Lesen Beschriftung Ein junges Rohingya-Mädchen im Flüchtlingslager Balukhali, Cox’s Bazar, Bangladesch, 29. Mai 2019. Foto: Zuma Press / Diego Cupolo / NTB Scanpix

Gefangen im größten Flüchtlingslager der Welt

Richard Skretteberg|Veröffentlicht 04. Sep 2019|Bearbeitet 03. Sep 2019
Dieses Mädchen verbringt seine Kindheit im größten Flüchtlingslager der Welt. Sie ist eine von rund 740.000 Rohingya, die im Herbst 2017 aus Myanmar geflohen sind. Eine Rückkehr dorthin wäre für sie lebensgefährlich.

Am 25. August 2019 jährte sich der Beginn des größten Flüchtlingsstroms, der je aus Myanmar kam, zum zweiten Mal.

Staatenlos und vergessen – seit Jahrzehnten. Die Vereinten Nationen bezeichnen die Rohingya daher als die meistverfolgte Minderheit der Welt. Seit dem 25. August 2017 sind rund 740.000 Rohingya aus Myanmar nach Bangladesch geflohen. Über 630.000 leben in Kutupalong im Distrikt Cox’s Bazar, dem größten Flüchtlingslager der Welt.

Lesen Beschriftung Graphik: Tove Skjeflo/NRC

Die Rohingya führen in Bangladesch ein Leben in quälender Ungewissheit. Die Regierung von Bangladesch verwehrt ihnen den offiziellen Flüchtlingsstatus und sie können nicht nach Myanmar zurückkehren, da ihnen dort nach wie vor Gewalt und Verfolgung drohen.

Eine schwierige und gefährliche Situation

Der Alltag ist für die Geflüchteten, die auf 34 verschiedene Lager verteilt leben, eine große Herausforderung. Sie haben lediglich provisorische Notunterkünfte und die Regenzeit, die in Bangladesch sehr heftig ausfallen kann, verursacht Überschwemmungen, während die beschleunigte Abholzung rund um mehrere Lager die Gefahr von Erdrutschen erhöht hat. Zudem besteht ein erhöhtes Risiko von Krankheiten und Infektionen durch verschmutztes Trinkwasser.

Lesen Beschriftung Das Flüchtlingslager Cox’s Bazar steht auf sandigen, ehemals bewaldeten Hügeln. Die hügelige Landschaft erschwert die Unterbringung der Hunderttausenden Geflüchteten. Während der Monsunregen gibt es häufig Erdrutsche, die Menschen und ihr Hab und Gut gefährden. Foto: Ingebjørg Kårstad/NRC

Die Unterstützung in Form von medizinischer Versorgung, Bildung und Unterkünften, die die Geflüchteten erhalten, ist sehr begrenzt. Zudem sind sie anfällig für Menschenhandel und Ausbeutung als billige Arbeitskräfte.

Bangladeschische Familien leiden ebenfalls

Die meisten Geflüchteten sind in Cox’s Bazar untergebracht, einem der ärmsten Distrikte Bangladeschs. Die lokale Bevölkerung hat mit der Aufnahme der immensen Zahl vertriebener Rohingya große Gastfreundschaft bewiesen.

Diese Gastfreundschaft ist für viele bangladeschische Familien jedoch mit großen Opfern und Einschränkungen verbunden: Der Arbeitsmarkt ist überschwemmt, die Löhne sinken und sie haben den Zugang zu landwirtschaftlichen Nutzflächen verloren. Die große Anzahl an Geflüchteten hat außerdem zu einer großflächigen Abholzung eines ehemaligen Naturschutzgebiets geführt.

Lesen Beschriftung Die Umwelt wurde durch den Flüchtlingszustrom stark angegriffen. Riesige Flächen mit Millionen Bäumen wurden abgeholzt, um für sie Platz zu schaffen. Zusätzlich sind auch Dutzende Flüsse und Kanäle mit Abfällen verschmutzt. Foto: Ingebjørg Kårstad/NRC

Allmählich entstehen Spannungen zwischen den Geflüchteten und den Gastgebergemeinden. Schätzungsweise 336.000 Bangladescher leiden unter den Folgen der Vertreibung der Rohingya. Die Gastfreundschaft der lokalen Bevölkerung wird weiter schwinden, wenn die internationale Gemeinschaft diese Krise weiterhin ignoriert.

