Lesen Beschriftung Eine syrische Familie auf der Flucht aus einer Stadt in der Provinz Idlib. Foto: Ibrahim Yasouf/AFP/NBT Scanpix**

„Ich habe meine ganze Welt verloren“

Racha El Daoi|Veröffentlicht 10. Mrz 2020|Bearbeitet 09. Mrz 2020
„Niemand kann sich vorstellen, was ich durchmache. Ich habe meine Frau und meine Tochter zurück in den Krieg geschickt. Sie sitzen in einem Bus auf dem Weg nach Idlib“, sagt der 37-jährige Ahmad* mit Tränen in den Augen.

In den letzten Wochen ist Idlib ein Ort des Terrors geworden. Die zivile Infrastruktur ist unter Beschuss. Aus einem Gebiet, das bis vor Kurzem noch ein Zufluchtsort für viele Vertriebene war, fliehen die Menschen nun zu Hunderttausenden. Als wir Ahmad treffen, sind seine geliebte Frau und ihr einziges Kind gerade auf dem Weg mitten in den Konflikt.

Die verzweifelten Lebensumstände zwangen Ahmad zu einer Entscheidung, die kein Vater jemals sollte treffen müssen. Sollte seine Familie im Libanon bleiben, ohne Nahrung und Sicherheit, oder in ein Kriegsgebiet zurückkehren?

Flucht aus Damaskus

Ahmad und seine Frau Fatima* flohen 2014 vor dem Krieg in Syrien, als die Situation am Rande von Damaskus, wo sie zu dieser Zeit lebten, sich verschlechterte. Nach dem Verlust mehrerer Familienmitglieder flohen sie in den Libanon und ließen sich in Zahle in der Bekaa-Ebene nieder. Als sich Ende 2019 die wirtschaftliche und politische Krise zu entfalten begann, wurde das Leben im Libanon jedoch sehr schwierig.

„Die Lebensbedingungen im Libanon sind innerhalb der letzten sechs Monate untragbar geworden. Ich konnte keine Arbeit finden. Ohne Arbeit kann ich meine Familie nicht mehr versorgen. Ich kann schon seit drei Monaten keine Miete mehr bezahlen und die Vermieterin braucht das Geld“, sagt Ahmad. „Sie sagte, wir müssten gehen. Ich wollte nicht, dass meine Familie auf der Straße leben muss, also schickte ich sie nach Syrien zurück.“

 

„Ich wollte nicht, dass meine Familie auf der Straße leben muss, also schickte ich sie nach Syrien zurück.“

Verschärfung der sozioökonomischen Krise 

Mitte 2019 verstärkte der libanesische Arbeitsminister seine Bemühungen, die inoffizielle Beschäftigung im Land zu reduzieren. Dies führte zu Arbeitsinspektionen und der Schließung von Kleinbetrieben, die illegal ausländische Arbeiter beschäftigten. Für syrische Flüchtlinge ohne legalen Aufenthaltsstatus wurde es dadurch fast unmöglich, eine Arbeitsstelle zu finden und ihre Familien zu ernähren.

Zudem finden im Libanon seit Oktober 2019 allerorten Proteste gegen Korruption, den Mangel an angemessenen Versorgungsleistungen und die sich verschlechternden Lebensbedingungen statt. Die libanesische Gesellschaft steht vor der schlimmsten sozioökonomischen Krise seit Jahren. Die Währung verliert stark an Wert und die Kosten für Produkte und Dienstleistungen steigen deutlich. Dies wirkt sich sowohl auf die Flüchtlingsgemeinden als auch auf die libanesischen Gastgebergemeinden aus, die ebenfalls Schwierigkeiten haben, über die Runden zu kommen.

„Vor den Protesten gab es immer noch hier und da etwas zu arbeiten. Selbst wenn es schlecht bezahlt war, es war besser als nichts. Jetzt kann ich gar keine Arbeit mehr finden. Ich will nicht von Almosen leben, ich will arbeiten und mein Geld selbst verdienen“, erklärt Ahmad. „Ich würde jede Arbeit annehmen, um Miete und Lebensmittel bezahlen zu können.“

„Ich habe meine Seele nach Syrien in die Gefahr geschickt, weil ich sie nicht ernähren konnte.“

Verzweifelte Lebensumstände

Ahmad und Fatima gehörten zu den 55 Prozent syrischer Geflüchteter, die unter der Armutsgrenze lebten, also weniger als 2,9 US-Dollar (ca. 2,50 Euro) pro Tag zur Verfügung hatten. Sie waren außerstande, ihren Grundbedarf zum Überleben, also Lebensmittel, Gesundheit und Unterkunft, zu decken.

