Lesen Beschriftung Jospin, 10, möchte Architekt werden. Er denkt bereits darüber nach, für seine Eltern und Geschwister ein großes Haus aus Ton zu bauen. Foto: Chanel Igara/NRC

Zentralafrikanische Republik: Die Entstehung eines Architekten

Chanel Igara|Veröffentlicht 02. Mai 2019|Bearbeitet 23. Apr 2019
In der Zentralafrikanischen Republik gibt es Regionen, in denen kein einziges Kind die Schule besucht. Wir setzen uns in dieser vergessenen Krise dafür ein, dass die Kinder wieder lernen können.

Jospin ist zehn Jahre alt. Im April 2018 musste er mit seinen Eltern, seinen drei Brüdern und seiner Schwester auf dem Dorf Nassolé fliehen, weil bewaffnete Gruppen in die Region einmarschierten. Bei einer Familie in der Stadt Berberati fanden sie Zuflucht. Jospin ist seitdem nicht mehr zur Schule gegangen, weil seinen Eltern das Geld dafür fehlt.

„Ich bin wirklich traurig deswegen, weil ich in der Schule Freunde habe und wirklich gern mit ihnen zusammen sein, lernen und Spaß haben möchte“, sagt er. „Aber meine Eltern trifft wirklich keine Schuld. Sie haben einfach nicht das Geld, um mich oder meine Geschwister zur Schule zu schicken“, erklärt Jospin.

Die am meisten missachtete Krise der Welt

Im Jahr 2017 erklärte NRC die Krise in der Zentralafrikanischen Republik zur am meisten missachteten Krise der Welt. Seit der gewaltsamen Machtübernahme im Jahr 2013 befindet sich das Land in Aufruhr. Die Gewalt breitete sich aus, als bewaffnete Milizen gegeneinander kämpften und sich an der Zivilbevölkerung rächten. Nach den Präsidentschaftswahlen im Jahr 2016 war etwas Ruhe ins Land eingekehrt und es kam die Hoffnung auf Frieden auf. Gegen Ende 2016 brachen jedoch zwischen den bewaffneten Gruppen, einschließlich der ehemaligen Seleka-Fraktionen und der Anti-Balaka-Milizen, die beide große Teile des Landes kontrollieren, erneut Kämpfe aus.

Lesen Beschriftung Im Jahr 2017 erklärte NRC die Krise in der Zentralafrikanischen Republik zur am meisten missachteten Krise der Welt. Diese Menschen wurden nach Carnot vertrieben, nachdem am 21. Januar 2019 ein bewaffneter Angriff auf ihr Dort Zaoro Sangou stattgefunden hatte. Foto: Hajer Naili/NRC

 

Dieser erneute Gewaltausbruch führte zu der höchsten Zahl an Zwangsvertreibungen, die jemals in der Zentralafrikanischen Republik registriert wurde. Die Zahl der Binnenvertriebenen stieg im Jahr 2017 um 70 Prozent an. Schätzungen zufolge gibt es derzeit über 1,2 Millionen Menschen, die gewaltsam vertrieben wurden.

Am 6. Februar 2019 unterzeichneten die zentralafrikanische Regierung und bewaffnete Gruppen ein Friedens- und Versöhnungsabkommen, um den Vertriebenen die Rückkehr zu ermöglichen.

Träume von der Zukunft

Obwohl er inmitten dieses Konflikts leben muss, hat Jospin große Ziele. Er möchte seinen Freunden beweisen, dass man selbst dann etwas bewirken kann, wenn man nicht zur Schule geht. Eines Tages kam ihm die Idee, kleine Bambushäuser in Puppengröße zu bauen. „Ich habe mich zu Hause wirklich gelangweilt und wollte etwas tun, das mir Spaß macht, anstatt nichts zu tun“, erzählt er.

Jospin möchte Architekt werden. Er denkt bereits darüber nach, für seine Eltern und Geschwister ein großes Haus aus Ton zu bauen. Bis dahin lernt er den Beruf unterwegs. Sobald er ein Haus sieht, das ihm gefällt, baut er es aus kleinen Bambusstämmchen nach. Das kostet viel Zeit und Mühe: Um ausreichend Holz zu haben, muss er manchmal bis zu drei Stunden lang nach den passenden Bambusstäben suchen.

Lesen Beschriftung Sobald Jospin ein Haus sieht, das ihm gefällt, baut er es aus kleinen Bambusstämmchen nach. Foto: Chanel Igara/NRC

 

Wenn Jospin seine kleinen Bambushäuser fertiggestellt hat, versucht er sie entweder auf dem Flugplatz in Berberati oder auf dem Markt zu verkaufen. An einem guten Tag bekommt er für ein Haus bis zu 5,19 US-Dollar. „Wenn ich ein Haus verkauft habe, gebe ich das Geld meiner Mutter. So kann sie versuchen, ein wenig zu sparen und mich vielleicht nächstes Jahr zur Schule schicken.“ Aber Sparen ist schwierig, wenn die Familie auch Geld für Wasser, Lebensmittel, Unterkunft und sonstige wichtige Dinge braucht.

Zu viele Kinder erhalten keine Bildung

Fast 3 Millionen Menschen in der Zentralafrikanischen Republik brauchen humanitäre Hilfe. Über die Hälfte davon sind Kinder. Im Jahr 2018 waren über 70 Prozent aller Kinder im Land dazu gezwungen, die Schule zu verlassen. In manchen Regionen sind es sogar bis zu 100 Prozent.

Lesen Beschriftung Im Jahr 2018 waren über 70 Prozent aller Kinder im Land dazu gezwungen, die Schule zu verlassen. Während Jospin das Beste aus einer schwierigen Situation machen konnte und guter Hoffnung ist, zum Beginn des nächsten Schuljahres wieder am Unterricht teilnehmen zu können, werden viele Kinder das nicht können. Foto: Chanel Igara/NRC

 

Während Jospin das Beste aus einer schwierigen Situation machen konnte und guter Hoffnung ist, zum Beginn des nächsten Schuljahres wieder am Unterricht teilzunehmen, werden viele Kinder das nicht können. Aus diesem Grund ist NRC bemüht, das öffentliche Bildungssystem auf nationaler, lokaler und kommunaler Ebene zu unterstützen, um Kindern, eine gute Bildung zu ermöglichen. NRC stellt sicher, dass Kinder, die ihre Schulbildung unterbrechen mussten, zu ihren Altersgenossen aufschließen können, um so die Anzahl der vielen Jospins zu reduzieren, die immer noch da draußen sind und unbedingt wieder zur Schule gehen wollen.

Neben der Bildung baut und repariert NRC Häuser, unterstützt Gemeinden bei der Wiederherstellung ihrer Lebensgrundlage, führt Wasser-, Sanitär- und Hygienemaßnahmen durch und bietet Informationen und Rechtsberatungen für Vertriebene an.