Lesen Beschriftung Gul Ghotay mit ihrer Tochter Naseema, 9, in ihrem alten provisorischen Zelt in Feristan im Nordwesten Afghanistans. NRC stattete 2018 Gul und Hunderte andere Familien im Lager mit isolierten Winterzelten aus. Foto: Enayatullah Azad/NRC

Wie aus einem Lager ein Zuhause wird

Paul Ireland|Veröffentlicht 23. Okt 2019|Bearbeitet 17. Okt 2019
„Das Leben als Vertriebene ist unglaublich schwer. Wir leiden“, sagt Gul Ghotay, und zieht die Decke enger um sich. Ihre Familie hatte gerade eine weitere eiskalte Nacht in einer Zeltsiedlung in Nordwest-Afghanistan unter einer Plastikplane überlebt. Aber es gibt Hilfe. NRC hat für Gul und Hunderte weitere Familien im Lager isolierte Winterzelte bereitgestellt.

Familie Ghotay war eine von Tausenden Familien, die im Jahr 2018 ihre Heimat im Norden und Westen Afghanistans aufgrund des Konflikts und der Dürre verlassen mussten. Durch Ernteausfälle und sterbenden Viehbestand war die Existenzgrundlage vieler Bauernfamilien bedroht. Sie waren gezwungen, zum Überleben in größere Städte umzuziehen.

Unter solchen Umständen hat die Zivilbevölkerung kaum eine andere Wahl als zu fliehen. Orte wie die Zeltsiedlung Feristan sind daher eine wichtige Zuflucht für Vertriebene und bieten ein strukturiertes Umfeld, wo sie schnell Zugang zu Notfallversorgung und Unterkünften haben.

NRC hilft rund um den Globus bei der Organisation von Flüchtlingslagern und Siedlungen – sowohl in offiziellen als auch in inoffiziellen – um Vertriebene zu schützen und lebensrettende Hilfe zu leisten.

Fünf Monate unter einer Plastikplane

„Ich lebe jetzt seit fünf Monaten so, mit meinem Sohn und meinen zwei Töchtern. Mein Mann ist vor fünf Jahren gestorben. Mein ältester Sohn hat eine eigene Familie und mein zweitältester ist drogenabhängig. Ich habe seit Jahren keinen Kontakt mehr zu ihm“, erzählt Gul Ghotay uns.

Guls Geschichte ist erschütternd, aber kein Einzelfall. Das Leben in diesem kargen Land ist schwer und die Menschen sind verzweifelt.

Um auf die Situation zu reagieren, hat NRC für die Familien in Feristan 2.500 qualitativ hochwertige isolierte Zelte bereitgestellt. Jedes Zelt misst 23 Quadratmeter und bietet genügend Platz für eine achtköpfige Familie. Die Zelte sind wasserdicht, doppelwandig isoliert und haben einen hochwertigen Bodenbelag. Sie haben eine Lebensdauer von mindestens einem Jahr.

Lesen Beschriftung Dieses Dronenfoto zeigt die Größe dieser Siedlung für Vertriebene im Nordwesten Afghanistans. Das Foto wurde während der Verteilung der Zelte durch NRC aufgenommen. Einige unserer weiß-orangenen Familienzelte sind im Vordergrund deutlich sichtbar. Am Ende war das Tal fast vollständig mit NRC-Zelten bedeckt. Foto: Enayatullah Azad/NRC


Miriam Lopez-Villegas, Beraterin im NRC-Unterkunftsteam, erklärt das Vorgehen: „Unser Team markiert den Boden und sorgt dafür, dass zwischen den Zelten genügend Platz bleibt, um ein Minimum an Privatsphäre zu gewährleisten, die Brandgefahr zu minimieren und ein Gefühl der Gemeinschaft zu erzeugen, in der jede Familie gleich viel Platz hat.“

Hilfe bei der Vorbereitung auf den Winter

Früher befand sich die Siedlung weiter unten im Tal neben einem trockenen Flussbett. In Zusammenarbeit mit den lokalen Behörden verlegten wir es weiter nach oben, damit die Familien im Herbst und Winter, wenn das Wasser steigt, keine Überschwemmungen befürchten müssen.

Zusätzlich zu den Zelten verteilten wir an Tausende Familien Decken, warme Winterkleidung, Schuhe, Küchensets und Hygieneartikel.

Lesen Sie Guls Geschichte (Englisch)

1. Organisation offizieller Lager

Wenn Vertriebene in offiziellen Lagern leben, brauchen sie eine Infrastruktur, die ihnen Unterstützung bietet. Unterkünfte müssen gebaut und instand gehalten werden, sauberes Wasser und Lebensmittel müssen bereitgestellt werden, und die Menschen müssen Schutz und Unterstützung bekommen. In solchen Situationen kann NRC auf Wunsch der Behörden die Leitung des Lagers übernehmen.

In den ersten vier Monaten des Jahres 2018 kamen fast 80.000 Flüchtende aus der Demokratischen Republik Kongo über die Grenze nach Uganda. Viele flohen vor der tödlichen ethnischen Gewalt in ihrem Heimatland. Die Flüchtlingslager im Westen Ugandas hatten Schwierigkeiten, diesen Zustrom aufzufangen. Choleraausbrüche in den Distrikten Hoima und Kyengewa bedrohten Tausende von Menschenleben.

