Friedensnobelpreis 2018: NRC vor Ort in Sinjar

Roald Høvring|Veröffentlicht 09. Jan 2019|Bearbeitet 18. Dez 2018
Drei Jahre, nachdem die irakische Stadt Sinjar vom IS zurückerobert wurde, beginnen die Jesiden zurückzukehren. Die Stadt liegt in Trümmern und die Bevölkerung ist weitgehend auf sich allein gestellt. NRC ist die einzige internationale humanitäre Organisation, die dauerhaft in der Stadt präsent ist.

„Anders als an anderen Orten im Irak, die langsam aber sicher wieder aufgebaut werden, gibt es in Sinjar immer noch keinen Fortschritt“, sagt Tom Peyre-Costa, Medienkoordinator für NRC im Irak. Er befürchtet, dass die Welt beginnt, die Jesiden zu vergessen.

Fakten über das jesidische Volk:

Hier sind fünf Dinge, die Sie über die Verfolgung des jesidischen Volks wissen sollten:

 

  1. Religiöse Minderheit

Das jesidische Volk ist eine unter vielen religiösen Minderheiten im Irak. Sie folgen dem Jesidismus, einer Religion, die unter anderem Elemente des Christentums und des Islams vereint. Im Mittelpunkt steht die Geschichte eines gefallenen Engels, dem von Gott vergeben wird und der dann an Gottes statt auf Erden regieren soll.

Die Geschichte des gefallenen Engels als Figur der Anbetung ist es, die zur über ein Jahrhundert andauernden Verfolgung der Jesiden geführt hat. Sowohl im Christentum als auch im Islam wird der Teufel ein gefallener Engel dargestellt, was dazu führte, dass die Jesiden als Teufelsanbeter wahrgenommen wurden. Diese Wahrnehmung wurde vom IS benutzt, um ihre Gräueltaten gegen diese Minderheit zu rechtfertigen.

 

  1. Gefangen auf dem Berg Sinjar

Als der IS die jesidischen Gemeinden in der Nähe von Sinjar angriff, flohen fast 100.000 Jesidinnen und Jesiden auf den Berg Sinjar. Dort waren sie tagelang ohne Nahrung und Wasser gefangen, bis es den kurdischen Truppen gelang, einen Korridor zu den kurdischen Gebieten zu öffnen. Die Älteren, Kranken und schwangeren Frauen saßen am längsten auf dem Berg fest, da sie den Abstieg nicht aus eigener Kraft schafften. Viele starben an Durst und Hunger, Verletzungen oder Erschöpfung.

Diejenigen, die nicht auf den Berg Sinjar kletterten, wurden getötet oder gefangen genommen. Männer und Jungen über zwölf Jahren wurden von ihren Familien getrennt und zum Konvertieren gezwungen. Wer sich weigerte, wurde getötet. Viele Frauen und Kinder mussten die Exekution ihrer Männer bezeugen, ehe sie nach Syrien gebracht wurden.

 

  1. Fast 3.000 Frauen als Sexsklavinnen verkauft

Die Frauen bezahlten den höchsten Preis, als der IS angriff. Fast 7.000 jesidische Frauen wurden von IS-Kämpfern versklavt und misshandelt. Viele von ihnen wurden immer wieder Opfer von sexuellen Übergriffen. Sie wurden dazu gezwungen, zum Islam zu konvertieren, und viele wurden mit IS-Kämpfern zwangsverheiratet. Frauen, die versuchten zu fliehen, wurden oft mit Gruppenvergewaltigungen bestraft.

Tausende Frauen und Kinder ab neun Jahren wurden wiederholt auf Sklavenmärkten in syrischen Städten verkauft, wo der IS sehr präsent war. Jungen ab sieben Jahren wurden von ihren Müttern getrennt und in Lager gebracht, wo sie einer Gehirnwäsche unterzogen und zu Kindersoldaten ausgebildet wurden.

 

  1. Tausende weiterhin vermisst

Der Angriff des IS vor vier Jahren hatte den Tod von mindestens 1.293 Jesidinnen und Jesiden zur Folge, so die kurdische Regionalregierung im Irak. 2.745 Kinder sind Waisen geworden und sehen einer ungewissen Zukunft in Flüchtlingslagern entgegen.

Manche Kinder haben im Krieg gegen den IS ihre ganze Familie verloren: Viele Familienmitglieder sind in den 63 Massengräbern beigesetzt, die in der Region gefunden wurden. 1.665 Männer und Jungen werden noch immer vermisst.

