Lesen Beschriftung „Meine Kinder können nicht zur Schule gehen, weil sie die benötigten Papiere nicht haben. Ihre Zukunft und ihre Träume sind zerstört“, sagt Nada, eine geschiedene Frau, die mit ihren sieben Kindern im Lager lebt. Dies sind zwei ihrer Töchter. Foto: Tom Peyre-Costa/NRC

Ohne Papiere keine Zukunft

Helin Moayed Baker|Veröffentlicht 08. Jul 2019|Bearbeitet 02. Jul 2019
Als Eman, eine Frau aus Mosul, der zweitgrößten Stadt des Iraks, mit Wehen ins Krankenhaus kam, verweigerte man ihr die Aufnahme, weil sie ihre Ausweispapiere verloren hatte.

„Ich hatte starke Schmerzen und ging in ein Krankenhaus in Mosul, aber sie weigerten sich, mich aufzunehmen.“

Über ein Jahr seit dem Ende des Irakkriegs haben noch immer Tausende Menschen keine Ausweispapiere, sind ihrer grundlegendsten Rechte als Bürgerinnen und Bürger beraubt und werden völlig aus der Gesellschaft ausgeschlossen.

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Warum Ausweisdokumente so wichtig sind:

Eines der grundlegendsten Menschenrechte, das Recht, als Person vor dem Gesetz anerkannt zu werden und über eine Rechtspersönlichkeit zu verfügen, ist maßgeblich, um als Person andere Rechte geltend machen zu können, einschließlich des Rechts auf eine Nationalität, Freizügigkeit und des Zugangs zu grundlegenden Dienstleistungen wie Bildung, medizinische Versorgung und angemessene Unterbringung.

Geburtsurkunden schaffen eine dauerhafte Aufzeichnung der Existenz eines Kindes. Sie können Kindern Schutz bieten, ihre Rechte sichern und einen rechtlichen Nachweis ihrer familiären Bindungen erbringen und sicherstellen, dass sie bekommen, was ihnen zusteht.

Geburtsurkunden erlauben Kindern den Zugang zu medizinischer Versorgung und den benötigten Impfungen. Nicht registrierte Kinder haben oft keinen Zugang zu medizinischen Dienstleistungen oder zahlen mehr dafür als registrierte Kinder.

Im Notfall, wenn Kinder von ihren Familien getrennt werden, ist eine Zusammenführung ohne ordnungsgemäße Identitätsnachweise nahezu unmöglich. Mit einer Geburtsurkunde sind Regierungsbeamte besser in der Lage, Familien sicher wieder zusammenzubringen und jedes Kind zu erfassen.

Ohne Papiere keine medizinische Versorgung

„Ich ging also in ein anderes Krankenhaus und hoffte, dass man meine Lage dort verstehen würde, aber auch dort konnte oder wollte man mir ohne Ausweispapiere nicht helfen.“ Eman ist verheiratet, aber sie kann ihre Identität oder ihre Ehe nicht belegen, da ihr Ehemann vermisst wird. Er verschwand im Jahr 2017 während der Militäroperationen zur Wiedereroberung Mosuls von der IS-Gruppe. Eman hat seit ihrer Flucht nichts mehr von ihm gehört.

Die Krankenhausangestellten fragten sie nach ihrem Ehemann und ob die Schwangerschaft durch eine Affäre entstanden sei. „Sie drohten mir damit, das Kind im Krankenhaus zu behalten, bis der Vater auftauche, wenn ich darauf bestehen würde, hier zu entbinden.“ Für Eman war das vollkommen indiskutabel. Sie ging nach Hause und brachte ihr Kind ohne ärztliche Hilfe zur Welt.

Ihre Tochter erhielt keine Geburtsurkunde. Sie ist mittlerweile fast zwei Jahre alt und noch nicht einmal geimpft. Sie leidet an Bronchitis und Nierensteinen, bekommt aber keine medizinische Hilfe.

