Lesen Beschriftung Suweba ist 35 Jahre alt. 13 Tage nach der Flucht aus ihrer Heimatstadt mit ihren vier Kindern brachte sie ein kleines Mädchen zur Welt. Ihr Ehemann blieb zurück, als Aufständische in ihre Heimatstadt eindrangen und sie wegschickten. Seitdem hat Suweba keinen Kontakt zu ihrem Mann und weiß noch nicht einmal, ob er noch am Leben ist. Foto: Hajer Naili/NRC

Zivilbevölkerung leidet auch jenseits von Boko Haram

Hajer Naili|Veröffentlicht 15. Jul 2019|Bearbeitet 11. Jul 2019
Boko Haram hat in den letzten Jahren die internationale Medienberichterstattung über Nigeria dominiert. Jenseits der öffentlichkeitswirksamen Angriffe und Entführungen leiden Millionen Zivilisten. NRC-Medienberaterin Hajer Naili traf einige der von der humanitären Krise betroffenen Familien und erzählt von Hunger, überfüllten Lagern und traumatischen Erlebnissen.

Die fünffache Mutter Suweba brachte nur 13 Tage nach ihrer Ankunft in einem provisorischen Lager in Maiduguri im Nordosten Nigerias eine Tochter zur Welt. Ihr kleines Mädchen schläft auf einem Stück Stoff und einer Plastikplane, die den Fußboden bedeckt. Sie liegt neben Plastiktüten und Kochtöpfen, dem einzigen Besitz der Familie.

„Ich habe heute noch nichts gegessen. Wir essen entweder morgens oder abends, je nachdem, wo es etwas gibt“, sagt Suweba müde. Damit sie wenigstens einmal am Tag etwas zu essen bekommen, muss sie zwei ihrer Kinder Betteln schicken, um Lebensmittel kaufen zu können.

Als wir uns trafen, war Suwebas Baby etwa drei Wochen alt. Es war herzzerreißend, dass sie ihre ersten Tage auf dieser Welt in einem winzigen Zelt verbringen musste, bar jeglicher Gemütlichkeit, und gestillt von einer Mutter, die kaum genug zu essen hatte, um Milch zu produzieren.  Gemütlichkeit

Suweba gehört zu den rund 1,7 Millionen Menschen, die in Nordost-Nigeria an Ernährungsunsicherheit leiden, so das Amt für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA).

Lesen Beschriftung Dieses kleine Mädchen lebt in einem kleinen Zelt in einem inoffiziellen Lager in Maiduguri im Nordosten Nigerias. Sie wurde nur 13 Tage nach der Ankunft ihrer Mutter im Lager geboren, nachdem diese von Aufständischen aufgefordert worden war, ihre Heimatstadt zu verlassen. Foto: Hajer Naili/NRC

Zehn Jahre Terror

Der von Boko Haram geführte Aufstand im Nordosten Nigerias besteht im Juli 2019 seit zehn Jahren. Die meisten von uns haben dennoch erst im April 2014 nach der Entführung der 276 Schülerinnen in der Stadt Chibok zum ersten Mal davon gehört. Dieses Ereignis erregte weltweit Aufmerksamkeit und löste schließlich die Bewegung #BringBackOurGirls aus.

Doch auch zuvor hatten Frauen, Männer und Kinder bereits fünf Jahre lang unter den Angriffen und der Gewaltherrschaft einer bewaffneten Gruppe gelitten, ohne dass die Welt davon Notiz genommen hatte.

Die internationale Aufmerksamkeit von Politik und Medien erfolgt häufig selektiv – entweder um einer politischen Agenda zu dienen oder um eine Story zu entwerfen, die sich gut verkaufen lässt. Humanitäre Themen, insbesondere in Afrika, finden selten das Interesse von Nachrichtenredakteuren, was sehr frustrierend für freiberufliche Journalisten ist, die durchaus gewillt sind, diese Storys in die Welt hinauszutragen.

Das Leid in Nigeria erregt meist nur dann internationale Aufmerksamkeit, wenn Mitglieder von Boko Haram spektakuläre Angriffe starten, oder zu besonderen Anlässen wie bei den jüngsten Präsidentschaftswahlen. Doch allein die Tatsache, dass über 7 Millionen Menschen – das Doppelte der Bevölkerung Berlins – nach wie vor humanitäre Hilfe benötigen, sollte ausreichen, um die Welt zum Hinsehen zu bringen. Menschen wie Suweba und ihre Geschichten sind schon viel zu lange übersehen worden.

Lesen Beschriftung Porträt einer Vertriebenen in einem inoffiziellen Lager für vertriebene Familien in Maiduguri im Nordosten Nigerias. Photo: Hajer Naili/NRC

Zusammengedrängt auf fünf Quadratmetern

 Als wir uns trafen, lebte Suweba in einem provisorischen Zelt aus Plastikplanen und Bettlaken, nicht mehr als fünf Quadratmeter groß. Hier mussten sie und ihre fünf Kinder leben, kochen und schlafen.

Derzeit leben über 600.000 Menschen im Nordosten Nigerias in stark überlasteten Flüchtlingslagern, so die jüngsten Schätzungen von NRC. 160.000 davon stehen nicht mehr als fünf Quadratmeter pro Person zur Verfügung. Das liegt weit unter dem internationalen humanitären Standard für Flüchtlingslager, der bei 45 Quadratmetern Nutzfläche pro Person liegt.

