Lesen Beschriftung Enayatullah Azad/NRC

Solidarität darf nicht an unseren Grenzen Halt machen

Roald Høvring|Veröffentlicht 23. Apr 2020|Bearbeitet 21. Apr 2020
„Wir haben von dem gefährlichen Virus gehört, und dass wir unsere Hände gründlich waschen müssen, aber wie können wir uns schützen, wenn wir keine Seife oder Shampoo haben?“

Dies sind die Worte der 12-jährigen Maliya aus Afghanistan. Ihre Familie wurde durch den Krieg und die Dürre vertrieben. Sie lebt mit 10.000 weiteren Familien in einer Siedlung, die eine halbe Autostunde nördlich der Stadt Herat liegt. Es fehlt ihnen an allem, was sie bräuchten, um den internationalen Richtlinien zur Seuchenbekämpfung folgen zu können.

Ich habe Maliya kurz vor Weihnachten kennengelernt. Zu diesem Zeitpunkt besuchte sie eine provisorische Schule, die NRC Flüchtlingshilfe in der Siedlung eröffnet hatte. Nach der Schule spann und verkaufte sie Wolle, um zum Familieneinkommen beizutragen. Sie war ein glückliches und optimistisches Mädchen, sie hatte jedoch Angst vor dem Winter, da ihre kleine Schwester im vorherigen Winter gestorben war. Nun hat Maliya eine weitere Sorge und sie hat Angst vor dem, was auf sie zukommen könnte.

Die Siedlung, in der Maliya lebt, befindet sich in der Nähe der Grenze zum Iran – einem der Länder, das von der Corona-Pandemie am stärksten betroffen ist. In den letzten Wochen sind Tausende afghanische Migrierte und Flüchtlinge in ihre Heimat zurückgekehrt. Sowohl die Behörden als auch die humanitären Hilfsorganisationen sind in Sorge darüber, was passiert, wenn das Virus auf die ohnehin schon gefährdete Bevölkerung auf der afghanischen Seite der Grenze überspringt.

Wenn die Krise zuschlägt

In den letzten 25 Jahren habe ich versucht, vom Alltag von Mädchen wie Maliya und Familien zu erzählen, die durch Krieg und Verfolgung vertrieben wurden. Ich habe versucht, den Leuten begreiflich zu machen, was es bedeutet, in Unsicherheit und Angst zu leben: sein Leben auf Eis zu legen, nicht mehr zur Schule zu gehen, keine Arbeit und keine medizinische Versorgung zu haben, sich nicht frei bewegen zu dürfen, nicht in andere Länder reisen zu dürfen und nicht zu wissen, wie die Zukunft aussehen wird.

Die Corona-Pandemie hat uns allen nun die Möglichkeit gegeben, diese Gefühle am eigenen Leib zu erfahren. Hier in Europa haben viele Menschen nun Angst, ihre Jobs zu verlieren, und Millionen wurden bereits entlassen. In vielen Ländern sind Schulen und Kindergärten geschlossen. Die nationalen Gesundheitssysteme werden in die Knie gezwungen. Die Bewegungsfreiheit ist massiv eingeschränkt.

In Norwegen dürfen die Menschen nicht in ihre Berghütten fahren. Internationale Reisen wurden gecancelt. Unser Leben wurde auf den Kopf gestellt. Unser Alltag ist von Unsicherheit und Angst geprägt.

Der Zweite Weltkrieg

Viele vergleichen unsere derzeitige Situation mit dem Zweiten Weltkrieg. Als der Krieg zu Ende war, lagen etliche europäische Städte in Trümmern. Millionen waren aus ihrer Heimat vertrieben worden. Ein groß angelegter Akt der Solidarität wurde in Gang gesetzt – eine Solidarität, die über die Landesgrenzen hinausging. Als 1946 die Vereinten Nationen gegründet wurden, waren ihre Hauptanliegen internationale Solidarität, dauerhafter Frieden und der Wunsch, alle Völker der Welt von Not und Armut zu befreien.

Europahjelpen – eine norwegische Hilfsorganisation

Mehrere Länder leiteten große internationale Hilfsmaßnahmen ein. Das norwegische Parlament rief „Europahjelpen“ ins Leben, um dem kriegszerrütteten Kontinent wieder auf die Beine zu helfen und gute, nachhaltige Lösungen für die europäischen Flüchtlinge zu finden. Norwegen schickte Tonnen von Lebensmitteln und alle Überschussbestände nach Polen, Deutschland, Österreich und andere europäische Länder. Darüber hinaus nahm Norwegen traumatisierte und unterernährte Kinder auf, die sich vom Krieg erholen mussten. Viele von ihnen sprechen bis heute Norwegisch, nachdem sie lange Zeit auf norwegischen Bauernhöfen verbracht haben. „Flüchtling“ war ein positiv besetzter Begriff, sogar fast ein Zeichen von Respekt.

Europahjelpen wurde später aufgelöst und unter dem Namen Norwegian Refugee Council (NRC Flüchtlingshilfe) neu gegründet. Die Solidarität und die Bereitschaft, den Geflüchteten der Welt zu helfen, hielt bis in die 50er, 60er und 70er Jahre an. Unsere jährlichen Fundraising-Kampagnen mobilisierten viele Menschen und die Flüchtlingsfrage war neben dem Thema Krebs das, was die Menschen am meisten beschäftigte.