Obwohl über 3.000 jesidische Frauen und Kinder aus der Gefangenschaft des IS gerettet wurden, geht man davon aus, dass ebenso viele immer noch versklavt sind. Nachdem der IS im Irak und in Syrien besiegt wurde, haben die Jesiden das Gefühl, vergessen worden zu sein und dass die Bemühungen, die seit 2014 vermissten Mädchen zu finden und zu befreien, nachgelassen haben.

 

  1. Nichts, wohin sie zurückkehren könnten

Sinjar wurde im November 2015 von kurdischen Peschmerga-Truppen und jesidischen Kämpfern vom IS zurückerobert. Obwohl seitdem bereits drei Jahre vergangen sind, sind 200.000 Menschen, hauptsächlich Jesiden, immer noch Vertriebene im Nordirak und im Ausland und haben kein Zuhause mehr, in das sie zurückkehren könnten.

Nicht so wie andernorts im Irak, wo der Wiederaufbau langsam voranschreitet, hat er in Sinjar noch nicht einmal begonnen. Etwa 70 Prozent der Gebäude in Sinjar wurden während der Operationen zur Wiedereroberung der Stadt beschädigt oder zerstört. Große Teile der Stadt sind nach wie vor unbewohnbar. Sinjar gleicht einer Geisterstadt ohne Wasser, Schulen oder Krankenhäuser. Etwa 6.000 Familien sind zurückgekehrt, viele fühlen sich jedoch in den Flüchtlingslagern sicherer. Diejenigen, die zurückgekommen sind, leben unter katastrophalen Bedingungen, ohne Wasser und Strom. Schwangere Frauen sterben, weil es keine medizinische Versorgung gibt.

Das jesidische Volk, das zwischen 500.000 und 1,5 Millionen Menschen zählt, wurde weit versprengt: Manche sind in ihre Dörfer zurückgekehrt, andere leben in Lagern und Zehntausende sind in andere Länder geflohen.

Für eine Minderheit wie die Jesiden ist es wichtig, als Menschen zusammenzubleiben. Aber ohne mehr internationale Unterstützung, um einen dauerhaften Frieden, Integration und Nachhaltigkeit in Sinjar zu gewährleisten, laufen wir Gefahr, dass das jesidische Volk nicht in seine Heimat zurückkehren kann.

Völkermord

Am 3. August 2014 griff der IS die Jesiden im Distrikt Sinjar im Nordirak an. Tausende wurden verschleppt oder getötet und fast hunderttausend Menschen flohen ins Sinjar-Gebirge. Die Vereinten Nationen bezeichnen die Angriffe des IS auf die Jesiden als Völkermord.

Etwa 70 Prozent der Gebäude in Sinjar wurden während der Operationen zur Wiedereroberung der Stadt beschädigt oder zerstört. Weite Teile der Stadt sind nach wie vor unbewohnbar. Sinjar gleicht heute einer Geisterstadt ohne Wasser, mit nur einer Schule und ohne Krankenhäuser.

Lesen Beschriftung Etwa 70 Prozent der Gebäude in Sinjar wurden während der Tätigkeiten, die Stadt zurückzuerobern beschädigt oder zerstört. Foto: Alan Ayoubi/NRC

„Etwa 6.000 Familien sind zurückgekehrt, viele fühlen sich jedoch in den Flüchtlingslagern sicherer. Diejenigen, die zurückgekommen sind, leben unter katastrophalen Bedingungen. Schwangere Frauen sterben, weil es keine medizinische Versorgung gibt“, sagt Peyre-Costa.

 

„Wir brauchen Schulen, wir brauchen alles“

Die Straßen sind wie ausgestorben. Weite Teile der Stadt liegen in Trümmern. Die Infrastruktur wurde zerstört und den Menschen fehlt es an den grundlegendsten Dingen wie Wasser und Strom. Schulen und Krankenhäusern müssen dringend wieder aufgebaut werden.

Lesen Beschriftung Baybon (20). „Wir brauchen dringend Schulen, Krankenhäuser und Arbeit“, erklärt sie. Foto: Alan Ayoubi/NRC

Im Dorf Tal Azer außerhalb Sinjars treffen wir die 20-jährige Baybon. Auch sie floh zuerst ins Gebirge und im Jahr 2014 nach Dohuk. Vor einem Jahr kehrte sie in ihre Heimatstadt zurück.

