Photo: Violetta Shemet/NRC
Lesen Beschriftung Yuliia Voronkova, 30, arbeitet als Juristin im NRC-Büro in Kramatorsk in der Ostukraine. Sie leistet Rechtsberatung und -hilfe für Tausende Menschen, die jeden Tag die sogenannte „Kontaktlinie“ überqueren. Foto: Violetta Shemet/NRC

Menschenrechte an der “Kontaktlinie” schützen

Violetta Shemet|Veröffentlicht 05. Sep 2019|Bearbeitet 03. Sep 2019
Yuliia ist eine der starken, energischen, aber dennoch mitfühlenden Frauen, die für NRC in der Ukraine arbeiten. Sie und ihre Kollegen arbeiten unermüdlich an der Frontlinie im Osten des Landes und überstützen dort die vom Konflikt betroffenen Menschen.

Erfüllung eines Kindheitstraums

Yuliia Voronkova, 30, arbeitet als Juristin im NRC-Büro in der Stadt Kramatorsk in der Ostukraine. Das Büro befindet sich in der Nähe des Checkpoints Maiorske – einem von fünf Checkpoints, die staatlich kontrollierte und nicht staatlich kontrollierte Bereiche des Landes verbinden. Hier bieten die Juristinnen und Juristen von NRC den Tausenden Menschen Rechtsberatung an, die jeden Tag die sogenannte „Kontaktlinie“ überqueren müssen.

Ich war auf der Seite des Staates, aber jetzt bin ich auf der Seite der Menschen.
Yuliia Voronkova

Yuliia arbeitet seit über drei Jahren für NRC.

„Seit frühester Kindheit wollte ich Juristin werden und Menschen helfen“, erklärt sie. „Ich komme aus einer Juristenfamilie. Mein Vater war Rechtsanwalt und half Menschen. Er inspirierte mich.“

„Vor dem Konflikt arbeitete ich bei der Pensionskasse der Ukraine. Aber ich merkte, dass das nicht ganz das war, was ich wollte. Ich war auf der Seite des Staates, wollte aber auf der Seite der Menschen sein.“

“Ich habe die ersten Worte meiner Tochter verpasst“

Yuliia stammt ursprünglich aus Donetsk. Im August 2014, nur drei Monate nach der Geburt ihrer Tochter Anna, fing sie wieder an zu arbeiten. Ihr Ehemann Denys war arbeitslos geworden und fand in der vom Krieg zerrütteten Stadt keine neue Stelle.

„Es war eine schwere Entscheidung für mich, wieder arbeiten zu gehen, und für Denys, sich um das Kind zu kümmern. Durch meine Arbeit hatte ich nicht so viel Zeit für Anna, wie ich gern gehabt hätte. Ich habe im Leben meiner Tochter viel verpasst. Ich habe ihre ersten Worte nicht gehört, weil sie die zu ihrem Papa gesagt hat“, gesteht Yuliia.

Ein Jahr später, im August 2015, zwang der Konflikt Yuliia und ihre ganze Familie zur Flucht nach Donezk. Als sie weg waren, wurde ihr Haus geplündert.

„Wir waren eine große, freundliche Familie“, erinnert sie sich. „Jedes Wochenende kamen alle Verwandten zum Abendessen zusammen. Jetzt sehen wir uns kaum noch, weil der Konflikt uns an verschiedene Orte getrieben hat.“

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Heute leben Yuliia, ihr Mann Denys und ihre fünfjährige Tochter Anna in der staatlich kontrollierten Stadt Kramatorsk.

Lesen Beschriftung Yuliia am Checkpoint „Maiorske“ – einer von fünf Checkpoints, einem von fünf Checkpoints, die staatlich kontrollierte und nicht staatlich kontrollierte Bereiche der Ukraine verbinden. Foto: Violetta Shemet/NRC

Lebenslektionen und Menschenrechte

Seit Beginn des Konflikts war Yuliia gezwungen, mit den vielen dringlichen Problemen zurechtzukommen, die die lokale Bevölkerung betrafen.

„Ich wusste nicht, was ich tun oder wohin ich gehen sollte“, erzählt sie. „Ich hatte ein Neugeborenes im Arm und keine Erwerbsquelle. Das Mutterschaftsgeld war unser einziges Einkommen. Und ich hatte keine Ahnung, wie man das Geld im nicht staatlich kontrollierten Donezk bekommen konnte. Aber das Leben lehrte mich.“

Nachdem sie Donezk verlassen hatte, bekam Yuliia bei einer lokalen humanitären Organisation eine Stelle als Juristin. Jetzt arbeitet sie für NRC bei einem Menschenrechtsprojekt als Expertin für ungewöhnliche und schwierige Fälle.

