Lesen Beschriftung KRANKENBETT: Lorenza Fond kümmerte sich um ihren todkranken Ehemann Herezio. Dann wurde sie selbst bettlägrig. Ohne Geld für Medikamente und medizinische Versorgung bleibt ihr nichts anderes übrig, als zuzusehen, wie ihr Mann von Tag zu Tag schwächer wurde. Am 4. Juni starb er.

Wenn Armut Tod bedeutet

Text: Roald Høvring, Fotos: Ingebjørg Kårstad|Veröffentlicht 03. Okt 2019|Bearbeitet 23. Sep 2019
Vor der Krise lebte Lorenza Fond mit ihrem Mann Herezio ein normales, bürgerliches Leben. Sie hatten ein gesichertes Einkommen und ein schönes Haus. Aber dann nahm ihr Leben eine dramatische Wendung.

Innerhalb von 50 Jahren ist Venezuela vom größten Ölexporteur der Welt zu einem Land geworden, das in einer tiefen Krise steckt. Jeder Zehnte hat das Land aufgrund von Hyperinflation, Rohstoffknappheit sowie politischen und sozialen Unruhen verlassen.

Fakten: Von Ölreichtum zu bodenloser Armut

Seit den 1920er Jahren sorgten die Ölvorkommen Venezuela für rasantes Wirtschaftswachstum und machten das Land von 1928 bis 1970 zum größten Ölexporteur der Welt. Die meisten anderen Industrien wurden dadurch jedoch verdrängt, was Venezuela extrem anfällig für fallende Ölpreise macht – wie im Jahr 2014 geschehen.

Infolge der fallenden Ölpreise, schlechter Regierungsführung, politischen Konflikten und Korruption stürzte Venezuela 2015 in die größte Finanzkrise aller Zeiten. Der Import von Lebensmitteln, Medikamenten und anderen Basisgütern brach zusammen, was weitreichende soziale und humanitäre Folgen hatte – und massive Emigrationsbewegungen nach sich zog. Im Jahr 2018 betrug die Inflationsrate über eine Million Prozent. Dieses Jahr, 2019, wird eine Preissteigerung von 10 Millionen Prozent erwartet. Zu Beginn dieses Jahres brauchte eine Familie fast zwei Jahresgehälter (vom Mindestlohn ausgehend), um die Lebensmittel für einen Monat bezahlen zu können. Das bedeutet, dass selbst Besserverdienende Schwierigkeiten haben, Lebensmittel, Haushaltsgegenstände und medizinische Versorgung zu bezahlen – in einem Land, das einmal eins der reichsten Länder Südamerikas war.

Quelle: Großes Norwegisches Lexikon

Dies ist die Geschichte derjenigen, die zurückgeblieben sind. Die zu krank sind, um zu reisen. Die sich die Reise nicht leisten können. Und die, die sich an das wenige klammern, das ihnen noch zum Überleben bleibt.

NRC-Fotografin Ingebjørg Kårstad hat viele humanitäre Krisen dokumentiert, aber ihre Begegnungen mit den Menschen in Venezuela, die von der Krise am stärksten betroffen sind, waren besonders bewegend.

„NRC arbeitet in einigen der schlimmsten Kriegsgebiete der Welt, wo die unschuldige Zivilbevölkerung von Luftangriffen, Straßenbomben und Angriffen von bewaffneten Gruppen getroffen wird. In Venezuela gibt es keinen Krieg. Hier sind es die Hyperinflation und der Mangel an Lebensmitteln und Medikamenten, die für die Menschen tödliche Folgen haben und sie zur Flucht aus ihrer Heimat zwingen.“
INGEBJØRG KÅRSTAD (44)

Und es sind die Schwächsten, die es am härtesten trifft. Kinder verhungern. Kinder gehen nicht mehr zur Schule. Die Älteren und Schwachen können sich lebenswichtige Medikamente nicht leisten. Derzeit brauchen 2,8 Millionen Menschen medizinische Versorgung. Das führt dazu, dass normalerweise leicht behandelbare Krankheiten häufig tödlich enden.

Bodenlose Armut

„Das Zusammentreffen mit Lorenza und Herezio war herzzerreißend. Sie hatten ein sicheres, gutes Leben und ihre finanzielle Lage war stabil. Jetzt hat die Hyperinflation die Familie in eine bodenlose Armut gestürzt. Bei Herezio wurde Krebs diagnostiziert, aber da das Geld nicht für die Medikamente und Behandlungen reicht, ist das für ihn praktisch ein Todesurteil.

Auch seine Frau Lorenza wurde bettlägrig. Im Dezember letzten Jahres biss ihr ein Hund ins Bein. Die kleine Bisswunde entzündete sich, Lorenza musste operiert werden und lag 15 Tage lang im Krankenhaus. Sie musste alles selbst kaufen, was für ihre Behandlung gebraucht wurde. Das Krankenhaus hatte noch nicht einmal Verbandsmaterial.

