On the 10 April, the same day the first Covid-19 case in Yemen was confirmed, Muhsen Ahmed Mahyoub was fleeing his home. 

Muhsen’s home village of Hareeb was a small and a peaceful one, not far from Sana’a city. On the farm he had inherited from his father, Muhsen kept goats and sheep, and planted corn, barley and wheat. He held on to this quiet life through five years of escalating violence. Even when a landmine took both his legs in 2016, Muhsen still steadfastly continued farming, thanks to the help of his children. The farm was his life, and his only source of income. How would his family eat, if they left?

But on 10 April, one day after a unilateral ceasefire was announced, the war finally forced him to flee.

First came the gunfire in the distance. When it grew closer, Muhsen called his wife and children together, and quickly rounded up the goats and sheep. Around him, other families were doing the same. 

Muhsen hired a small pickup, loading his animals in the back, and struck out for the desert near Marib city. Here, a barren stretch of sandy land has in the last four months become home to 500 families from around Marib and Nihm.
 
It is known as Al-Swaidah camp, though there is nothing to mark it as such: no running water, no toilets, no electricity. It is just there.
 
Muhsen’s family assembled a tent for themselves from iron pipes and plastic sheets. But despite these conditions, Muhsen is just glad to be safe. “We felt we were the luckiest in the world when we arrived.”

Some families still have their goats and sheep with them. Muhsen has sold his animals to buy food and other basic items. “In my village, I used to eat from my farm and sell the rest. But here we are dependent on organizations to help,” he says. “It is true that we can get some food from WFP, but it isn’t enough.”
 
Muhsen is thankful to those organizations which have started to provide mattresses, water and food. But there is so much they still need, including latrines and proper shelter. Storms and floods have damaged several tents in the last few months.

“Before the war, I used to wake up before dawn and walk to the fields and work until ten. Then I would walk to the market to buy some things, and return to have my lunch with family. We sat together in the afternoon to chew Qat and talk—usually about farming. Nowadays, we are thinking all the time how to get food, how to get water and how long we can stay here.”

Muhsen has heard about Covid-19 but doesn’t consider it a threat for displaced people, as they have other, more pressing, worries. None of the displaced people in the camp have been taking any measures against Covid-19.

He has not heard of the ceasefire declaration. He has seen the families still arriving from surrounding areas, fleeing the ongoing fighting. And so far, the news from his hometown is that it has not stopped. “The battles are still ongoing, so we can’t return.”

Photo: Hassan Al-Homaidi/NRC
Lesen Beschriftung Muhsen, der bei einer Minenexplosion vor einigen Jahren beide Beine verloren hat, im Al-Swaidah-Lager in der Nähe von Marib. Foto: Hassan Al-Homaidi/NRC Link

Flucht während des „Corona-Waffenstillstands“

Nasser Abdulkareem|Veröffentlicht 01. Jun 2020|Bearbeitet 27. Mai 2020
Am 10. April, dem Tag, an dem auch der erste Covid-19-Fall im Jemen bestätigt wurde, flohen Muhsen Ahmed Mahyoub und seine sieben Kinder vor dem Kugelhagel aus ihrem Heimatdorf. Inmitten einer Pandemie waren sie gezwungen, in die Wüste zu fliehen, wo sie nun zusammen mit 500 weiteren Familien in dürftigen Zelten und ohne fließendes Wasser und richtige Toiletten leben müssen.

In einer anderen Region des Jemen musste Ali Ibrahim zwei Wochen später ebenfalls um sein Leben rennen. In seinem Heimatdorf im Gouvernement Haddscha gingen an einem einzigen Morgen acht Luftangriffe nieder.

„Mein Cousin versuchte, mit seiner Familie zu fliehen“, erzählt er uns. „Aber die Luftangriffe trafen sie… Drei von ihnen starben, darunter ein Baby, das erst ein paar Monate alt war. Vier weitere wurden schwer verletzt.“

Ali und seine sieben Kinder leben nun mit einer anderen vertriebenen Familie zusammen in einem Zelt im Bezirk Abs in Haddscha – unter Bedingungen, die es unmöglich machen, die Verbreitung von Covid-19 zu verhindern. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation werden sich 55 Prozent der jemenitischen Bevölkerung infizieren.