„Es reicht nicht, dass die Geflüchteten gerade genug Unterstützung bekommen, um zu überleben. Sie brauchen auch die Möglichkeit, ein Leben in Würde zu führen, Zugang zu Bildung und Möglichkeiten, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten“, sagt Shaun Scales, NRC-Landesdirektor in Bangladesch. „Die internationale Gemeinschaft sollte ihren Teil der Verantwortung übernehmen und die wirtschaftliche Unterstützung aufstocken, aber ebenso die politischen und diplomatischen Bemühungen verstärken, um dauerhafte Lösungen für die Rohingya zu sichern.“

Lesen Beschriftung Das Flüchtlingslager Cox’s Bazar steht auf sandigen, ehemals bewaldeten Hügeln. Die hügelige Landschaft erschwert die Unterbringung der Hunderttausenden Geflüchteten. Foto: Ingebjørg Kårstad/NRC

Geplante Umsiedlung birgt Risiken

Die Regierung von Bangladesch hat erklärt, die gefährlich überfüllten Lager abschaffen und die Lebensbedingungen der Geflüchteten verbessern zu wollen. Ein Plan sieht vor, 100.000 geflüchtete Rohingya auf die niedrig gelegene Insel Bhasan Char vor der Südküste Bangladeschs umzusiedeln.

Obwohl die Regierung dringend Maßnahmen ergreifen muss, um die katastrophale Situation in den Lagern auf dem Festland anzugehen, sehen Hilfsorganisationen diesen Plan kritisch. Ihrer Meinung nach mangelt es an Informationen darüber, wie die mit der Aufnahme einer so großen Anzahl an Geflüchteten auf der Insel verbundenen Risiken entschärft werden können. Diese Risiken sind unter anderem der Mangel an Bewegungsfreiheit, die Trennung von Familien, der fehlende Zugang zu Grundversorgungsleistungen und die potenzielle Gefahr durch schwere Naturkatastrophen während der Monsunzeit.

Wie künftige Umsiedlungen nach Bhasan Char vonstattengehen könnten, ist derzeit noch völlig unklar, ebenso wie die Möglichkeiten für Geflüchtete, die nicht umsiedeln möchten.

Lesen Beschriftung Als das Militär Hasinas Dorf angriff und ihr Haus niederbrannte, floh sie mit ihrem Mann und ihren drei Kindern. Ehe sie die Grenze überqueren und sich in Bangladesch in Sicherheit bringen konnten, wurde ihr Mann vor ihr und ihren zwei jüngsten Kindern vom Militär erschossen. Hasina selbst wurde ebenfalls verletzt und hat immer noch Schmerzen. Foto: Ingebjørg Kårstad/NRC

Eine Geschichte der Vertreibung

Die muslimische Minderheit Rohingya in Myanmar, die hauptsächlich im westlich gelegenen Rakhaing-Staat nahe der Grenze zu Bangladesch lebt, ist seit vielen Jahren Opfer von Diskriminierung und Missbrauch. Die ersten Menschen flohen bereits in den 1970er Jahren. Im Jahr 1982 wurde ihnen von den Behörden ihre Staatsbürgerschaft entzogen und in den frühen 1990er Jahren kam eine neue Welle von Flüchtenden in Bangladesch an.

Sowohl 2012 als auch 2013 fanden gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen der überwiegend buddhistischen Bevölkerung und den muslimischen Rohingya im Rakhaing-Staat statt. Allein im Jahr 2012 wurden über 140.000 Menschen vertrieben, sowohl innerhalb Myanmars als auch über die Grenze nach Bangladesch. Die Tragödien, die sich ereigneten, fanden jedoch international wenig Beachtung.

Dies änderte sich im Frühjahr 2015, als Land um Land in Südostasien sich weigerte, die Tausenden Rohingya aufzunehmen, als diese in ihren einfachen, motorlosen Booten ankamen. Zu dieser Zeit ging es vor allem darum, das Überleben der Bootsflüchtlinge zu sichern, die Situation zeigte jedoch auch, dass dauerhafte, umfassende Lösungen für die gesamte Rohingya-Bevölkerung gebraucht wurden.

Stattdessen führte die zunehmende Gewalt im Herbst 2017 jedoch zur jüngsten und größten Migrationsbewegung von Geflüchteten aus Myanmar.

Lesen Beschriftung Der dreijährige Mohammed Hussein und seine Mutter Janoara flohen Ende August 2017 aus Myanmar, nachdem das Militär ihr Dorf angegriffen, seinen Großvater getötet und ihr Haus niedergebrannt hatte. Es ist schwer, hier im Flüchtlingslager als alleinerziehende Mutter zurechtzukommen. Janoara steht mit Familienmitgliedern in Kontakt, die in Myanmar geblieben sind. Sie raten ihr dazu, nicht zurückzukommen. Foto: Ingebjørg Kårstad/NRC

Erlauben die Bedingungen eine Rückkehr?

