Eden (20) Hitsats, Shire, Ethiopia.

Photo: Ingrid Prestetun/NRC
Lesen Beschriftung Die 21-jährige Eden ist entschlossen, ihr Leben zu riskieren, um nach Europa zu gelangen. Sie träumt davon, wieder bei ihrem Bruder zu sein, der vor vier Jahren nach Deutschland ging. Foto: Ingrid Prestetun/NRC

Eden, 20, floh allein: “Ich bereue es, dass ich mich nicht von meinen Eltern verabschiedet habe”

Thale Jenssen|Veröffentlicht 08. Mrz 2019|Bearbeitet 05. Mrz 2019
Eden sagte ihren Eltern nicht, dass sie aus Eritrea flüchten und sie verlassen würde. Sie träumt davon, nach Europa zu gehen und dort mit ihrem Bruder zusammen zu sein, aber er möchte nicht, dass seine kleine Schwester diese gefährliche Reise auf sich nimmt.

„Ich musste Eritrea verlassen. Das Leben dort ist wirklich hart.“

Wir lernen die 21-Jährige in einem Flüchtlingslager in Nordäthiopien kennen. Es ist Trockenzeit und die Temperatur steigt während der Morgenstunden schnell auf 40 Grad an. Der Boden ist staubig und die Bäume haben nicht genug grüne Blätter, um uns vor der Sonne zu schützen.

Als wir ankommen, begrüßt Eden uns vor dem helltürkis gestrichenen Haus und bittet uns herein. „Ich lebe hier jetzt seit etwas über einem Jahr“, sagt sie.

Sie wollte eigentlich nicht so lange hier bleiben.

„Ich wollte in den Sudan, dann nach Libyen und weiter nach Europa“, erklärt sie. Und ja, ihr ist bewusst, dass das eine gefährliche Reise ist. Sie hat Freunde, die es auf dieser Route genommen haben, und manche haben es bis nach Europa geschafft. Andere kamen nicht an.

Ihre Eltern wussten nichts 

Im Jahr 2017 flohen über 25.000 Menschen aus Eritrea über die südliche Grenze ihres Landes nach Äthiopien. Die meisten sind Jugendliche und Minderjährige und viele flohen allein. Die meisten nennen den Wehrdienst in Eritrea, der für alle ab 18 Pflicht ist, als Hauptgrund für ihre Ausreise.

Vor vier Jahren schaffte Edens 27-jähriger Bruder es bis nach Deutschland. Er nahm die lange, gefährliche Reise durch den Sudan, Libyen und über das Mittelmeer auf sich. Im November 2018 beschloss Eden, dasselbe zu tun. Ihrer Familie sagte sie nichts.

„Wenn ich es ihnen gesagt hätte, hätten sie mich ganz sicher davon abgehalten.“

Als Erstes ging sie zu ihrem Großvater, um sich vor dem Militär zu verstecken. Während sie dort war, bat sie ihre Tante, ihr etwas Geld zu schicken, das sie dann einem Schmuggler gab. An dem Tag, als sie wegging, sah sie ihren Vater auf der Straße. Sie schaffte es, sich vor ihm zu verbergen.

„Ich bereue es, dass ich mich nicht von ihm verabschieden konnte“, sagt sie mit Tränen in den Augen. Es war keine leichte Entscheidung für sie, ihre Mutter, ihren Vater und ihre Geschwister zu verlassen, aber Eden hatten das Gefühl, keine andere Wahl zu haben.

Aus meiner Sicht habe ich im Leben zwei Möglichkeiten: Gewinnen oder Verlieren. Ich habe gehört, es sei sehr schwierig, aber solange der einzige Weg nach Europa durch den Sudan und Libyen führt, will ich das tun.
Eden, 20

Verstecken vor dem Militär

 Zusammen mit einer Gruppe von 16 anderen begab sie sich von Asmara, der Hauptstadt Eritreas, auf die Reise. Sie gingen fünf Tage lang zu Fuß, dann tauchte das Militär auf, eröffnete das Feuer und zwang sie, sich zwei Tage lang ohne Essen und ohne Wasser zu verstecken. Die ganze Zeit hatte Eden Angst, dass man sie finden würde. Sie wusste, dass man bestraft wurde, wenn man sich dem Dienst entzog oder desertierte. Am Ende beschlossen sie, nach Asmara zurückzugehen. Der Schmuggler riet ihnen dringend, ihre Reise fortzusetzen. Eden und vier weitere von der ursprünglichen Gruppe beschlossen, es noch einmal zu versuchen. Eine Woche später erreichten sie die äthiopische Grenze.