Waffenstillstand wird ignoriert

So sollte es nicht sein. Vor zwei Monaten, am 23. März, rief der UN-Generalsekretär zu einem weltweiten Waffenstillstand auf. Dieser Aufruf kam, als die Covid-19-Fälle zunahmen, und sollte sicherstellen, dass die Welt sich auf einen gemeinsamen Kampf gegen die sich rasch ausbreitende Pandemie konzentrieren konnte.

Es war ein Moment der Hoffnung. Leider wurde er ihm keine Beachtung geschenkt.

Allein im Jemen waren seit dem Aufruf des Generalsekretärs mindestens 24.000 Menschen wie Ali und Muhsen zur Flucht vor den Kämpfen gezwungen. Nicht einmal ein einseitiger Waffenstillstand der von der von Saudi-Arabien geführten Koalition am 9. April konnte den Krieg und die schrecklichen menschlichen Verluste aufhalten.

Lesen Beschriftung Muhsen und einer seiner Söhne am Rande des Lagers Al-Swaidah bei Marib. Foto: Hassan Al-Homaidi/NRC

 

Zur Flucht in die Wüste gezwungen

Muhsens Heimat Al-Bizah war früher ein friedliches Dorf. Auf dem Hof, den er von seinem Vater übernommen hat, hielt er Ziegen und Schafe und baute Mais, Gerste und Weizen an. An diesem ruhigen Leben hielt er die letzten fünf Jahre fest, während die Gewalt eskalierte. Selbst als ihm im Jahr 2016 eine Landmine seine Beine nahm, setzte Muhsen dank der Hilfe seiner Kinder seine Arbeit unerschütterlich fort. Der Hof war sein Leben und seine einzige Einkommensquelle. Wie sollte er die Familie ernähren, wenn sie zur Flucht gezwungen wären?

Jedoch nur einen Tag nach Bekanntgabe des einseitigen Waffenstillstands hörte er in er Ferne Schüsse. Als die Schüsse näher kamen, trieben sie die Tiere zusammen und machten sich auf den Weg in die Wüste. Sie kamen schließlich in eine inoffizielle Siedlung in der Nähe der Stadt Marib, wo sich in den letzten vier Monaten Hunderte Familien versammelt haben.

Die Siedlung wird Al-Swaidah-Lager genannt, obwohl es diese Bezeichnung kaum verdient: Es gibt kein fließendes Wasser, keine Toiletten, keinen Strom. Niemand hat hier Maßnahmen gegen Covid-19 ergriffen, sagt Muhsen.

Lesen Beschriftung Das als Al-Swaidah-Lager bekannte Wüstengebiet, in dem derzeit 500 Familien aus den Gebieten rund um Nihm und Marib leben, obwohl es dort kein fließendes Wasser, Toiletten oder Strom gibt. Foto: Hassan Al-Homaidi/NRC Link
„Es finden immer noch Kämpfe statt, deshalb können wir nicht zurückkehren.“
Muhsen

 

Muhsen hat zusammen mit seiner Familie ein Zelt aus Eisenrohren und Plastikplanen errichtet. Nahrung ist eine ständige Sorge, aber Muhsen ist froh, in Sicherheit zu sein. Noch immer kommen Familien aus der Umgebung auf der Flucht vor den Kämpfen hierher. Die Nachrichten aus Muhsens Heimatstadt sind wenig ermutigend. „Es finden immer noch Kämpfe statt, also können wir nicht zurückkehren.“

Luftangriffe dauern an

Am frühen Morgen des 6. Mai, drei Wochen, nachdem Muhsens Familie geflohen war, wurde Ali Ibrahims Familie auf dem Hof, auf dem sie lebte und arbeitete, das Opfer von Luftangriffen.

Ali hat den größten Teil seines Lebens als Landarbeiter in seinem Heimatdorf Al-Jar im Gouvernement Haddscha verbracht und Gemüse wie Tomaten und Zwiebeln angebaut. In der Nacht des 5. Mai hörte er Kampfflugzeuge. Am nächsten Morgen fielen die Bomben. Aus weniger als 100 Metern Entfernung sah Ali, wie die Familie seines Cousins getroffen wurde. Drei von ihnen starben.