Die größte Schwierigkeit besteht darin, dass Bangladesch und Myanmar vollkommen verschiedene Ansätze zur Lösung des Problems verfolgen. Während die Behörden in Myanmar die Rohingya als illegale Einwanderer oder Nachkommen von Einwanderern aus Bangladesch betrachten, wollen die Behörden Bangladeschs weiterhin jeden ohne offizielle Aufenthaltserlaubnis nach Myanmar zurückschicken.

Im November 2017 unterzeichneten Bangladesch und Myanmar eine gemeinsame Absichtserklärung, die eine Rückkehr der Geflüchteten ermöglichen sollte, bislang ist jedoch nichts geschehen. Erst kürzlich, am 15. August 2019, gaben beide Länder bekannt, einen neuen Versuch zur Rückführung Tausender Rohingya unternehmen zu wollen. Das UN-Flüchtlingshilfswerk besteht jedoch darauf, dass jede Rückkehr auf informierter und freiwilliger Basis erfolgen müsse.

Derzeit, nur zwei Jahre später, sind die Hilfsorganisationen nicht der Ansicht, dass die nötigen Voraussetzungen für eine freiwillige, sichere, würdevolle, internationalen Standards entsprechende Rückkehr bereits gegeben sind.

Lesen Beschriftung Durch das Better-Learning-Programm will NRC Kindern helfen, trotz ihrer schmerzhaften Erlebnisse in der Schule zurechtzukommen. Traumatisierte Kinder und Jugendliche haben ein hohes Angst- und Stresslevel. Hier lernen sie einfache Methoden, zum Beispiel Atemübungen, die ihnen helfen, ihre Emotionen zu kontrollieren, bevor sie von ihnen überwältigt werden. Foto: Ingebjørg Kårstad/NRC

„Es ist nicht die Zeit für eine Massenrückkehr“, sagt Scales. „Die Lage in Myanmar ist instabil und der Konflikt betrifft alle Gemeinden im Rakhaing-Staat und im ganzen Land. Solange die Sicherheit der Familien im Falle einer Rückkehr nicht garantiert werden kann, sollte niemand dazu gedrängt werden.“

Hintergründe und unsere Arbeit in Myanmar und Bangladesch
  • Die Rohingya sind eine muslimische Minderheit, die im überwiegend buddhistisch geprägten Myanmar lebt. Die meisten leben im Rakhaing-Staat an der Grenze zu Bangladesch.
  • Die Herkunft der Rohingya ist unklar. Die Behörden in Myanmar behaupten, die Rohingya seien illegale Einwanderer aus Bangladesch.
  • Die Rohingya gehören nicht zu den 135 offiziell anerkannten Völkern in Myanmar. Durch das Staatsbürgerschaftsgesetz von 1982 wurden den meisten von ihnen die Staatsbürgerschaft entzogen.
  • Die Vereinten Nationen schätzen, dass vor der Krise im Jahr 2017 etwa 800.000 Rohingya in Myanmar lebten. Andere Quellen gehen von bis zu 1,3 Millionen aus. Insgesamt besteht das Volk der Rohingya aus über 2 Millionen Menschen.
  • Seit dem 25. August 2017 sind infolge einer Offensive durch Regierungstruppen im Rakhaing-Staat rund 740.000 Rohingya aus Myanmar nach Bangladesch geflohen. Zu diesem Zeitpunkt lebten in Bangladesch bereits etwa 400.000 Rohingya.

Unsere Arbeit in Myanmar

NRC Myanmar reagiert im ganzen Land auf die komplexe Krise. Wir unterstützen Vertriebene bei akuten und langfristigen Problemen. Insgesamt 208.670 Menschen in Not erhielten im Jahr 2018 Hilfe von NRC – in den Bereichen Camp-Management, Bildung, Information und Rechtsberatung, Lebensunterhalt und Ernährungssicherheit, Unterkünfte und Siedlungen und Wasser, Sanitärversorgung und Hygieneförderung.

Unsere Arbeit in Bangladesch

Unsere ersten Maßnahmen führten wir 2016 im Norden Bangladeschs in Zusammenarbeit mit einer NGO vor Ort durch. Seitdem haben wir unsere Präsenz vor Ort ausgebaut und im November 2018 eine amtliche Eintragung erhalten, wodurch wir noch besser auf den Rohingya-Zustrom reagieren können. Zusammen mit unseren Partnern arbeiten wir mit den Rohingya und den Gastgebergemeinden, um Kindern und Jugendlichen eine qualitativ gute Bildung zu ermöglichen. Wir bieten außerdem sowohl den Geflüchteten als auch den Gastgebergemeinden juristische Hilfe und Beratung an.

Unterstützen Sie uns, damit wir diesen Menschen vor Ort helfen können