Lesen Beschriftung Hier sieht man, wie froh Yakaka Mohammed (20) war, als sie einen Platz im Mune Bildungszentrum bekam. Foto: Beate Simarud/NRC

Bildung ist mehr als nur ABC

Richard Skretteberg|Veröffentlicht 19. Jun 2019|Bearbeitet 04. Jun 2019
Niemand muss die Kinder in Maiduguri dazu treiben, morgens zur Schule zu gehen oder nachmittags ihre Hausaufgaben zu machen. Einen Platz in der Schule zu haben, bedeutet auch, eine Zukunft zu haben.

Hunderttausende Vertriebene haben in Maiduguri, der Hauptstadt des konfliktgebeutelten Bundesstaates Borno im Nordosten Nigerias, Zuflucht gesucht. Viele leben in Lagern, andere wurden von Familien vor Ort aufgenommen.

Auf der Straße, weil in der Schule kein Platz ist 

Auf der Straße laufen kleine Kinder herum und betteln um Geld für Essen. Über 300.000 Kinder können nicht zur Schule gehen. Darunter sind viele, die durch den Konflikt zur Flucht gezwungen waren. Im Jahr 2015 legten schwere Kämpfe zwischen Boko Haram und Regierungssoldaten Häuser und Schulen in Schutt und Asche. Die Lage ist noch immer angespannt und Selbstmordattentäter sind eine ständige Bedrohung, aber die Menschen fühlen sich in der Stadt immer noch sicherer als auf dem Land.

Lesen Beschriftung Im Dalori Lager in Maiduguri haben die Kinder weder Bücher noch Stifte, Tische und Stühle. Foto: Beate Simarud/NRC

Was hat Priorität?

Schulbildung rettet Leben, bietet Schutz, schafft Stabilität und vermittelt Wissen und Fähigkeiten. Im Mune Bildungszentrum bietet NRC Berufstrainings für Jugendliche und Schulbildung für Kinder an, die jahrelang die Grundschule versäumt haben. Das Projekt begann im Juni 2018 und hat bereits 2.752 Teilnehmende. In Maiduguri ist der Großteil der lokalen Bevölkerung sehr arm, aber das Bildungszentrum bietet sowohl einheimischen als auch vertriebenen Kindern Plätze an.

Aufgrund der begrenzten Mittel, die uns zur Verfügung stehen, sind wir gezwungen, Prioritäten zu setzen. Wir möchten noch mehr Kinder erreichen, und darüber hinaus besteht auch noch Bedarf an weiteren Lehrkräften, die dazu ausgebildet sind, traumatisierten Kindern zu helfen. Aber die fehlenden Mittel bedeuten, dass wir entscheiden müssen, ob wir mehr Häuser bauen oder das Geld in die Bildung der Kinder investieren.

Life skill learning program, Maiduguri, Nigeria. 2018
Photo: Beate Simarud/NRC
Lesen Beschriftung Organisierte Betreuung für junge Mütter und Väter, die am Unterricht teilnehmen. Foto: Beate Simarud/NRC

Praxisausbildung

Das Mune Bildungszentrum bietet Programme an, die auf die lokale Bevölkerung zugeschnitten sind. Es gibt Landwirtschafts-, Handwerks- und Nähkurse. Es gibt genauso viele Mädchen wie Jungen, aber welche Kurse sie wählen, ist keine große Überraschung. Die Mädchen wollen Kleidung nähen, während die Jungen Zimmermänner werden wollen. Es gibt Betreuungsangebote für junge Mütter, damit sie am Unterricht teilnehmen können, und Schutzgruppen, um Missbrauch und sexuelle Ausbeutung zu verhindern. Die Kinder können lernen, wie sie gesund bleiben und sich zum Beispiel vor Krankheiten wie Cholera schützen können.

Lesen Beschriftung Die meisten Mädchen wählen Nähen, während die Jungen sich für das Zimmerhandwerk entscheiden. Foto: Beate Simarud/NRC

Schule schafft Gemeinschaft

Die Schule bringt Menschen zusammen. Nigeria setzt sich aus vielen verschiedenen ethnischen, religiösen und sprachlichen Gruppen zusammen. Im Nordosten gibt es muslimische Gruppen wir die Kanuri, Hausa und Shuwa und große christliche Minderheiten, die aus Menschen bestehen, die ursprünglich aus dem Süden stammen. In vielen Lagern bleiben die Gruppen unter sich. In Flüchtlingssituationen suchen Menschen das Vertraute, um sich sicher zu fühlen. Das Schöne an Bildungsprojekten ist, dass Kinder und junge Menschen über diese traditionellen Grenzen hinweg zusammenkommen. Auf diesem Weg werden alte Differenzen überwunden und es entstehen neue Freundschaften.

Im Mune Bildungszentrum ist nur Platz für ein Kind pro Familie. Durch die Ausbildung eines jungen Menschen wird das Wissen jedoch an eine ganze Familie weitergegeben. Die Mütter, Väter und Geschwister sitzen nachmittags wissbegierig zu Hause und warten darauf, dass die Kinder aus der Schule zurückkommen.

Ohne Bildung keine Zukunft

Die Bildungsprojekte tragen bereits Früchte. Die Jungen aus dem Zimmererkurs haben neue Schulgebäude errichtet. Sowohl Mädchen als auch Jungen bekommen ein Starterpaket, wenn sie die Schule abgeschlossen haben – zum Beispiel mit Werkzeug oder einer Nähmaschine. Sie lernen auch, einfache Finanzpläne aufzustellen, damit sie auf dem Arbeitsmarkt nicht ausgebeutet werden.

Die mangelnde Bildung ist für die Kinder im Nordosten Nigerias ein großes Problem. Normalerweise ist Bildung im öffentlichen Schulsystem nicht kostenlos. Die Eltern müssen Gebühren zahlen und eine Schuluniform anschaffen, was bedeutet, dass viele nicht die Chance haben, zur Schule zu gehen. Das Bildungsniveau war bereits vor Beginn des Konflikts im Jahr 2009 sehr niedrig und sinkt seitdem beständig weiter.

Ohne Bildung wird es für die Generation, die bald das Ruder übernehmen wird, unmöglich sein, eine Zukunft aufzubauen. Alles ist davon betroffen: von der Fähigkeit der Mädchen, aufgeklärte Entscheidungen über die reproduktive Gesundheit zu treffen oder wann sie heiraten wollen, bis dahin, dem Nordosten in der Hauptstadt Abuja Gehör zu verschaffen.

NRC war eine der ersten Hilfsorganisationen, die Bildung als Kernelement der Nothilfe eingeführt hat.

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