiedete die griechische Regierung ein neues Asylgesetz, das viel Verwirrung unter den Geflüchteten als auch unter den lokalen Gemeinden und Behörden auslöste. Patric hat Zusammenkünfte initiiert, bei denen die Behörden sich mit den Gemeindeleitern treffen, um zu versuchen, offene Fragen dazu zu klären.

Was muss getan werden?

Vier Jahre, nachdem die ersten Boote auf Lesbos landeten, kommen immer noch täglich rund 200 Menschen auf der Insel an. Menschen auf der Flucht vor Konflikten, Gewalt, wirtschaftlicher Not und den schwindenden Möglichkeiten für eine sichere Zukunft in ihren Heimatländern.

Trotz der Bemühungen der europäischen Länder, den Zustrom einzudämmen, und einiger Versuche, Griechenland von der großen Aufgabe zu entlasten, die ständig zunehmenden Asylanträge zu bearbeiten, wird das Land mit den Herausforderungen weitgehend allein gelassen. Das Ergebnis ist ein Rückstand von fast 90.000 Asylanträgen und tägliche Gewaltausbrüche in den Lagern von Menschen, die den Glauben an das System, an Europa und an ihre eigene Zukunft verlieren.

Patric Mansour betont, dass es nicht reicht, dass die Europäische Kommission Griechenland einfach nur finanziell bei der Bewältigung mit der Krise unterstützt. Er glaubt, dass Fachpersonal ebenso wichtig ist; Menschen, die in bestimmten Bereichen über Fachwissen verfügen, die technische Expertise bei der Durchführung der erforderlichen Maßnahmen bieten können.

Obwohl er objektiv bleibt, findet Patric, dass es ein Versäumnis der EU ist, nicht zu berücksichtigen, dass Griechenland eine eigene Krise hat und Expertenteams braucht, um die Flüchtlingskrise in den Griff zu bekommen.

„Während meiner Zeit hier waren vier verschiedene Migrationsminister im Amt und es gab zu viele Debatten, zu viele andere Prioritäten. Griechenland ist ein kleines Land mit einer eigenen Finanzkrise, daher denke ich, die EU hätte erwägen sollen, mehr Fachwissen bereitzustellen, um Griechenland zu helfen“, sagt er.

Außerdem erklärt Patric, wie sich die mangelnde Infrastruktur im Mangel an angemessenen, menschenwürdigen Unterkünften, Bildung und medizinischer Versorgung für Asylsuchende in Griechenland widerspiegelt.

„Aus diesem Grund sollte mit der Umsiedlung in andere EU-Staaten begonnen werden. Andernfalls werden die Menschen nur von einem Moria ins andere geschoben“, setzt Patric hinzu.

Wie sich die Bedingungen im Flüchtlingslager entwickeln, bleibt abzuwarten, doch wie Patric anmerkt, ist und bleibt es das wichtigste Ziel, jeden Tag zu gewährleisten, dass die Menschenwürde gewahrt bleibt.

NORCAP in Griechenland

  • NORCAP ist seit Beginn des Flüchtlingszustroms im August 2015 in Griechenland im Einsatz und unterstützt seitdem sowohl die humanitäre Reaktion der UN als auch die griechischen Behörden.
  • Derzeit sind 15 NORCAP-Expertinnen und -Experten bei den griechischen Behörden, dem Empfangs- und Identifizierungsdienst (RIS) und dem Sozialministerium (EKKA) im Einsatz.
  • Eins der Ziele von NORCAP ist es, die Einrichtung des Leitsystems zu unterstützen und sicherzustellen, dass die identifizierten Überlebenden rationell und ordnungsgemäß überwiesen werden, damit sie eine Unterkunft, psychosoziale Unterstützung und rechtliche Hilfe bekommen.
  • Die Unterstützung des RIS besteht in erster Linie in Schulungen von Experten zu würdevollem Empfang, Verwaltung, Schutz und Standortplanung, die RIS-Manager vor Ort und auf zentraler Ebene beraten. Unser Expertenteam unterstützt das RIS und die zuständigen Ministerien mit juristischem Fachwissen, wenn es darum geht, neue Verfahren einzuführen oder europäische, nationale oder internationale Rechtsvorschriften umzusetzen bzw. zu interpretieren.
  • NORCAP wurde für ein dreijähriges Projekt als Projektträger aus dem EWR-Förderprogramm Asyl und Migration ausgewählt.