Wenn Vertriebene gezwungen sind, auf so engem Raum zusammenzuleben, weil nicht genug Fläche zur Verfügung steht, steigt die Gefahr von Epidemien, Bränden und Spannungen sowie häuslicher und sexueller Gewalt. Da weiterhin Tausende Menschen vertrieben werden, sollte es für die Regierung und die internationale Gemeinschaft eine hohe Priorität haben, die Überfüllung der Lager zu verringern.

Lesen Beschriftung In diesem inoffiziellen Lager in Maiduguri im Nordosten Nigerias leben fast 2.000 Menschen in kleinen provisorischen Unterkünften aus Plastikplanen und Bettlaken. Ihre Lebensbedingungen liegen weit unter dem internationalen humanitären Standard, aber sie haben keine andere Wahl. Keins der Kinder in diesem Lager geht zur Schule. Photo: Hajer Naili/NRC

Feuer im Flüchtlingslager: Familien müssen für sich selbst sorgen

In der folgenden Woche sahen meine Kollegen und ich im Vorbeifahren ein Feuer in einem Flüchtlingslager in der Stadt Tungunshe. Frauen und Kinder versuchten aus ihren strohgedeckten Hütten zu retten, was sie retten konnten, während die Männer, jung und alt, das Feuer mit Sand und Töpfen voller Wasser zu löschen versuchten.

Ein kleiner Funke eines Kochfeuers hatte mehrere Zelte in Brand gesetzt und so die provisorischen Unterkünfte von mehreren Dutzend vertriebenen Familien niedergebrannt. Noch viel schlimmer als die Zerstörung der Unterkünfte war der Anblick der Bewohner, wie sie versuchten, das Feuer zu löschen – ganz auf sich allein gestellt, ohne dass ihnen jemand zu Hilfe kam.

Tatsächlich kam den ganzen Tag lang niemand, um den Familien zu helfen. Ein paar Stunden nach dem Brand war der Boden von grauer und schwarzer Asche bedeckt – eine schmerzhafte Erinnerung an das, was eben noch der Zufluchtsort für über 50 vertriebene Familien gewesen war.

Lesen Beschriftung Noch Stunden nach dem Brand in einem Flüchtlingslager in Tungunshe in Nordost-Nigeria sind Asche und Rauch zu sehen. Ein Kind geht an der Brandstelle vorbei. Photo: Hajer Naili/NRC

Emotionales Trauma: die unsichtbaren Folgen der Vertreibung

Aisha* hatte ihren kleinen Bruder auf dem Arm und stand neben einer halb fertigen Hütte, die der ganzen Familie als Unterschlupf diente. Ihre Mutter war nicht da, also wartete ich auf sie, um sie um Erlaubnis zu bitten, ihre Tochter fotografieren und nach ihrer Geschichte fragen zu dürfen.

Während ich wartete, plauderte ich mit dem Mädchen. Nach ein paar Minuten brach sie in Tränen aus und ging weg. Ich fühlte mich furchtbar, als ich die Panik in Aishas Gesicht sah. Als ihre Mutter kam, erklärte ich ihr, was geschehen war. Ihre Mutter erzählte mir, dass die ganze Familie vertrieben worden sei und dass die Gewalt, die sie erlebt hatten, und ihr Leben als Vertriebene für alle traumatische Erlebnisse gewesen seien.

Kinder und Erwachsene, die inmitten eines langjährigen Konflikts leben, tragen sowohl emotionale als auch psychologische Schäden davon. Manche leiden für einen begrenzten Zeitraum, manche für den Rest ihres Lebens.

Konflikte und Kriege führen nicht nur zum Verlust von Menschenleben oder zur Zerstörung von Gebäuden und Infrastruktur. Sie führen, viel häufiger als gemeldet, zur langsamen Zerstörung der Menschen von innen heraus – denn Frauen, Männer und Kinder tragen Ängste und schmerzvolle Erinnerungen mit sich.

Lesen Beschriftung Aisha* hält ihren kleinen Bruder, während sie neben der halb fertigen Hütte steht, die ihrer Familie als Zufluchtsort dient. Wie Millionen anderer Menschen in Nigeria wurde auch dieses kleine Mädchen durch einen bewaffneten Aufstand vertrieben, der im Jahr 2009 begann. Photo: Hajer Naili/NRC

Ihre Geschichten müssen erzählt werden

Während der letzten zehn Jahre haben mehrere Millionen Menschen im Nordosten Nigerias erlebt, wie ihr Leben und ihre Existenzgrundlage zerstört, wie sie ihrer Bewegungsfreiheit beraubt und wie ihre Zukunft zerschlagen wurde.

Viele von ihnen wurden gemieden, unerwünscht von ihren eigenen Gemeinden, weil sie das Pech hatten, in einem von Boko Haram kontrollierten Gebiet zu leben.

Es ist höchste Zeit, die Aufmerksamkeit der Welt auf die Not dieser Menschen zu lenken. Ihre Geschichten müssen erzählt werden, unabhängig von Nachrichten über Aufstände oder Aufstandsbekämpfung. Und ihre Geschichten müssen mit Mitgefühl und Verständnis gehört werden, sowohl auf politischer als auch auf persönlicher Ebene. Es ist zu leicht, die Millionen Menschen in Not zu vergessen, wenn wir sie und ihre Geschichten nicht kennen.

*Name wurde geändert.

Hajer Naili ist regionale Medienberaterin für NRC in Zentral- und Westafrika.

Die Menschen in Nigeria brauchen Ihre Hilfe!