Als Eman von einem Krankenhaus im Lager Hamam Al-Alil im Gouvernement Mosul hörte, wo Menschen ohne Papiere behandelt werden, versuchte sie, dorthin zu gelangen. Sie wurde am Checkpoint abgewiesen, da sie nicht die benötigten Ausweispapiere besaß.

Faseeh has not left his camp for two years now. "When ISIS attacked, we fled to Kirkuk. We didn't take anything with us but what we were wearing. We had nothing. My brothers and I can't leave the camp, they don't let us go home to Hawija," he said.

Freedom of movement is severely limited when lacking civil documents, restricting IDPs from returning to home, but also traveling between cities and towns. Iraqis without documentation are also at increased risk of arbitrary arrest or detention at checkpoints.

* Name was changed for protection concerns.
Photo: Tom Peyre-Costa/NRC
Lesen Beschriftung Faseeh (Name geändert) hat das Lager, in dem er lebt, seit zwei Jahren nicht mehr verlassen. Die Behörden gestatten es niemandem, ohne Papiere das Lager zu verlassen. Foto: Tom Peyre-Costa/NRC

Kinder werden nicht geimpft

In der Stadt Hawidscha im zentral gelegenen Gouvernement Kirkuk erhalten Kinder ohne Geburtsurkunden keine Impfungen, so Salah, Assistenzarzt der Direktion für Gesundheit.

Familien ohne Ausweisdokumente können nicht in ein Krankenhaus gehen und ihre Kinder impfen lassen. Sie sind auf Aktionen angewiesen, die von einigen Kliniken vor Ort und NGOs durchgeführt werden, damit ihre Kinder geimpft werden können. „Der mangelnde Impfschutz hat zu neuen Arten von Krankheiten wie zum Beispiel Masern geführt, die es vor dem IS nicht gab.“

Diejenigen, die keine Geburtsurkunde besitzen, sind anfälliger für Krankheiten. „Diese Krankheiten waren bei Kindern zu beobachten, die während der IS-Zeit geboren wurden, da die meisten von ihnen keine Geburtsurkunden hatten.“

 

Im gesamten Irak fehlen 8 Prozent der Irakerinnen und Iraker außerhalb der Lager und 10 Prozent der irakischen Familien, die in den Lagern leben, mindestens ein Dokument.

Nach einer neuen Studie von NRC und unseren Partnern sind die Kosten für die Ausstellung, Aktualisierung oder Erneuerung von Identitätsnachweisen das größte Hindernis für den Zugang zu Dokumenten. Viele versuchen daher nicht einmal, ihre Papiere erneuern oder aktualisieren zu lassen. Weitere Probleme sind die überfüllten Ämter und mangelndes Verständnis des Prozesses.

Irakische Gesetze und internationale Verpflichtungen:

 Das irakische Grundgesetz besagt, dass „jeder, der als Kind eines irakischen Vaters oder einer irakischen Mutter geboren wird, als Iraker oder Irakerin gilt“ und dass alle „Iraker und Irakerinnen vor dem Gesetz ohne Diskriminierung aufgrund von Geschlecht, Rasse, ethnischer Zugehörigkeit, Nationalität, Herkunft, Hautfarbe, Religion, Sekte, Glauben oder Meinung oder wirtschaftlichem und sozialem Status gleich sind.“ Es besagt darüber hinaus, dass „einem gebürtigen irakischen Bürger oder einer gebürtigen irakische Bürgerin die Staatsangehörigkeit nicht entzogen werden darf, egal aus welchem Grund“ und dass „jede Person, der ihre Staatsangehörigkeit entzogen wurde, das Recht hat, ihre Wiedereinsetzung zu verlangen.“

Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte bekräftigt das Recht jedes Menschen auf eine Nationalität. Die irakische Regierung hat sich verpflichtet, sich in diesem Punkt an die internationalen Standards anzupassen, einschließlich der Unterzeichnung des Internationalen Pakts über bürgerliche und politische Rechte (ICCPR) und der UN-Kinderrechtskonvention (CRC), in der es heißt, dass jedes Kind das Recht habe, bei der Geburt registriert zu werden, eine Staatsangehörigkeit zu erwerben und seine Identität zu wahren.