Lesen Beschriftung Dieses Dronenfoto zeigt die Größe dieser Siedlung für Vertriebene im Nordwesten Afghanistans. Das Foto wurde während der Verteilung der Zelte durch NRC aufgenommen. Einige unserer weiß-orangenen Familienzelte sind im Vordergrund deutlich sichtbar. Am Ende war das Tal fast vollständig mit NRC-Zelten bedeckt. Foto: Enayatullah Azad/NRC


NRC war eine von 28 Hilfsorganisationen, die in gemeinsamer Arbeit auf die Krise reagierten. In der Flüchtlingssiedlung in Kyangwali bauten wir 200 Gemeinschaftslatrinen und 200 geschützte Waschplätze und installierten zwei Frischwassertanks. Wir schulten Hygiene-Promoter, entwickelten ein Verfahren zur Überwachung der Wasserqualität und halfen Geflüchteten, ihr Trinkwasser zu desinfizieren und das Cholera-Risiko zu mindern. Wir bauten außerdem Unterkünfte für Menschen mit besonderen Bedürfnissen.

„Wir befinden uns inmitten einer Krise und tun unser Bestes, um Leben zu retten und die Menschen in Not zu schützen. Jeder Tag birgt neue Herausforderungen“, erklärt Dominika Arseniuk, damalige Programmleiterin für NRC in Uganda.

Erfahren Sie, wir die Leitung von Flüchtlingslagern im Westen Ugandas unterstützt haben (Englisch)

2. Unterstützung inoffizieller Siedlungen

Manchmal finden Vertriebene sich in kleinen, verstreuten Siedlungen zusammen. Diese weisen einige Merkmale von offiziellen Lagern auf, werden aber häufig von den Behörden vor Ort nicht anerkannt. In solchen Situationen bietet NRC mithilfe von mobilen Teams dieselbe Unterstützung und Hilfe wie in den besser strukturierten Lagern.

Im Jahr 2017 war für viele syrische Geflüchtete im Libanon eine Zeltsiedlung am Rande von Tripolis jahrelang ihr einziges Zuhause gewesen. Es war unwahrscheinlich, dass sie in naher Zukunft nach Syrien würden zurückkehren können. Wir arbeiteten in diesen inoffiziellen Siedlungen und halfen den Geflüchteten, Probleme gemeinsam mit den libanesischen Gemeinden in der Umgebung zu erkennen und zu lösen.

Lesen Beschriftung In der Flüchtlingssiedlung in Kyangwali im Westen Ugandas installierte NRC Frischwassertanks und half den Geflüchteten, ihr Trinkwasser zu desinfizieren und damit das Cholera-Risiko zu mindern. Foto: Nashon Tado/NRC


Omar ging von Zelt zu Zelt, sammelte von allen Familien Geld und suchte Freiwillige, um das Flussbett zu reinigen. Die Freiwilligen wurden anschließend mit dem gesammelten Geld bezahlt.

„Es war eine einfache Lösung, die großartig funktionierte“, erklärt er. „Wir konnten gemeinsam die Spannungen mit unseren Nachbarn abbauen und eine eventuelle Gesundheitsgefährdung angehen. Die Gemeinde schloss sich zusammen, um ein gemeinsames Problem zu lösen.“

Lesen Sie Omars Geschichte (Englisch)

3. Hilfe für Vertriebene, die in Gastgebergemeinden leben

Nicht alle Vertriebenen leben in Lagern – seien es offizielle oder inoffizielle. Besonders in städtischen Gebieten leben sie häufig Seite an Seite mit Gastgebergemeinden. Diese relativ unstrukturierte Umgebung bringt besondere Herausforderungen bei der Unterstützung dieser Menschen mit sich.

Safaa, 45, siebenfache Mutter, floh mit ihrer Familie aus Syrien in den Südlibanon, konnte aber nie längere Zeit an einem Ort bleiben. „In acht Jahren haben wir in über 30 verschiedenen Häusern gewohnt, da wir uns die Miete nicht leisten können“, erklärt sie.

Anfang des Jahres wurde die Familie aus einer Unterkunft vertrieben, in der sie mietfrei gewohnt hatten. Sie mussten ihre Sachen packen und nach einer neuen Bleibe suchen.

Lesen Beschriftung In dieser inoffiziellen Flüchtlingssiedlung im Libanon übernahm ein Ausschuss von Geflüchteten die Verantwortung für die Abfallfässer und kümmerte sich darum, dass der Abfall ordnungsgemäß entsorgt wurde. Foto: Rayana Abou Jaoude/NRC


Safaas Familie lebte einen Monat lang in einem Zelt, bevor sie sich an NRC wandten. „Ich rief die Organisation an und erklärte unsere schwierigen Lebensbedingungen“, erzählt Safaa. „Am nächsten Tag besuchten sie uns und halfen uns sofort, eine bessere Unterkunft zu bekommen.“

Im Rahmen eines Projekts, bei dem NRC Wohnungen renoviert und der Vermieter im Gegenzug die Familie mietfrei wohnen lässt, konnten sie in die Wohnung eines libanesischen Eigentümers ziehen. Safaa unterschrieb einen Vertrag über ein Jahr und zwei Monate.

„Jetzt leben wir in einer großen 3-Zimmer-Wohnung mit Küche, Bad und einem Türschloss“, sagt Safaa. „Hier fühlen wir uns sicher und geschützt. Ich muss mir keine Sorgen um die Miete machen oder dass wir plötzlich rausgeworfen werden. Wir sind in Sicherheit.“

Lesen Sie Safaas Geschichte

Fakten und Zahlen

Im Jahr 2018 konnten wir insgesamt 390.933 Menschen in 7 verschiedenen Ländern durch unsere Arbeit im Bereich Camp-Management unterstützen.

Erfahren Sie mehr über unsere Arbeit im Bereich Camp-Management.

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Familien in Geflüchteten-Camps brauchen Hilfe, sich wieder ein Leben aufzubauen