Lesen Beschriftung Am 15. Februar 2015 verloren Nina Ihnatenko und ihre Familie bei nächtlichen Kämpfen in der Nähe der Frontlinie in der Ostukraine ihr Zuhause. „Die ersten Bomben fielen 30 Meter von unserem Haus entfernt. Eine Nachbarin starb direkt vor den Augen meines Sohnes. Sie wurde durch Granatsplitter getötet“, sagt Nina. Foto: Anastasiya Karpilyanskaya/NRC

Der schlimmste Tag in Ninas Leben

Violeta Shemet|Veröffentlicht 11. Jun 2019|Bearbeitet 28. Mai 2019
Wenn sie an den Tag zurückdenkt, an dem ihre Familie ihr Zuhause verlor, kann sie ihre Tränen nicht zurückhalten. Nina Ihnatenko lebt in Stanyzja Luhanska, einer verwüsteten Stadt an der Frontlinie des Konflikts in der Ukraine.

Im Mai 2014 brachen in Stanyzja Luhanska Kämpfe aus. Luftangriffe, Granaten und Landminen wurden für die dreiköpfige Familie zur schrecklichen Realität.

„Die ersten Bomben fielen 30 Meter von unserem Haus entfernt. Eine Nachbarin starb direkt vor den Augen meines Sohnes. Sie wurde durch Granatsplitter getötet“, erinnert sich Nina Ihnatenko, 36.

Dennoch wagten sie es nicht zu fliehen – selbst dann nicht, als die Stadt in Flammen aufging. Sie versteckten sich in einem kleinen Schuppen und schliefen im Keller eines Nachbarn, da sie selbst keinen hatten.

Leben ohne Dach über dem Kopf

Vor dem Ausbruch des Konflikts in der Ostukraine arbeitete ihr Ehemann Vsevolod, 36, in einer Fabrik im nahe gelegenen Luhansk. Kyrylo, ihr mittlerweile 18-jähriger Sohn, besuchte eine Schule vor Ort. Nina war in der Forstwirtschaft tätig. Die Familie bewirtschaftete darüber hinaus auch Gewächshäuser, wie die meisten Bewohner in dieser ländlichen Region.

Der 15. Februar 2015 – der Tag, an dem der Waffenstillstand bekannt gegeben wurde – war für die Familie der tragischste Tag ihres Lebens. An diesem Tag verloren sie während nächtlicher Kämpfe ihr Zuhause.

„Wir besuchten Verwandte, nicht weit von unserem Haus entfernt. Der Artillerieangriff begann und wir beschlossen abzuwarten und nicht sofort nach Hause zu gehen. Als der Angriff vorbei war, stellte sich heraus, dass es nichts mehr gab, wohin wir zurückkehren konnten“, sagt Nina mit Tränen in den Augen.

So helfen wir

Familie Ihnatenko wurde von NRC durch Mittel unterstützt, die vom UN-Flüchtlingshilfswerk bereitgestellt wurden.

Im Jahr 2018 baute NRC in Zusammenarbeit mit dem UN-Flüchtlingshilfswerk in der Ostukraine 23 zerstörte Häuser vollständig wieder auf. 18 davon befinden sich in Stanyzja Luhanska.

Darüber hinaus setzte NRC weitere 333 Häuser wieder instand, die leichte, mittlere oder schwere Schäden davongetragen hatten.

Zwei riesige Granaten zerstörten ihr Haus. Das Zimmer ihres Sohnes wurde direkt getroffen. Die Familie verlor alles und war überwältigt von einem Gefühl der Leere, Hoffnungslosigkeit und Unsicherheit.

„Das Einzige, was uns etwas tröstete, war die Tatsache, dass alle unsere Verwandten und Freunde am Leben waren“, sagt Nina.

Nach der Zerstörung ihres Hauses zog die Familie zu Ninas Mutter nach Luhansk, eine Stadt, die nicht der Kontrolle der Regierung unterliegt.

„Wir leben jetzt schon seit drei Jahren nicht mehr in Stanyzja Luhanska. Manchmal haben wir uns die Trümmer unseres Hauses angesehen, weil wir Heimweh hatten“, sagt Nina.

Lesen Beschriftung Zwei riesige Granaten zerstörten das Haus von Ninas Familie. Das Zimmer des Sohns wurde direkt getroffen. Die Familie verlor alles. Foto: Anastasiya Karpilyanskaya/NRC

Hilfe von NRC, Freunden und Verwandten

Auf Anraten von Freunden wandte Nina sich an NRC und bat um Unterstützung. Im Frühjahr 2018 begann der Bau eines neuen Hauses in Stanyzja Luhanska.

„Wir beseitigten zunächst die Überreste unseres alten Hauses, ehe wir mit dem Bau des neuen begannen“, sagt Nina. Mit der Hilfe von Freunden und Verwandten versuchte die Familie so schnell wie möglich zu arbeiten, da das Baumaterial bereits von NRC geliefert worden war. Nina wurde jedoch bald klar, dass sie eine so komplexe Aufgabe wie den Bau eines neuen Hauses nicht allein bewältigen konnten.

Endlich ein neues Zuhause

„Es war schwierig, Handwerker zu finden. In der Stadt gibt es nicht so viele, und diejenigen, die zu der Zeit arbeiteten, waren bereits mit dem Wiederaufbau von 5-6 Häusern ausgelastet und brauchten erst einmal keine neuen Aufträge. Schließlich fanden wir aber ein paar Handerker, die uns halfen. Sie gossen das Fundament, zogen die Wände hoch und bauten das Dach. Alle anderen Außenarbeiten und den Innenausbau machten wir selbst. Das gesamte Material wurde uns zur Verfügung gestellt. Es war jedoch schwierig, das uns zugewiesene Budget einzuhalten, da die Preise ständig stiegen“, betont Nina.

Anfang Dezember 2018 zog die Familie in ihr neues Haus ein, sechs Monate nach Baubeginn.

„Menschen, die etwas wirklich wollen und brauchen, scheuen keine Mühe, um ihr Ziel zu erreichen. Wir kamen mit anderen Familien in Kontakt, die mit der Unterstützung durch NRC ebenfalls ihre Häuser wieder aufbauten. Wir beobachteten die Bauarbeiten der anderen und teilten unsere Erfolge“, erzählt Nina lächelnd.

Sie träumt von einer Zukunft ohne Krieg. Sie glaubt daran. Aber sie hat auch Angst.

„Ich will nicht, dass mein Sohn in ständiger Angst leben muss. Er soll die Möglichkeit haben, eine Familie zu gründen und seine eigenen Kinder in Frieden aufwachsen zu sehen“, sagt Nina.

Lesen Beschriftung Anfang Dezember 2018 zog die Familie in ihr neues Haus ein, sechs Monate nach Baubeginn. Foto: Anastasiya Karpilyanskaya/NRC
Lasst uns gemeinsam zerstörte Häuser wiederaufbauen