„Ich vermisse meine Familie. Sie haben meinen Wunsch zu gehen nicht unterstützt und meine Tante hält mich für eine Diebin. Die einzige Familie, die ich jetzt noch habe, sind die Mädchen, mit denen ich hier wohne.“

Im Lager teilt Eden sich ein kleines Haus mit fünf jungen Frauen in ihrem Alter. Sie kannten einander nicht, als sie ankamen, aber mittlerweile sind sie gute Freundinnen geworden. Alle haben in ähnlicher Weise ihre Familien und ihr Heimatland verlassen. Eden hat seit ihrer Abreise keinen Kontakt zu ihren Eltern gehabt, aber wenn das Internet funktioniert, chattet sie mit ihrer Schwester auf Facebook. Anfang der Woche hat sie ihren Bruder in Deutschland angerufen.

„Er will nicht, dass ich nach Europa komme, und sagt mir immer wieder, dass ich im Lager bleiben soll, weil es für mich in Äthiopien Möglichkeiten geben wird.“

Gewinnen oder Verlieren

 Eden hat sich entschieden.

„Aus meiner Sicht habe ich im Leben zwei Möglichkeiten: Gewinnen oder Verlieren. Ich habe gehört, es sei sehr schwierig, aber solange der einzige Weg nach Europa durch den Sudan und Libyen führt, will ich das tun.“

Fakten:
  • Im Februar 2017 unterzeichnete die Europäische Union ein Abkommen mit der libyschen Regierung, in dem die über 200 Millionen Euro im Austausch dafür zusagte, dass Libyen Migrantenboote verbietet, freiwillige Rückführung fördert und Lager in Libyen errichtet. Seitdem ist die Zahl der Geflüchteten und Migrierenden, die über die potenziell tödliche Reise über das Mittelmeer nach Europa kommen, drastisch gesunken.
  • Im Jahr 2017 kamen 119.000 Menschen in Italien an, hauptsächlich aus Libyen kommend, im Vergleich zu 181.000 Menschen im Jahr 2016, so das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR).
  • Dem UNHCR zufolge stammten im Jahr 2017 über 7.000 von denjenigen, die in Italien ankamen, aus Eritrea, im Vergleich zu geschätzten 20.000 im Jahr 2016 und fast 40.000 im Jahr 2015.
  • Die Zahl der unbegleiteten und getrennten Kinder unter den Eritreerinnen und Eritreern, die in Italien ankommen, ist laut UNHCR mit über 1.200 im Jahr 2017 nach wie vor hoch. Gegen Ende 2017 lag die Zahl der eritreischen Geflüchteten und Asylsuchenden in Libyen bei mehr als 5.100.

Eden ist nicht allein. Die meisten eritreischen Geflüchteten verlassen die Lager innerhalb des ersten Jahres nach ihrer Ankunft. Viele wagen die Reise nach Europa, oft mithilfe von Schmugglern und unter Einsatz ihres Lebens.

„Der einzige Grund, warum ich immer noch hier bin, ist, dass es schwieriger geworden ist. Mein Plan ist zu gehen, und ich werde dieselbe Route nehmen wie alle anderen. Ich weiß nicht wann. Vielleicht morgen, übermorgen, in einem Monat oder in einem Jahr, aber sobald die Seegrenze offen ist, werde ich gehen.“

Lesen Beschriftung Eden und ihre Klassenkameradinnen und -kameraden im Kochkurs, den NRC im Flüchtlingslager anbietet. Foto: Beate Simarud/NRC

 

Große Pläne

Eden verbringt die Zeit im Lager damit, Zukunftspläne zu schmieden. Zusammen mit ihrer Mitbewohnerin Winta, 23, nimmt sie an den Kochkursen im Jugendbildungszentrum von NRC teil.

„Ich bin sehr froh, dass ich nicht ein ganzes Jahr im Lager verschwendet habe. Im Gegensatz zu anderen, die nur herumsitzen und nichts tun, habe ich gelernt und hart gearbeitet“, sagt sie mit einem Lächeln.

Am nächsten Tag wird sie die Kochprüfung ablegen und ein offizielles Zertifikat der äthiopischen Regierung bekommen. Sie ist nicht nervös.

„Ich fühle mich gut. Ich bin gut vorbereitet und unsere Lehrkräfte waren sehr gut, also hoffe ich, dass ich bestehe.“

Am Tag ihrer Prüfung treffen wir sie im Jugendbildungszentrum. Sie trägt ihre Kochkleidung und eine Kochmütze und wirkt, als sei sie bereit.

Während des sechsmonatigen Kurses hat sie gelernt, verschiedene Gerichte zu kochen, Saucen herzustellen und Brot zu backen. Darüber hinaus besuchte sie Kurse über Küchenhygiene und lernte, wie man einen Tisch deckt und Gäste bedient. Am Tag der Prüfung zeigt sie dem Prüfungsleiter der äthiopischen Regierung, was sie gelernt hat.

Eine Stunde später hat sie ein breites Lächeln auf dem Gesicht. Sie hat die Prüfung bestanden.

„Ich habe viele Pläne“, sagt sie und serviert uns frische Club-Sandwiches, Kartoffelbrot und Salat. „Ich würde gern im Restaurant eines großen Hotels arbeiten, vorzugsweise in Europa. Und irgendwann möchte ich mein eigenes Restaurant eröffnen. Ich werde es Asmara nennen.“