Lesen Beschriftung Rida*, 14, floh vor der Gewalt in Syrien und lebt jetzt im Südlibanon, wo er auf Baustellen arbeitet, um seine Familie zu Hause zu unterstützen. Foto: Racha El Daoi/NRC

Kinder müssen arbeiten, um ihre Familie zu ernähren

Racha El Daoi|Veröffentlicht 01. Jul 2019|Bearbeitet 27. Jun 2019
Der Krieg in Syrien hat viele Kinder ihrer Kindheit und ihrer Grundrechte beraubt. Anlässlich des Welttages gegen Kinderarbeit sprachen wir mit dem 14-jährigen Rida*, eins von rund 100.000 syrischen Kindern im Libanon, die arbeiten müssen, um ihre Familie zu versorgen. Ohne ihn könnte seine Familie in Syrien nicht überleben.

Acht Jahre nach Beginn der Syrienkrise verschlechtern sich die Lebensbedingungen für Geflüchtete weiter. Viele haben Schwierigkeiten, Geld zu verdienen, Lebensmittel und Miete zu bezahlen. 69 Prozent leben unterhalb der Armutsgrenze von 3,37 Euro pro Tag und 51 Prozent leben sogar in extremer Armut mit weniger als 2,50 Euro pro Tag. Das hat negative Auswirkungen auf das Leben der Kinder, die häufig die Verantwortung für das Überleben ihrer Familie übernehmen müssen.

Die schlimmste Form von Kinderarbeit

Die Situation wird dadurch verschärft, dass die meisten erwachsenen Geflüchteten nicht arbeiten dürfen und daher auf inoffizielle, oft ausbeuterische Beschäftigungsmöglichkeiten angewiesen sind. Schlimmer noch, die Bewegungsfreiheit der Geflüchteten ist durch die Erschwernisse, denen sie bei der Aufrechterhaltung ihres legalen Aufenthalts begegnen, stark eingeschränkt. Das bedeutet, dass Männer im arbeitsfähigen Alter sich oft nicht weit von ihrem Zuhause wegbewegen können.

Viele Flüchtlingskinder werden ausgebeutet und gezwungen, die schlimmste Form von Kinderarbeit auszuführen, welche folgendermaßen definiert ist: „Arbeit, die ihrer Natur nach oder aufgrund der Umstände, unter denen sie verrichtet wird, voraussichtlich für die Gesundheit, die Sicherheit oder die Sittlichkeit von Kindern schädlich ist“ (Übereinkommen 182 Artikel 3 der ILO).

Sie sind häufig schweren Belastungen, ungesunden Umgebungen, langen Arbeitszeiten, gefährlichen Maschinen und einem hohen Risiko von körperlichem, psychischem oder sexuellem Missbrauch ausgesetzt.

Lesen Beschriftung Rida, 14, arbeitet 12 Stunden täglich, um seine Familie zu Hause in Syrien zu unterstützen. Foto: Racha El Daoi/NRC

Ziegel tragen, um die Familie zu ernähren

Eins dieser Kinder ist der 14-jährige Rida, der im Südlibanon lebt. Vor anderthalb Jahren floh er aus Syrien, als die Bedingungen in seiner Heimatstadt immer schlechter wurden und sein Haus unter Beschuss geriet. Zusammen mit seinen Eltern und seinen zwei Schwestern suchte Rida in den nahegelegenen Feldern Zuflucht, wo sie sich über drei Tage lang versteckten, bis die Kämpfe abebbten und sie wieder nach Hause zurückkehren konnten.

Rida wurde bald klar, dass er nicht in Syrien bleiben konnte, wenn seine Familie die katastrophalen Umstände hier überleben sollte. Seine Familie bezahlte 1.500 US-Dollar (1320 Euro) an Schlepper, um ihn über die syrisch-libanesische Grenze zu bringen. Dort traf er seine ältere Schwester Noriye* wieder, die er seit acht Jahren nicht mehr gesehen hatte. Sie war schon kurz nach Beginn des Konflikts aus Syrien geflohen.

„Ich muss das ganze Geld meiner Familie schicken, sonst enden sie auf der Straße“, sagt Rida. Dieser mitfühlende und fürsorgliche Junge widmet sein ganzes Leben der Arbeit auf Baustellen, trägt schwere Betonziegel und Holz und be- und entlädt Material. Er macht 12-Stunden-Schichten, sechs Tage die Woche, und verdient damit 13 US-Dollar (knapp 12 Euro) am Tag, die er nach Hause schickt. Sein Lohn ist vergleichsweise hoch: Der durchschnittliche Lohn für einen Kinderarbeiter im Libanon liegt bei 4 US-Dollar (3,50 Euro) am Tag.

„Mein Vater ist alt und angesichts der schwierigen Situation in Syrien hat meine Familie keine Mittel, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Ich würde mein ganzes Leben opfern und in Kauf nehmen, immer müde zu sein, solange ich weiß, dass es ihnen gut geht“, sagt Rida.

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Lesen Beschriftung Rida, 14, träumt davon, bei seiner Familie in Syrien zu leben, seine Schulbildung fortzusetzen und schließlich seinen eigenen Hühnerladen zu eröffnen. Foto: Racha El Daoi/NRC

Der Traum von einem Leben ohne Krieg

Trotz dieser riesigen Belastung strahlt Rida, wenn er von seiner Familie erzählt. Er vermisst sie und hofft, seine Eltern bald wiederzusehen. „Rida ist seine Familie sehr wichtig, aber er muss kämpfen und fühlt sich bei der Arbeit nicht wohl. Es ist zu viel für seinen Körper und er ist immer erschöpft“, erklärt seine Schwester Noriye.

„Ich wünschte, er hätte die Chance auf ein würdevolles Leben, in dem er zur Schule gehen und einfach Kind sein könnte. Seine Chancen auf eine Schulbildung längst vorbei, so wie für alle syrischen Kinder, die in den letzten paar Jahren nicht zur Schule gehen konnten“, erklärt Noriye. „Selbst wenn der Krieg vorbei ist und wir zurückkehren können, werden in den nächsten paar Jahren alle damit beschäftigt sein, Syrien wieder aufzubauen. Bildung wird da nicht an erster Stelle stehen, erst recht nicht für Ridas Genration.“

Rida blickt auf die letzten acht Jahre zurück und stellt sich vor, wie sein Leben ohne den Krieg wohl verlaufen wäre: „Ich wäre zu Hause in Syrien bei meiner Familie, würde zur Schule gehen, Kind sein, und schließlich meinen eigenen Hühnerladen leiten. Mein Vater hat mir den Laden geschenkt, als ich jünger war, um meine Zukunft zu sichern, und ich träume davon, ihn eines Tages zu eröffnen.“

Schutz von Kindern hat höchste Priorität

Die Beseitigung der schlimmsten Form von Kinderarbeit – insbesondere der gefährlichen Kinderarbeit – hat nach wie vor höchste Priorität.

Die humanitären Hilfsorganisationen und die internationale Gemeinschaft tragen die Verantwortung dafür, gefährdete Kinder zu unterstützen und sie vor schädlichen Praktiken zu schützen. Sie müssen die Richtlinien, Regeln und Gesetze zum Schutz von Kindern einhalten und Familien den Zugang zu Arbeits- und Bildungsmöglichkeiten erlauben – damit Kinder nicht gezwungen sind zu arbeiten, sondern spielen, zur Schule gehen und ihre Kindheit genießen können.

*Namen wurden gemäß den Schutzrichtlinien geändert.

Lasst uns gemeinsam Kindern wie Rida helfen