Lesen Beschriftung VOM HUND GEBISSEN: Lorenza ist ebenfalls bettlägrig. Im Dezember letzten Jahres biss ihr ein Hund ins Bein. Die kleine Bisswunde entzündete sich, Lorenza musste operiert werden und lag 15 Tage im Krankenhaus.

Schlechte Nachrichten

Herezio schaut zu seiner Frau herüber, die im anderen Bett liegt.

„In den letzten Wochen haben sie Seite an Seite in dem schwülen, blau gestrichenen Zimmer gelegen und versucht, die schlechten Nachrichten über Herezios Gesundheitszustand zu verarbeiten“, sagt Kårstad.

Es dauerte über zwei Jahre von Herezios erstem Arztbesuch bis zur endgültigen Diagnose: Krebs. Er ging zum Arzt, weil er das Gefühl hatte, etwas stimme nicht mit seinem Bein, aber der Arzt sagte ihm, es gebe nichts, worüber er sich Sorgen machen müsse. Herezio blieb jedoch hartnäckig und bemühte sich herauszufinden, was mit ihm nicht stimmte. Erst im Mai dieses Jahres bestätigte sich seine Befürchtung: ein bösartiger Tumor in seinem rechten Bein.

*1/3 der Ärztinnen und Ärzte haben das Land verlassen.

Von 2017 bis 2018 ist die Sterblichkeitsrate

in Venezuela um 31% gestiegen.

Die Kindersterblichkeit ist um 21 % gestiegen.

Lesen Beschriftung SEITE AN SEITE: Herezio sieh zu seiner Frau im anderen Bett herüber. In den letzten Wochen haben sie Seite an Seite in dem schwülen, blau gestrichenen Zimmer gelegen und versucht, die schlechten Nachrichten über Herezios Gesundheitszustand zu verarbeiten.

Warten auf den Tod

„Als ich ihn zum ersten Mal traf, war sein rechtes Bein doppelt so dick wie das linke und er hatte starke Schmerzen. Er bekam ein Antibiotikum für sein Bein, der Krebs wurde jedoch nicht behandelt. Die Familie hatte einfach nicht genug Geld.“

Ende Mai sprach sie das letzte Mal mit Herezio. Er hatte einen Arzttermin für den 11. Juli.

„Weniger als eine Woche später, am 4. Juni, erfuhr ich, dass Herezio gestorben war. Lorenza war untröstlich. Mithilfe von ein paar hilfsbereiten Nachbarn und einem kleinen Betrag von den Behörden konnte sie genug Geld für eine würdevolle Beerdigung zusammenbringen.“

Lesen Beschriftung IN TRAUER: Joseides betrauert den Verlust ihrer neun Monate alten Tochter.

Die Jungen und Gesunden gingen als Erste 

Als die Krise sich zuspitzte, waren es die jungen Männer, die in der Hoffnung auf eine bessere und sicherere Zukunft das Land als Erste verließen.

„Nun können wir beobachten, dass ganze Familien und Frauen mit Kindern versuchen, das Land zu verlassen. Sie haben wenig Geld und brauchen Schutz. Es sind jedoch oft die Schwächsten und die mit dem wenigsten Geld, die zurückbleiben“, erklärt Kårstad, die sich dafür einsetzt, genau diesen Menschen ein Gesicht und eine Stimme zu geben.

Lesen Beschriftung GESTORBEN: Da die Familie kein Geld für die Medikamente und die Behandlung hatte, starb ihre neun Monate alte Tochter.

Trauer

Die erfahrene Fotografin berichtet uns von ihrer Begegnung mit der Familie Urbaneja, die gerade ihre kleine Tochter verloren hat:

„Die Mutter, Joseides Urbaneja (21), war in tiefer Trauer. Aus sechs Familienmitgliedern waren fünf geworden. Sie und ihr Ehemann hatten ihre jüngste Tochter verloren, sie war nur neun Monate alt.“

Es begann direkt nach der Geburt mit Durchfall und Erbrechen. Sie konnte nicht schlafen und ihre Eltern brachten sie zum Arzt, konnte aber die Medikamente nicht bezahlen.

„Joseides zeigte mir auf ihrem Handy ein Foto ihrer winzigen, mageren Tochter kurz vor ihrem Tod, aber eigentlich wollte sie nur vergessen. Der Gedanke an den Tod ihrer Tochter war unerträglich.“

Etwa 3,7 Millionen Menschen leiden an Unterernährung. Eine Umfrage aus dem Jahr 2017 ergab, dass 22 Prozent der Kinder unter fünf Jahren chronisch unterernährt waren.

3,7 Millionen Menschen leiden an Unterernährung. 

22% der Kinder unter fünf Jahren waren chronisch unterernährt. 