Weitere Angriffe folgten. In dem darauf folgenden Chaos versuchte Ali zu helfen. „Die Menschen starben vor unseren Augen“, erinnert er sich. „Ich brachte meine Kinder und die Verletzten ins Krankenhaus.“ Die Überlebenden flohen ins nahegelegene Al-Shaqaf. Sie konnten nichts mitnehmen als die Kleidung, die sie gerade trugen.

Lesen Beschriftung Ali Ibrahim vor dem Zelt, dass eine andere vertriebene Familie mit ihm und seinen sieben Kindern teilt. Foto: Anwar Abdu/NRC Link

 

Alis Familie lebt derzeit im Zelt einer Familie, die bereits im vergangenen Jahr geflohen ist. Trotz ihrer eigenen misslichen Lage teilt diese Familie das Wenige, das sie hat. Ali selbst hat noch nicht einmal genug Geld, um Plastikplanen für ein neues Zelt zu kaufen.

Ali hat weder von dem einseitigen Waffenstillstand noch von Covid-19 gehört. „Ich bin Analphabet und ich weiß nur, dass die Kampfflugzeuge uns angegriffen und gezwungen haben, unser Zuhause zu verlassen“, erzählt er uns.

„… versucht, euch in unsere Lage zu versetzen, und macht dem Krieg gegen uns ein Ende.“
Ali

 

„Das Beste war, wenn wir früh morgen aufstanden und das Gemüse bewässerten. Und nach einer Stunde setzten sich alle Bauern zusammen, um zusammen zu frühstücken. Diese Zeit kommt nicht zurück. Es gibt nichts Schlimmeres, als zuzusehen, wie Verwandte zu verbrannten Leichen werden und Kinder schreien zu hören. Also versucht, euch in unsere Lage zu versetzen, und macht dem Krieg gegen uns ein Ende.“

Eine doppelte Katastrophe

Unsere Teams, die in den Regionen in der Nähe der Frontlinie im Einsatz sind, berichten nach wie vor von Menschen auf der Flucht – zu einer Zeit, in der auf der ganzen Welt den Menschen geraten wird, zu Hause zu bleiben. „Es kommt hier täglich zu Vertreibungen“, sagt Zayed Mohamed Ali, Programm-Manager für NRC Flüchtlingshilfe in Hodeidah. „Und davon betroffen ist die Zivilbevölkerung.“

Über 3,5 Millionen Menschen im Jemen wurden durch den brutalen Krieg in den vergangenen fünf Jahren bereits vertrieben. Sie leben in den verschiedensten provisorischen und größtenteils unbrauchbaren Unterkünften: in Lagern, beschädigten Häusern oder dicht an dicht in öffentlichen Gebäuden. Da sich die neuen Fälle von Covid-19 rasch im Land ausbreiten, besteht große Gefahr für die öffentliche Gesundheit.

Die beste Chance für das Land besteht nun darin, die Kämpfe zu beenden und die festgefahrenen Friedensgespräche wieder aufzunehmen. Bislang haben die Kriegsparteien diese Chance nicht genutzt. Seit dem Aufruf zum Waffenstillstand haben sich die Angriffe auf Bildungs- und Gesundheitsinfrastruktur – Gesundheitszentren, Krankenhäuser und Schulen – verdoppelt. Die Zahl der Luftangriffe im Jemen hat zugenommen und nach wie vor fallen viele Bomben. Das Ergebnis sind Zerstörung und Opfer unter der Zivilbevölkerung.

Die Kämpfe müssen umgehend beendet werden. Wenn nicht, sind es die am meisten gefährdeten Familien wie die von Ali und Muhsen, die am härtesten getroffen werden.

Der Jemen ist nicht das einzige Land, das von einem anhaltenden Konflikt betroffen ist. Trotz des Aufrufs zu einem weltweiten Waffenstillstand zeigt ein Bericht von NRC Flüchtlingshilfe, dass Konflikte und Gewalt zwischen dem 23. März und dem 15. Mai in 19 Ländern zur Vertreibung von schätzungsweise 661.000 Menschen geführt haben. Lesen Sie hier die wichtigsten Ergebnisse.