„Die letzten paar Wochen waren für Fatima und mich die Hölle auf Erden. Wir hatten nicht genug Geld, um Essen zu kaufen. Wir haben uns zwei Tage lang ein Stück Brot geteilt, damit wir unserer Tochter Maya* ein ganzes Stück geben konnten“, erklärt er.

„Fatima verlor sehr viel Gewicht, aber unsere Priorität war Maya. Wir waren am Ende, aber wir wollten nicht, dass unsere Tochter merkte, was wir durchmachten. Ein Vater, der sie nicht versorgen kann – ich war gedemütigt und wollte nicht, dass sie mich so sieht“, sagt Ahmad.

„Ich habe meine Seele nach Syrien in die Gefahr geschickt, weil ich sie nicht ernähren konnte.“

„Maya ist mein Licht und meine Seele. Meine Frau und ich waren bereits acht Jahre verheiratet, bevor wir mit einem Kind gesegnet wurden“, erklärt er. „Sie ist die größte Freude meines Leben. Ich weiß nicht, was ich machen soll, wenn ihnen etwas zustößt. Mein Leben wäre ohne sie nicht mehr lebenswert.“

Rückkehr nach Syrien

„Ich hatte keine andere Wahl, als meine Familie nach Syrien zurückzuschicken. Ich dachte, sie wären dort besser aufgehoben. In Syrien klopfen die Nachbarn an deine Tür und bieten Hilfe an, aber im Libanon sind wir auf uns allein gestellt.“

Die Rückkehr von Ahmads Frau und seiner Tochter verlief jedoch nicht wie geplant. „Meine Familie sollte eigentlich zu meiner Mutter und meinen Geschwistern nach Ghuta gehen, nicht nach Idlib“, sagt der am Boden zerstörte Ahmad.

Am 28. Januar kehrten Fatima und die vierjährige Maya nach Syrien zurück. Sie fuhren wie geplant nach Ghuta, wurden aber nicht hineingelassen, da sie keine offizielle Verbindung mit der Stadt nachweisen konnten. Es wurden weitere Papiere verlangt.

Da sie nirgendwo anders hingehen konnten, übernachteten die beiden bei einem entfernten Verwandten. Am nächsten Tag mussten sie die Stadt verlassen.

„Fatima hat einen Onkel in Idlib, der sie bei sich aufnahm. Sie hatte keine andere Wahl, als nach Idlib zu gehen. Mit dem Wissen, wie gefährlich es dort zurzeit ist, war es die schwerste Entscheidung, die wir je zu treffen hatten“, erklärt Ahmad.

„Bedenken Sie, dass die Menschen vor der Gewalt in Idlib fliehen, und meine Familie geht geradewegs mitten hinein.“

Ahmad konnte sie aus Sicherheitsgründen und der derzeitigen politischen Lage in Syrien nicht begleiten.

Lesen Beschriftung Diese Karte veranschaulicht Fatimas und Mayas Reise von Zahle im Libanon nach Ghuta, wo sie abgewiesen wurden. Nun sind sie auf dem Weg in den Norden nach Idlib.

 

Das Leben ohne seine Familie

Mit Unterstützung der Generaldirektion Humanitäre Hilfe und Katastrophenschutz der Europäischen Kommission (ECHO) half NRC Flüchtlingshilfe Ahmad, eine Geburtsurkunde für seine Tochter zu bekommen, bevor sie nach Syrien zurückkehrte.

„Ich hatte seit Tagen nichts gegessen. Ich konnte es mir nicht leisten. Ich kaufte eine Packung Nudeln, konnte sie aber nicht kochen, da ich kein Gas für den Kocher hatte. Maya hat immer Nudeln gegessen“, sagt er.

„Sie gab mir ihren Teddybären und ein paar Legosteine und sagte, ich solle an sie denken, wenn sie nicht da sei“, sagt Ahmad und bricht in Tränen aus. „Ich habe meine ganze Welt verloren.“

In Syrien habe er ein gutes Leben gehabt, sagt Ahmad. Er arbeitete als Schmied und studierte an der Universität Jura. Er träumte davon, Richter zu werden. „Ich vermisse mein Zuhause, aber Syrien und Damaskus sind für mich im Moment ein unerreichbarer Traum. Zurückzukehren ist nur ein Traum“, schließt er.

„Mein größter Wunsch ist es, meine Frau und meine Tochter wieder in die Arme schließen zu können. Ich will meine Tochter wieder umarmen.“

*Namen aus Sicherheitsgründen geändert

**Dieses Foto wurde zur Veranschaulichung verwendet. Es handelt sich nicht um die Menschen, die im Artikel erwähnt werden.