A Syrian boy poses for a picture during an awareness workshop on coronavirus (COVID-19) at a camp for displaced people in Atme town in Syria's northwestern Idlib province, near the border with Turkey. Photo: AAREF WATAD / AFP / NTB Scanpix
Lesen Beschriftung Ein syrischer Junge posiert für ein Foto während einer Informationsveranstaltung zum Coronavirus in einem Lager für Vertriebene in Atme in der Provinz Idlib im Nordwesten Syriens, nahe der türkischen Grenze. Foto: AAREF WATAD / AFP / NTB Scanpix

10 Dinge, die man über das Coronavirus und Geflüchtete wissen sollte

Roald Høvring/NRC|Veröffentlicht 01. Apr 2020
Die Reaktion der Welt auf die COVID-19-Krise muss alle einschließen, auch die Menschen, die aus ihrer Heimat fliehen mussten.

NRC Flüchtlingshilfe ist besonders wegen der möglichen Folgen, die die weltweite Ausbreitung des Coronavirus für gefährdete Flüchtlinge und Binnenflüchtlinge haben könnte, in Sorge. Die internationale Gemeinschaft muss mehr Augenmerk darauf legen, wie der Ausbruch die vertriebenen Bevölkerungsgruppen treffen könnte, und zusammen daran arbeiten, vernünftige Lösungen zu finden, um den Ausbruch einzudämmen.

Hier sind 10 Dinge, die man über das Coronavirus und Vertriebene wissen sollte:

  1. Weltweit wurden über 70 Millionen Menschen durch Verfolgung, Konflikte, Gewalt und Menschenrechtsverletzungen dazu gezwungen, aus ihrer Heimat zu fliehen. 29 Millionen davon sind Flüchtlinge (einschließlich 5,5 Millionen palästinensischer Geflüchteter unter UNRWA-Mandat), von denen 84 Prozent von Ländern mit niedrigem oder mittlerem Einkommen aufgenommen wurden, die schwächere Gesundheits-, Wasser- und Sanitärsysteme haben.

 

  1. Das größte Problem für eine effektive Bekämpfung des Coronavirus ist, wenn öffentliche Gesundheitssysteme durch Konflikt und Chaos geschwächt oder völlig zusammengebrochen sind. Nach Angaben von UNHCR (Stand 10. März 2020) melden über 100 Länder die lokale Übertragung von COVID-19. Darunter sind 34 Länder, in denen derzeit Flüchtlingspopulationen von mehr als 20.000 Menschen leben, die derzeit vom Virus noch nicht betroffen sind. In diesen Kontexten sind Prävention, Vorsorge und Kommunikation von entscheidender Bedeutung. Der Grund dafür ist, dass Geflüchtete und Binnenflüchtlinge häufig an Orten Zuflucht finden, die überfüllt sind oder wo die medizinische Versorgung und andere Dienstleistungen bereits überlastet oder schlecht finanziert und ausgestattet sind.

 

  1. Es ist wichtig, dass die Regierungen die gleichmäßige Verteilung medizinischer Versorgung für Flüchtlinge und Binnenvertriebene zulassen, insbesondere in Ländern, in denen viele Geflüchtete unter erbärmlichen Bedingungen leben und in den nationalen Behörden eine starke Stimmung gegen Flüchtlinge herrscht.

 

  1. Viele von Krieg und/oder Instabilität betroffene Länder haben durchlässige Grenzen, wobei Flüchtlinge, Wirtschaftsmigrierende und andere sich häufig auf inoffiziellen Routen bewegen. In diesen Ländern könnte es schwierig sein zu überwachen, wer das Staatsgebiet betritt und verlässt.

 

  1. Geflüchtete sind aufgrund hoher geografischer Mobilität, Instabilität, dem Leben unter überfüllten Verhältnissen, fehlenden Sanitäreinrichtungen und fehlendem Zugang zu angemessener medizinischer Versorgung und Impfprogrammen für das Coronavirus und auch andere Krankheiten besonders anfällig.

 

  1. Ein anderer Anlass zur Sorge sind die Gebiete, die schwer zu erreichen sind. Bewaffnete Gruppen, Kontrollpunkte, Luftangriffe und andere Hindernisse ziehen oft Einschränkungen bei humanitären Bewegungen und Operationen nach sich. Maßnahmen in diesen Gebieten sind mit großen Schwierigkeiten verbunden und manchmal sogar unmöglich.

 

  1. Die Flüchtlingsbevölkerung wird häufig selbst in den besten Zeiten bei der Planung der Katastrophen- und Epidemiebereitschaft außen vor gelassen. Es kann außerdem schwierig sein, marginalisierte Geflüchtete und Migrierende mit Informationen zu erreichen. Die Maßnahmen müssen mit den nationalen Behörden, Gesundheitsministerien, der WHO und Partnern zusammenarbeiten, um zu gewährleisten, dass die Geflüchteten und andere Betroffene vollständig in die nationalen Bereitschafts- und Reaktionspläne einbezogen werden. Sie müssen auch sicherstellen, dass diese Bevölkerungsgruppen Zugang zu korrekten und relevanten Informationen in der/den jeweiligen Sprache(n) entsprechend dem nationalen Stand der Vorbereitung haben.

 

  1. Reisebeschränkungen in Zusammenhang mit dem Ausbruch könnten von einzelnen Regierungen eingeführt und auf Asylsuchende, Geflüchtete und andere Betroffene angewendet werden. Es ist eine genaue Überwachung erforderlich, um sicherzustellen, dass diese das Recht der Menschen auf Zugang zum Hoheitsgebiet und auf Asyl nicht unangemessen beeinträchtigen. Wir müssen besonders wachsam und aufmerksam sein, was die Schutzrisiken und weitere Folgen des Ausbruchs für Asylsuchende, Geflüchtete, Binnenflüchtlinge und Staatenlose betrifft.

 

  1. Es darf keine Zwangsrückkehr aufgrund von realen oder vermeintlichen Ängsten vor einer Coronavirus-Übertragung geben. Alle Einschränkungen der Bewegungsfreiheit und andere von den Regierungen verhängte Maßnahmen sollten auf Vertriebene in nicht diskriminierender Weise angewendet werden.

 

  1. Geflüchtete und Migrierende sind oft die Ersten, die stigmatisiert und zu Unrecht für die Verbreitung von Viren verantwortlich gemacht werden. Wir haben einige populistische Politiker in ganz Europa gesehen, die gegen die Migration wettern und versuchen, eine klare Verbindung zwischen Migrierenden und Geflüchteten und dem Ausbruch herzustellen, obwohl es dafür keinerlei Anhaltspunkte gibt.

 

Der rechtsextreme italienische Politiker Matteo Salvini führt den Corona-Ausbruch in seinem Land ungerechtfertigterweise auf das Anlegen eines Rettungsschiffs zurück, der afrikanische Migrierende nach Sizilien brachte. Der ungarische Premierminister Viktor Orbán sprach von einer „gewissen Verbindung“ zwischen der Verbreitung des Virus und illegalen Einwanderern. Wenn wir Migrierende oder bestimmte Menschen stigmatisieren, besteht die Gefahr, dass diese ihre Symptome verbergen oder sich nicht behandeln lassen, womit sie ihre eigene und die Gesundheit aller aufs Spiel setzen.