Lesen Beschriftung "Wir haben gesehen, wie Menschen vor uns brannten. Wir sind über ihre Leichen gerannt, es gab keine sicheren Fluchtwege, und sie haben keine Straße für die Zivilbevölkerung gesichert. Selbst wenn ich hier Erde essen müsste, würde ich nicht zurückkehren", sagt die vertriebene Sorya Ahmed, 55. Foto: Alan Ayoubi/NRC

SYRIEN: Menschen auf der Flucht können nicht zurück – Umfrage von NRC Flüchtlingshilfe

Veröffentlicht 13. Jan 2020|Bearbeitet 08. Jan 2020
Die Mehrheit der Menschen, die vor der türkischen Militäroffensive im Nordosten Syriens auf der Flucht sind, sagt, dass sie nicht in ihr Heimatland zurückkehren werden, sondern sich im Irak niederlassen wollen.

Eine von NRC Flüchtlingshilfe durchgeführte Umfrage im Flüchtlingslager Bardarash im Nordirak, wo die meisten Geflüchteten untergebracht sind, hat ergeben, dass 95 Prozent von ihnen nicht glauben, dass sie in ihre Heimat zurückkehren, sondern stattdessen im Irak bleiben werden. Als Gründe führen 69 Prozent die anhaltenden Kämpfe und die Unsicherheit an. 17 Prozent sagen, dass ihr Haus zerstört oder besetzt sei und sie daher kein Zuhause mehr hätten.

Weitere 10 Prozent nennen die Angst vor Vergeltung durch türkische und syrische Armeen sowie die Angst, dass sie oder ein naher Verwandter in die kurdische YPG-Miliz oder die syrische Armee eingezogen werden könnten.

„Die Militäroffensive der Türkei hat das Leben Zehntausender syrischer Familien erschüttert“, sagt Carsten Hansen, Regionaldirektor von NRC Flüchtlingshilfe im Nahen Osten. „Die Familien berichten uns schreckliche Geschichten von Gewalt und den Schwierigkeiten bei dem Versuch, sich in Sicherheit zu bringen. Ihnen muss langfristiger Schutz angeboten werden – sei es im Irak oder in den Regionen, aus denen sie geflohen sind.“

Sorya Ahmed, eine 55-jährige Geflüchtete, erzählt NRC Flüchtlingshilfe: “Wo sollte ich hin, wenn ich zurückkehren müsste? Mein Haus wurde niedergebrannt und alle, die dort gelebt haben, sind geflohen. Selbst wenn ich mich hier im Lager Erde ernähren müsste, würde ich niemals nach Syrien zurückkehren.“

Die im neuen Bericht „Desperate Measures“ von NRC Flüchtlingshilfe vorgestellten Untersuchungen bestätigen die weitverbreitete Angst, das Leid und die Verzweiflung, die im Nordosten Syriens seit Beginn der türkischen Militäroffensive am 9. Oktober nach dem angekündigten Anzug der US-Truppen herrschen. Über 17.900 Syrerinnen und Syrer waren infolgedessen gezwungen, in den Irak zu fliehen, und über 220.000 waren im eigenen Land auf der Flucht. Während etwa die Hälfte der Binnenvertriebenen mittlerweile in ihre Heimat zurückgekehrt ist, sagen Angehörige, die im Irak Zuflucht gesucht haben, dass es ihnen an den meisten Grundversorgungsleistungen mangelt und dass sie Angst davor haben, was als Nächstes geschieht.

Die Flüchtlinge berichten NRC Flüchtlingshilfe von erschütternden Reisen, der Flucht vor Bomben und dem Vormarsch der Truppen, von langen Fußmärschen über die hügelige Grenze nachts in der Kälte, wobei die meisten gezwungen waren, Hunderte Dollar an Schmuggler zu bezahlen, um nicht auf die syrische Seite zurückgeschickt zu werden. Auf diesen schwierigen Reisen wurden Familien voneinander getrennt, während 90 Prozent der befragten Geflüchteten sagten, dass sie Familienmitglieder zurücklassen mussten – in den meisten Fällen, weil sie entweder die Schmuggler nicht für alle bezahlen konnten oder weil die Zurückgelassenen für die Reise zu gebrechlich waren.

Viele syrische Flüchtlinge, mit denen NRC Flüchtlingshilfe gesprochen hat, sind erleichtert, dass es ihnen gelungen ist, sich in Sicherheit zu bringen, aber zunehmend verzweifelt, was ihr Leben im Flüchtlingslager betrifft. Über 40 Prozent der Befragten gaben an, dass die Unfähigkeit, das Lagergelände zu verlassen, ihre Hauptsorge sei.

Innerhalb Syrien berichteten die Vertriebenen, dass es in vielen Gebieten immer noch kein Wasser und keinen Strom gebe und dass ihre Viertel von Unsicherheit und von den Kämpfen geplagt seien.

Hinweise an die Redaktion:

  • Die Umfrage wurde am 26. und 27. November im Rahmen einer Bedarfsermittlung im Flüchtlingslager Bardarash in Dohuk, Irak, durchgeführt. NRC Flüchtlingshilfe befragte 208 Familien im Lager und führte 15 längere Interviews Familien im Irak und in Syrien durch.
  • 41 Prozent der Befragten gaben an, dass die Unfähigkeit, das Lagergelände zu verlassen, ihre Hauptsorge sei, gefolgt von 27 Prozent, die sagten, dass ihnen die Lebensmittelverteilung im Lager Sorge bereite, und 21 Prozent, die über die Heizung besorgt seien.
  • Der vollständigen Bericht Desperate Measures kann hier heruntergeladen werden.
  • Fotos mit Fallstudien und B-Roll-Filmmaterial können zur freien Verwendung heruntergeladen werden.
  • NRC Flüchtlingshilfe hat im Irak und in der Region Sprecher, die für Interviews zur Verfügung stehen.

Pressekontakte:

Karl Schembri, Medienberater im Nahen Osten, karl.schembri@nrc.no, +962 790220159

NRC Flüchtlingshilfe Medienhotline: media@nrc.no, +47 90562329