„Ich habe in Dohuk ein ganzes Schuljahr verpasst, und hier in Sinjar ein weiteres. Es gibt hier keine kurdischen Schulen, nur eine arabische Schule“, sagt sie.

Bevor der IS die Stadt übernahm, gingen die jesidischen Kinder auf kurdische Schulen.

„Wir brauchen dringend Schulen, Krankenhäuser und Arbeit“, erklärt sie.

Ich habe in Dohuk ein ganzes Schuljahr verpasst, und hier in Sinjar ein weiteres.
Baybon (20), Jesidin, die in ihre Heimatstadt Sinjar zurückgekehrt ist

NRC arbeitet mit den Gemeinden vor Ort zusammen

 Peyre-Costa berichtet, dass in Sinjar mehrere Hilfsorganisationen aktiv sind, aber dass nur NRC permanent vor Ort ist und ein Büro hat, das jeden Tag mit Mitarbeitenden besetzt ist, die in der Stadt leben und arbeiten.

„Wir haben gerade ein Gemeindezentrum im Stadtzentrum eröffnet, wo wir junge Menschen durch Berufstrainings unterstützen, damit sie die Chance auf eine Arbeitsstelle bekommen. Wir werden auch versuchen, die Hilfsmaßnahmen zu koordinieren und zu verstärken. Darüber hinaus bieten wir anderen humanitären Organisationen Büroräume an, so zum Beispiel CARE, die gerade ein dringend benötigtes Gesundheitszentrum eröffnen.

Lesen Beschriftung JUGENDLICHE. NRC hilft schon seit Langem durch Bildung und psychosoziale Unterstützung von Jesiden, die in Flüchtlingslagern im Nordirak leben. Jetzt starten wir auch ein ähnliches Programm in der vom Krieg gezeichneten Stadt Sinjar. Foto: Tom Peyre-Costa/NRC

Fortlaufende Hilfsmaßnahmen in den Lagern

NRC setzt die Hilfsmaßnahmen in den Lagern im Irak, in denen viele Jesidinnen und Jesiden leben, weiter fort.

„Wir werden weiterhin den Eltern und Kindern in den Lagern helfen. Viele Kinder sind traumatisiert und brauchen psychosoziale Hilfe. Wir haben Lehrkräfte und therapeutisches Fachpersonal, die die Kinder in der Schule und in ihrer Freizeit betreuen.“

Auch viele Teenager leiden unter einem Trauma. Manche haben mehrere Schuljahre versäumt.

„Wir bieten auch Bildung und Berufstrainings für Teenager und Erwachsene an.“

Viele brauchen Hilfe bei der Beschaffung von Papieren.

Viele Jesiden, die aus Sinjar geflohen sind, haben sowohl ihre Ausweispapiere als auch Eigentumsunterlagen verloren. NRC hilft ihnen dabei, die notwendigen Dokumente zu beschaffen.

„Letzteres ist besonders wichtig, wenn sie nach Hause zurückkehren und ihr Leben wieder aufbauen“, erklärt Peyre-Costa.

 

Es ist nicht zu viel verlangt, dass die intentionale Gemeinschaft genauso viel Geld in den Wiederaufbau Sinjars investiert wie für den Kampf gegen den IS aufgebracht wurde.
Tom Peyre-Costa, NRC-Medienkoordinator im Irak

„Wir dürfen das jesidische Volk jetzt nicht vergessen“

Er ist der Ansicht, dass es für die internationale Gemeinschaft an der Zeit sei, aufzuwachen und Bereitschaft zu zeigen, in den Wiederaufbau zu investieren und Frieden und Stabilität in der Region zu sichern.

„Die Jesiden, die die unvorstellbaren Gräueltaten des IS überlebt haben, leiden nun unter mangelnder internationaler Hilfe und werden bereits langsam vergessen. Jetzt ist es Zeit etwas zu tun, damit mehr Menschen wieder nach Hause zurückkehren können.“

NRC ist außerdem der Ansicht, dass die irakischen Behörden eine aktivere Rolle übernehmen und die verschiedenen Gemeinden in der Region unterstützen müssen, damit sie Sinjar gemeinsam wieder aufbauen können.

„Es ist nicht zu viel verlangt, dass die intentionale Gemeinschaft genauso viel Geld in den Wiederaufbau Sinjars investiert wie für den Kampf gegen den IS aufgebracht wurde“, schließt er.