Schaffen wir das noch einmal?

Schaffen wir es, ein wenig von dem wiederherzustellen, was wir im Zuge des Zweiten Weltkriegs erreicht haben? Meine Hoffnung ist, dass die Corona-Krise uns besser in die Lage versetzen wird, Mitgefühl für Maliya und andere in derselben Situation zu zeigen, und dass sie eine „Pandemie der Solidarität“ auslösen wird.

In Norwegen unterstützen wir die nationale Solidarität voll und ganz. Alle sind sich einig, dass wir zusammenhalten müssen, um die Verbreitung der Corona-Pandemie zu stoppen. Diese Solidarität macht jedoch nicht an unseren Grenzen Halt.

Man sagt uns, dass die wirksamsten Maßnahmen Social Distancing und häufiges, gründliches Händewaschen sind. Für uns, die wir in friedlichen und wohlhabenden Ländern leben, ist das kein allzu großes Problem. Die meisten von uns haben Bankkonten, geflieste Badezimmer und ausreichend Seife. Außerdem haben wir ein gut entwickeltes und funktionierendes Gesundheitssystem. Für andere, die in anderen Teilen der Welt leben, ist jedoch nicht so einfach, diesen internationalen Richtlinien zu folgen.

Über 70 Millionen Vertriebene

Weltweit über 70 Millionen Menschen wurden durch Krieg und Verfolgung vertrieben. Acht von zehn leben in Ländern mit niedrigem oder mittlerem Einkommen und schlechten Gesundheits-, Wasser- und Sanitärsystemen. Viele leben in Flüchtlingslagern, wo es unmöglich ist, Abstand von anderen Menschen zu halten und weder genug Wasser noch die Möglichkeiten für gute Hygiene vorhanden sind. Unter den über 160 Ländern, in denen bisher Fälle von Covid-19 gemeldet wurden, sind 34 Länder, in denen große Gruppen von Flüchtlingen leben.

Die Pandemie bedroht nun die überfüllten Lager und Siedlungen in Bangladesch, im Libanon, in Nigeria, Somalia und auf den griechischen Inseln. Die Folgen könnten dramatisch sein. Das Virus wird auch in Syrien, im Jemen und im Irak zu Angst, Tod und Chaos führen, da die langjährigen Kriege hier zu zerstörten Krankenhäusern und zum Zusammenbruch des Gesundheitssystems geführt haben.

Enormer Bedarf an Unterstützung

NRC Flüchtlingshilfe hat langjährige Erfahrung im Umgang mit Epidemien und Krisen in den am meisten gefährdeten Regionen der Welt und wir haben unsere Bemühungen verstärkt, um die Ausbreitung zu verhindern und zu begrenzen. Aber auch wir sind von den Reisebeschränkungen betroffen und müssen Sicherheitsvorkehrungen treffen, um unsere Kolleginnen und Kollegen davor zu schützen, sich selbst oder andere anzustecken.

Derzeit arbeiten wir daran, Informationen bereitzustellen, wie Maliya und andere Geflüchtete und Binnenvertriebene sich gegen das Virus schützen und die Verbreitung verhindern können. Außerdem setzen wir uns verstärkt dafür ein, dass sauberes Wasser und gute Sanitärbedingungen zur Verfügung stehen, und verteilen Seife und andere Hygieneartikel. Es klafft jedoch eine große Lücke zwischen dem Bedarf und dem, was Behörden und Hilfsorganisationen bereitstellen können.

Im selben Boot

Unsere nationale Solidarität spielt bereits eine wichtige Rolle bei der Verhinderung der Ausbreitung des Virus, indem sichergestellt wird, dass jeder Einzelne von uns sich die Hände wäscht und den Kontakt mit anderen so weit wir möglich einschränkt. Was wir jetzt brauchen, ist ein weltweiter Impuls, um die Verbreitung des Virus zu begrenzen. Die Reaktion der Welt auf die Corona-Krise muss alle einschließen – auch diejenigen, die zur Flucht aus ihrer Heimat gezwungen waren. Die einzige Möglichkeit, die Infektionskurve wirklich flach zu halten, ist sicherzustellen, dass diejenigen in den am meisten gefährdeten Regionen leben, dieselben Möglichkeiten haben, sich und alle anderen zu schützen.

Das Coronavirus diskriminiert niemanden. Und das sollten wir auch nicht tun, wenn es darum geht, die Menschen zu unterstützen, die dem größten Risiko von Ansteckung und Krankheit ausgesetzt sind. Internationale Solidarität ist wichtiger denn je. Wenn wir unter den Ärmsten und Schwächsten der Welt dauerhafte Refugien für das Virus schaffen, kommt es zurück und trifft uns wieder und wieder. Wir sind dem nicht hilflos ausgeliefert. Wir können Solidarität und Mitgefühl zeigen und die am meisten Gefährdeten unter uns schützen und unterstützen. Wir können für das Gemeinwohl handeln und viele Leben retten. Solidarität darf nicht an unseren Grenzen Halt machen.

(Roald Høvring ist leitender Berater bei NRC Flüchtlingshilfe)