„Ich arbeite an Fällen, die eine ganzheitliche Herangehensweise erfordern“, erklärt sie. „Für jemanden, der einen Ausweis braucht, aber noch nie einen hatte, reicht eine Beratung natürlich nicht aus.“

„Einmal kam ein Mann zu mir, der überhaupt keine Papiere besaß und sich nicht ausweisen konnte. Ich musste mit ihm in die Haftanstalt gehen, in der er gewesen war, um Informationen über ihn zu bekommen. Am Ende erhielt der Mann seinen ersten Ausweis, es dauerte aber etwa zwei Jahre.“

Informationen sind das Wesentliche

Yuliia leistet Rechtshilfe und unterstützt Menschen dabei, Ausweis- oder andere Papiere zu bekommen und damit Zugang zu Sozialleistungen und Renten zu erhalten. Sie achtet darauf, die vom Konflikt Betroffenen über die ihnen garantierten Rechte zu informieren.

Photo: Violetta Shemet/NRC
Lesen Beschriftung Am Checkpoint „Maiorske“ überqueren jeden Tag Tausende Menschen die sogenannte „Kontaktlinie“. Häufig brauchen sie rechtliche Beratung und Hilfe. Foto: Violetta Shemet/NRC

„Wir arbeiten an den Checkpoints und helfen Bewohnern der nicht staatlich kontrollierten Gebiete, die Änderungen in der Gesetzgebung zu verstehen, zum Beispiel, wie der Prozess für den Erhalt bestimmter Zahlungen oder Dokumente sich geändert hat. Wir erfassen wichtige Fragen und Probleme der Menschen, die die sogenannte „Kontaktlinie“ überqueren, und konzentrieren unsere Arbeit dann darauf“, erklärt Yuliia.

Eine Freundin für die Menschen in Not

Bei ihrer Arbeit besucht Yuliia häufig die Gemeinden an der Frontlinie, wo jederzeit Kämpfe ausbrechen können.

„Wenn wir in so einer Gemeinde ankommen, versuche ich mit den Menschen in den Dialog zu treten – nicht nur als Juristin, sondern auch als Freundin“, erklärt sie. „Viele der Einwohner haben bereits jede Hoffnung aufgegeben. Ich nehme jedes Schicksal sehr ernst und gebe nie auf. Selbst wenn sich herausstellt, dass es zurzeit keine Lösung für ein Problem gibt, es gibt immer einen Weg.“

Im Jahr 2018 leistete Yuliia über 400 Beratungen und fast 300 juristische Dienstleistungen. Es gibt jedoch auch Schwierigkeiten und Enttäuschungen.

„Trotz all unserer Mühen können wir viele Probleme einfach nicht lösen“, erzählt sie uns. „Insbesondere wenn es um die Rente der Menschen geht, die vertrieben wurden oder in nicht staatlich kontrollierten Gebieten leben. Es ist so schwer, jemandem sagen zu müssen, dass wir alle Möglichkeiten ausgeschöpft, aber trotzdem nichts erreicht haben. Und das nicht, weil ich eine gute oder schlechte Juristin bin, sondern weil das System nicht richtig funktioniert.“

Ehefrau, Mutter, Ernährerin, Humanitärin

Während wir zum Büro zurückkehren, erzählt Yuliia, wie sie ihr Leben sieht.

„In den fünf Jahren, die der Konflikt nun schon andauert, habe ich viel gelernt“, erklärt sie. „Ich habe begriffen, dass ich Ehefrau und Mutter, aber auch Ernährerin sein muss. Das war eine sehr wichtige Erfahrung, die mir in Zukunft zweifellos helfen wird.“

Lesen Beschriftung „Ich habe begriffen, dass ich Ehefrau und Mutter, aber auch Ernährerin sein muss“, sinniert Yuliia, als sie wieder in ihrem Büro in Kramatorsk sitzt. Foto: Violetta Shemet/NRC

Yuliia sehnt sich nach einem friedlichen Leben und der Möglichkeit, wieder in ihre Heimatstadt zurückzukehren, während sie weiter ihrer humanitären Arbeit nachgeht.

„Ich frage mich oft, wer ich in Zukunft sein will. Meine Berufung ist es, Menschen zu helfen. Ich bin nicht bereit, sie im Stich zu lassen. Ich bin sicher, dass auch nach Beendigung des Konflikts im humanitären Bereich noch Juristen gebraucht werden. Und ich würde gern weiter in diese Richtung arbeiten“, schließt sie.

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In der ersten Hälfte des Jahres 2019 unterstützten die Juristinnen und Juristen von NRC durch verschiedene Projekte 10.520 Menschen in der Ukraine.

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