Höchste Zahl von Menschen auf der Flucht seit dem Zweiten Weltkrieg – Äthiopien führt Liste an

Veröffentlicht 19. Jun 2019
Äthiopien verzeichnet weltweit die meisten Neu-Vertriebenen. Nach neuesten Zahlen sind weltweit über 70 Millionen Menschen auf der Flucht – die höchste jemals registrierte Zahl.

„Jeden Tag müssen durchschnittlich 37.000 Menschen aus ihrer Heimat fliehen. Die internationale Gemeinschaft muss Familien auf der Flucht Sicherheit und Schutz bieten und darf keine Mauern bauen, um Flüchtende auszusperren. Reiche Länder beherbergen lediglich 16 Prozent der Geflüchteten der Welt, da die internationale Friedensdiplomatie versagt und zu den vielen ungelösten Konflikten noch neue schreckliche Kriege hinzukommen“, sagt Jan Egeland, Generalsekretär der NRC Flüchtlingshilfe bei seinem Besuch in Äthiopien.

Egelands Besuch fällt mit dem morgigen Weltflüchtlingstag zusammen. 70 Millionen Menschen sind laut UNHCR derzeit weltweit auf der Flucht. Das sind 2,3 Millionen Menschen mehr als vor einem Jahr und doppelt so viele wie vor 20 Jahren.

„Niemand sucht sich das Leben als Vertriebener aus. Niemand sucht es sich aus, von seiner Heimat entwurzelt und zur Flucht mit nichts als den Kleidern auf dem Leib gezwungen zu werden. Geflüchtete befinden sich in einem Teufelskreis, den sie nicht geschaffen haben, dem sie aber trotzdem nicht entkommen können. Das Leid, das ich hier in Äthiopien gesehen habe, ist erschütternd“, sagt Egeland.

Äthiopien hat eine lange Tradition, was die Aufnahme von Geflüchteten betrifft. Das extreme Ausmaß der neuen Vertreibungen durch den internen Konflikt hat das Land jedoch enorm belastet. Schätzungsweise 3,2 Millionen Menschen wurden bis April dieses Jahres durch den Konflikt und die Dürre vertrieben. Darüber hinaus hat Äthiopien über 900.000 Geflüchtete aufgenommen, hauptsächlich aus dem Südsudan, Somalia und Eritrea.

Der Kaffeebauer Abraham musste aufgrund des Konflikts in West-Guji in die Region Gedeo fliehen. Er berichtet NRC von dem großen Bedarf in seiner Gemeinde: „Ich habe viele Menschen verhungern sehen, weil sie nichts zu essen finden konnten.“

„Äthiopien ist das Paradebeispiel einer vergessenen Krise“, sagt Jan Egeland. „Trotz des enormen Bedarfs wird über die Krise nicht ausreichend berichtet, sie wird nicht ausreichend finanziert und nicht ausreichend unterstützt. Umfang und Qualität der humanitären Hilfe sind völlig unzulänglich.“

Der Spendenaufruf der Vereinten Nationen für Äthiopien sah für das Jahr 2019 1,31 Milliarden US-Dollar vor. Zur Mitte des Jahres war erst ein Drittel des Betrags verfügbar.

Trotz wiederholter Versprechen einer stärkeren internationalen Verantwortungsteilung haben reichere Länder im vergangenen Jahr nur 16 Prozent aller Geflüchteten aufgenommen und die internationale Unterstützung für ärmere Gastgeberländer reicht nicht aus, um den enormen Bedarf zu decken.

„Was wir brauchen, ist eine Kehrtwende im Denken. Wohlhabendere Nationen müssen die Verantwortung teilen, tiefer in die Tasche greifen und großzügige Länder wie Äthiopien unterstützen, um das Leid der Millionen Menschen zu lindern, die auf der ganzen Welt auf der Flucht vor Konflikten sind“, sagt Egeland.

Hinweise an die Redaktion
  • Fotos aus Äthiopien stehen hier zur Verfügung.

  • Videos und B-Roll-Filmmaterial aus Äthiopien finden Sie hier.

Wichtige Zahlen
  • 70,8 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht, die höchste jemals registrierte Zahl. Das sind 2,3 Millionen mehr als im Vorjahr und doppelt so viele wie vor 20 Jahren. 41,3 Millionen davon sind Binnenvertriebene, so das Internal Displacement Monitoring Centre. Fast 30 Millionen sind Geflüchtete und Asylsuchende.

  • Die Länder, die die meisten Geflüchteten aufgenommen haben, sind die Türkei (3,7 Millionen), Pakistan (1,4 Millionen) und Uganda (1,2 Millionen).

  • Allein im Jahr 2018 wurden weitere 13,6 Millionen Menschen durch Krieg und Verfolgung zur Flucht gezwungen, darunter 10,8 Millionen Binnenvertriebene und 2,8 Millionen Geflüchtete und Asylsuchende.

  • 593.800 Geflüchtete konnten in ihre Heimat zurückkehren, während 62.600 integriert wurden und an Ort und Stelle ein neues Leben beginnen konnten.

Für Interviews mit Jan Egeland oder für weitere Informationen kontaktieren Sie bitte:

Michelle Delaney, Jan Egelands Medienberaterin: michelle.delaney@nrc.no +47 941 65579

NRC Medienhotline: info@nrc.no, +47 905 62329


Medienkontakt für NRC Flüchtlingshilfe Österreich:

Birgit Brandner, klar. Strategie- und Kommunikationsberatung,

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Die NRC Flüchtlingshilfe Österreich ist ein Teil von NRC Norwegian Refugee Council, einer internationalen Hilfsorganisation mit Sitz in Oslo, die sich seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges dafür einsetzt, dass Menschen auf der Flucht überleben und eine neue Zukunft aufbauen können. Heute liegt die Zahl der Menschen, die vor Krieg und Verfolgung fliehen, mit weltweit 68,5 Millionen auf einem Rekordniveau – der Bedarf an Hilfe ist daher enorm. NRC hat mehr als 70 Jahre Erfahrung in der Flüchtlingshilfe in Krisenregionen und ist aktuell in 31 Ländern aktiv. 2018 haben 8,5 Millionen Menschen Unterstützung bekommen.

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