Lesen Beschriftung LEERE REGALE: In diesem Markt in Puerto Ordaz haben die meisten Händler ihre Läden geschlossen, weil kaum ein Kunde es sich noch leisten kann, Fleisch zu kaufen.

Jeder Zehnte hat das Land bereits verlassen

Die Krise hat seit 2015 bereits über 4,3 Millionen Menschen dazu veranlasst, das Land zu verlassen. Das sind über zehn Prozent der Bevölkerung. Solange nichts unternommen wird, um die wirtschaftliche Lage des Landes zu verbessern, könnten bis Ende nächsten Jahres über 8 Millionen Menschen Venezuela verlassen haben, so ein Bericht der Organization of American States (OAS). Allein das vom Krieg zerrüttete Syrien hat noch größere Zahlen vorzuweisen.

5.000.000 Menschen haben das Land bereits verlassen.

Lesen Beschriftung KEIN SELTENER ANBLICK: Verlassene Häuser sind in einem Land, in dem jeder zehnte Einwohner ausgewandert ist, keine Seltenheit.

Hyperinflation

Die Lage in Venezuela verschlechtert sich zusehends. Der Internationale Währungsfonds (IMF) schätzt, dass die Inflation im Jahr 2019 bis zu 10 Millionen Prozent betragen könnte. Eine von ENCOVI im Dezember 2018 durchgeführte Studie zeigte, dass eine durchschnittliche Familie 23 Monatsgehälter (ausgehend vom Mindestlohn) braucht, um die Lebensmittel für einen Monat bezahlen zu können.

„Auf dem Markt in Puerto Ordaz sind nur wenige Stände sind geöffnet und es kommen nur selten Kunden“, sagt Kårstad.

Eine Familie braucht 23 Monatsgehälter um ihre Lebensmittel für einen Monat bezahlen zu können.

Lesen Beschriftung BEZAHLEN PER APP: Vanessa Munoz, 23, (links) ist auf dem Markt, um Brot zu kaufen. Sie bezahlt mit einer App auf ihrem Handy. Fast niemand benutzt mehr die nahezu wertlosen Banknoten.

Raquel Salazar, 46, ist eine der wenigen Händlerinnen, die noch da sind. Es gibt Tage, an denen sie nur ein paar Brote verkauft und damit lediglich 2.000 venezolanische Bolivars verdient. Das entspricht etwa 0,084 Euro, also weniger als einem Cent.

Vanessa Muroz, 23, kaufte Brot. Wie viele andere auch bezahlte sie mit ihrem Handy. Fast niemand benutzt mehr die nahezu wertlosen Banknoten.

Lesen Beschriftung INFLATION: Dies war im Mai 2019 der Preis für drei Brötchen.

Großer Bedarf an Hilfe

Das Amt für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) hat 223 US-Dollar angefordert, um dieses Jahr den Zugang zu Lebensmitteln, Wasser, medizinischer Versorgung und Schutz von 2,6 Millionen Menschen zu sichern. Diese Summe ist für die am meisten gefährdeten Gruppen bestimmt, die Organisation schätzt hingegen, dass insgesamt bis zu 7 Millionen Menschen in dem angeschlagenen Land humanitäre Hilfe benötigen.

Es besteht ein großer Bedarf an Unterstützung bei der Beschaffung von Medikamenten und medizinischer Versorgung, Lebensmitteln und sauberem Wasser, Bildung und Schutz, insbesondere von Frauen und Kindern.

Lesen Beschriftung Sabina Florez, 59, bei der Arbeit in der Schulküche in Caracas.

Suppenküche

„In dem von Armut geprägten Distrikt Petare in der Hauptstadt Caracas traf ich Sabina Florez, 59, die in einer der Schulküchen arbeitete, die wir unterstützen. Obwohl sie, ihr Mann und ihre Tochter alle bezahlte Jobs hatten, hatten sie nicht genug Geld, um über die Runden zu kommen“, sagt Kårstad.

Daher übernahm sie die Aufgabe, für die Kinder in der Schule zu kochen. Das Projekt wird von einer humanitären Hilfsorganisation vor Ort durchgeführt und durch NRC unterstützt. Für ihre Arbeit in der Küche erhält sie ein paar Lebensmittel. Zusätzlich bekommt sie Essen von einer Suppenküche, die von anderen lokalen Organisationen betrieben wird, und gelegentlich Lebensmittelpakete von den Behörden.

 

Lesen Beschriftung HUNGRIGE MÜNDER: Hengerly, 4, und Samatha, 3, bei einer kostenlosen Mahlzeit in einer Schule im Distrikt Petare in der Hauptstadt Caracas. Dies ist eins der Projekte, die NRC in Venezuela unterstützt.

Über eine Million Kinder gehen nicht mehr zur Schule und über zwei Millionen brauchen Unterstützung, um ihre Schulbildung fortsetzen zu können.

Lasst uns den Menschen in Venezuela helfen - sie brauchen dringend Unterstützung