Das Lager darf nicht verlassen werden

Hana, Mutter von sieben Kindern, lebt in einem Lager für Vertriebene im Gouvernement Kirkuk im Mittelirak. Als ihre Heimatstadt Mosul unter der Kontrolle der IS-Gruppe stand, wurden überhaupt keine Dokumente mehr herausgegeben, der gesamte Prozess wurde eingestellt. Drei ihrer Kinder sind nicht registriert. Das verursacht vor allem für die Familie immense Probleme.

Hanas zweijähriger Sohn leidet an Asthma. „Er wurde krank, nachdem wir in das Lager geflohen waren. Die Zelte können im Winter sehr kalt werden. Mein Kind braucht medizinische Versorgung und ich kann ihn noch nicht einmal zu einem Krankenhaus in der Nähe des Lagers bringen.“

Die Behörden erlauben es niemandem ohne Ausweispapiere, das Lager zu verlassen.

„Unter dem IS gab es kein System für die Ausgabe von offiziellen Dokumenten wie Geburtsurkunden. Wir hatten für die Neugeborenen lediglich einen Impfpass“, erklärt Hana.

Die nicht registrierten Menschen, die außerhalb der Lager leben, haben ebenfalls keinen Zugang zu staatlicher Unterstützung und manchmal nicht einmal zu Hilfe von humanitären Organisationen.

Lesen Beschriftung Hanas zweijähriger Sohn leidet an Asthma. „Er wurde krank, nachdem wir in das Lager geflohen waren. Die Zelte können im Winter sehr kalt werden. Mein Kind braucht medizinische Versorgung und ich kann ihn noch nicht einmal zu einem Krankenhaus in der Nähe des Lagers bringen.“ Foto: Tom Peyre-Costa/NRC

Gefahr aus der Schule verwiesen zu werden

Ibrahim, Schulleiter der Schule im Lager Hamam Al-Alil, bestätigt, dass Kinder normalerweise einen Ausweis brauchen, um sich an Schulen anmelden zu können.

Im Lager leben sehr viele nicht registrierte Kinder. Ibrahim erlaubt es allen Kindern, am Unterricht teilzunehmen, auch denjenigen, die keine Papiere besitzen, aber er sagt, dass diese jederzeit von den Behörden der Schule verwiesen werden können.

„Meine Kinder können nicht zur Schule gehen, weil sie die erforderlichen Papiere nicht haben. Ihre Zukunft und ihre Träume sind zerstört“, sagt Nada, eine geschiedene Frau, die mit ihren sieben Kindern im Lager lebt. Wie viele andere kann sie weder die Fahrt noch die Gebühren für neue Dokumente bezahlen.

NRC schätzt, dass etwa 45.000 Kinder in den Lagern allein im Irak keine Geburtsurkunde oder sonstige Ausweispapiere besitzen, wodurch sie Gefahr laufen, ein Leben am Rande der irakischen Gesellschaft führen zu müssen.

Hana teilt Nadas Sorge um die Zukunft ihrer Kinder. „Ich glaube, meine Kinder haben ohne Bildung keine Zukunft. Es ist der einzige Weg für sie, ihre Träume zu verwirklichen, aber nun werden ihnen auch diese Träume genommen.“

NRC leistet Rechtsberatung:

In Mosul informiert NRC irakische Vertriebene über zivile Urkunden, Registrierung, Zugang zu verfügbaren Dienstleistungen und Unterkünften, Land- und Eigentumsrecht und bietet individuelle Beratung und Hilfe an.

Wir unterstützen Menschen ohne Ausweispapiere durch Gruppen-Informationsveranstaltungen und mobile Rechtsberatung, die Erstellung von

Informationsmaterial und Hilfe bei der Beschaffung von persönlichen Dokumenten im Irak und die Koordination mit den zuständigen Regierungsbehörden, um irakischen Vertriebenen und Einheimischen zu helfen, Ersatz für verlorene Dokumente zu bekommen.

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