Lesen Beschriftung Foto: Tom Peyre-Costa/NRC

Was ist eine „vergessene Krise“?

Veröffentlicht 17. Jun 2020|Bearbeitet 15. Jun 2020
Am 10. Juni 2020 veröffentlichte NRC Flüchtlingshilfe die jährliche Liste der zehn Krisen, die am meisten vernachlässigt werden. Es sind Krisen, die in den Medien wenig Beachtung finden, in denen die Politik der Suche nach Lösungen keine Priorität einräumt und für die Geberländer nicht genügend Mittel bereitstellen. Wie kann das passieren?

Mangelnder politischer Wille

„Häufig stehen die Länder ganz oben auf unserer Liste, die für die Weltmächte von geringem geopolitischem Interesse sind. Die Top 2 des letzten Jahres – Kamerun und die Demokratischen Republik Kongo – sind dafür chronische Beispiele“, sagt Michelle Delaney, Beraterin bei NRC Flüchtlingshilfe, die an der diesjährigen Liste mitgewirkt hat.

„Politische Zeit und Kapital in die Lösung dieser Notfälle zu stecken, hat für die reichen Nationen keinen finanziellen Nutzen, also investieren sie ihre Ressourcen anderswo.“

In anderen Konflikten ist das Gegenteil der Fall: Es gibt viele Akteure mit gegensätzlichen politischen Interessen und niemand ist bereit, Kompromisse einzugehen. Dies ist besonders in Palästina der Fall, das letztes Jahr auch auf der Liste stand. Es handelt sich um Krisen, in denen politische Ziele über das Wohlergehen der Zivilbevölkerung gestellt werden.

Der politische Unwille, eine Lösung zu finden, ist nur eins von drei Kriterien, nach denen eine Krise bewertet wird, bevor sie auf die Liste gesetzt wird. Die zwei anderen Kriterien sind mangelnde Medienpräsenz und mangelnde finanzielle Unterstützung der humanitären Hilfe.

Mangelnde Medienpräsenz

Warum wird über manche Krisen in den Medien berichtet und über andere nicht?

„Das hängt häufig damit zusammen, wie viel politische Aufmerksamkeit eine Krise genießt – je geringer diese Aufmerksamkeit ist, desto unwahrscheinlicher ist es, dass über die Krise berichtet wird“, erklärt Delaney.

„Aber auch räumliche Nähe spielt eine Rolle. Die Medien tendieren dazu, eher über Krisen zu berichten, die sich vor ihrer eigenen Haustür abspielen, als über solche, die weiter entfernt sind. Letztere können schwieriger physisch zu erreichen sein und sind häufig auch zu kompliziert, um sie in 60-sekündigen Nachrichtensendungen abzuhandeln. Leider bedeutet das für diese vergessenen Krisen: aus den Augen, aus dem Sinn.“

Ein Beispiel dafür ist die sogenannte europäische Flüchtlingskrise des Jahres 2015, als eine große Anzahl Flüchtlinge in Europa eintraf. Dies lenkte dies das Medieninteresse auf die Länder, aus denen die Menschen kamen, wie zum Beispiel Syrien. Wenn man jemanden kennt, der vor einer Krise geflohen ist, interessiert man sich auch eher dafür.

Mangelnde internationale Hilfe

Jedes Jahr erstellen die Vereinten Nationen und ihre humanitären Partner Spendenaufrufe zur Deckung des Grundbedarfes der Menschen in den von großen Krisen betroffenen Ländern. Wie weit diese Aufrufe erfüllt werden, variiert jedoch sehr stark.

Den Krisen, die wenig internationale Beachtung finden und die selten in den Medien erwähnt werden, wird häufig auch die finanzielle Unterstützung verweigert, die zur Deckung des dringenden humanitären Bedarfs vonnöten ist.

Das Maß der medialen Aufmerksamkeit ist ein schlechter Anhaltspunkt dafür, in welchen Gebieten am dringendsten Hilfe gebraucht wird. Humanitäre Hilfe sollte bedarfsorientiert gewährt werden. Leider ist es aber leichter, Mittel für die Krisen zu erhalten, die von der Politik und den Medien viel Aufmerksamkeit bekommen.

Afrikas Hilferufe stoßen auf taube Ohren

Der Bedarf an humanitärer Hilfe ist in allen Ländern auf der diesjährigen Liste, die am 10. Juni veröffentlicht wurde, enorm. Mehrere der zehn Länder auf der Liste befinden sich in Zentralafrika.

„Diese Kultur der Lähmung durch die internationale Gemeinschaft muss ein Ende haben. Jeden Tag kann der Konflikt ungehindert weitergehen, die Verbitterung nimmt zu und die Region nährt sich einem offenen Krieg“, sagte Jan Egeland, Generalsekretär von NRC Flüchtlingshilfe, nach seinem Besuch in Kamerun im vergangenen Jahr.

Was können wir tun? 

Das Wichtigste für diese Länder ist, dass politische Lösungen vorangetrieben werden. Das ist die einzige Möglichkeit, dem Leid ein Ende zu setzen.

Es besteht außerdem ein hoher Bedarf an Nothilfe. Wenn wir politische Lösungen finden wollen, müssen wir zuerst den dringendsten Bedarf decken. Hungernde Kinder und mittellose Eltern sind kein guter Ausgangspunkt für Frieden und Stabilität.

In diesem Jahr enthält unsere Liste der vergessenen Krisen erstmals eine Zusammenstellung von Vorschlägen. Es handelt sich um praktische Schritte, die verschiedene Gruppen unternehmen können, um die Aufmerksamkeit, die diese vernachlässigten Krisen erhalten, zu verbessern. Politik, Geber, Presse, humanitäre Organisationen und die Öffentlichkeit – wir alle können dazu beitragen, dass die Menschen inmitten dieser Krisen die Hilfe bekommen, die sie so dringend brauchen und verdienen.