Lesen Beschriftung September 2016 entschloss Wejdan sich, das Lager Azraq in Jordanien zu verlassen. Foto: Hassan Hijazi/NRC

Das Papier in die Freiheit

Hassan Hijazi|Veröffentlicht 11. Jan 2019|Bearbeitet 18. Dez 2018
Im Jahr 2015 suchten Wejdan und ihre fünf Kinder in Jordanien Zuflucht vor dem Krieg in Syrien. Wie viele andere syrische Geflüchtete in Jordanien hatten sie jedoch Probleme, sich frei zu bewegen und ihre Grundrechte geltend zu machen.

Als sie im Dezember letzten Jahres aus ihrer syrischen Heimatstadt Dara'a fliehen mussten, hatten sie eine lange und gefährliche Reise bis zur jordanischen Grenze vor sich. „Ich fürchtete um das Leben meiner Kinder. Wir fuhren nachts mit ausgeschalteten Scheinwerfern, damit die bewaffneten Männer uns nicht sahen. Es war eine beängstigende Fahrt.“

Drei Tage später erreichten Wejdan und ihre Familie endlich das provisorische Flüchtlingslager Hadalat auf der syrischen Seite der Grenze, wo sie über einen Monat lang blieben. „Wir mussten warten, bis wir an der Reihe waren, ins Lager gelassen zu werden. Meine Tochter Ghena war sehr krank und hatte hohes Fieber. Die Nächte waren kalt und wir konnten es dort kaum aushalten.“

Lesen Beschriftung Ghena war erst vier Jahre alt, als sie mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern an der Grenze stand. Durch das kalte Wetter hatte sie Fieber, ihre Temperatur erreichte 42 Grad Celsius. Foto: Hassan Hijazi/NRC

Nachdem die Ärzte Wejdan versichert hatte, dass Ghena gesund sei, konnte sie mit ihren fünf Kindern ins Lager Azraq in Jordanien umziehen, woraufhin sie den jordanischen Beamten ihr Familienstammbuch und ihren Ausweis übergab. Sie erhielt Lager-Ausweise für sich und ihre Kinder.

Das Leben im Lager war dennoch nicht so, wie sie es erwartet hatte. „Es war ein merkwürdiger, kalter Ort. Ich hatte niemanden, der auf meine Kinder aufpasste, wenn ich Essen und Wasser kaufen ging. Ich kannte niemanden.“

 

Erlaubnis zu geben

Wejdans Ehemann, Natheer, war nach Jordanien gekommen, als es noch problemlos möglich gewesen war, die Grenze zu überqueren, bevor sie im Jahr 2015 geschlossen wurde. Natheer, der nicht im Lager mit seiner Familie registriert war, lebte in der Stadt Azraq, 10 Kilometer östlich des Lagers. Als Verwandter konnte seine Familie nie länger zehn Tage am Stück besuchen.

„Es war schwer für mich, nichts für meine Familie tun zu können. Um mich zu besuchen, hätten sie eine Erlaubnis gebraucht“, sagt er.

Lesen Beschriftung Wejdans Ehemann, Natheer, war nach Jordanien gekommen, als es noch problemlos möglich gewesen war, die Grenze zu überqueren. Er lebte in der Stadt Azraq, die 10 Kilometer östlich des Lagers Azraq liegt. Foto: Hassan Hijazi/NRC

Aber Wejdan und ihre Kinder bekamen nicht die Erlaubnis, das Lager während des Wiedervereinigungsprozesses zu verlassen. Die Erlaubnis kann einem Geflüchteten nur dann erteilt werden, wenn er oder sie ein unbegleiteter oder getrennter Minderjähriger ist, der sich einem gesetzlichen Vormund außerhalb des Lagers anschließt.

Im September 2016 beschloss Wejdan, zusammen mit ihren Kindern das Lager zu verlassen. Sie beantragte eine vorübergehende einwöchige Erlaubnis und verließ dann das Lager, kehrte aber nicht dorthin zurück. „Ich habe es dort nicht mehr ausgehalten“, sagt sie.

Wejdan und die Kinder gingen zu Natheer in Azraq. Sie hatte keinerlei Papiere, abgesehen von ihrer MoI-Karte (MoI: Ministry of Interior = Innenministerium), die jedoch nur innerhalb des Lagers gültig war.

Ich hatte Angst, irgendwo in der Stadt herumzulaufen. Ich hatte Angst, die Polizei würde mich erwischen und ins Lager zurückschicken. Ich konnte nicht rausgehen und Lebensmittel einkaufen, ich hatte keine Papiere bei mir. Wir existierten praktisch nicht.
Wejdan

„Ich konnte an keinen Berufstrainings teilnehmen, weil ich keine Papiere hatte, um mich zu bewerben. Ich war verzweifelt – mein Leben bestand nur daraus, zu Hause zu sitzen“, sagt Wejdan.

Ihre Tochter brauchte medizinische Versorgung, aber ohne gültige Papiere musste die Familie die teure Behandlung selbst bezahlen.

 

Eine helfende Hand

Mit finanzieller Hilfe durch ECHO (Europäische Kommission für Katastrophenschutz und humanitäre Hilfe) und andere wichtige Geber führt NRC ein Beratungs- und Rechtshilfe-Programm (ICLA), um syrische Geflüchtete in jordanischen Gastgebergemeinden dabei zu unterstützen, ihre Rechte geltend zu machen und  wichtige Dokumente zu beschaffen.

Im Dezember 2017 erfuhr Wejdan von unserer Rechtsberatung und rief unsere Hotline an.

Am 9. März dieses Jahres wurde sie über eine neu gestartete Kampagne informiert: Die UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) und das Innenministerium regularisierten den Status von außerhalb der Lager lebenden syrischen Geflüchteten. Die Familie bekam nun endlich die Papiere, die sie brauchten, um ihre Rechte geltend zu machen.

Jetzt weiß ich, wie sich Freiheit anfühlt.
Wejdan

„NRC sagte mir, sie würden sich um alles kümmern und mir helfen, ein Termin beim UNHCR zu bekommen“, sagt sie.

Wejdan und ihre Kinder bekamen endlich ihre Asylbewerber-Bescheinigungen und die MoI-Karten, die sie benötigten.

„Ich bin so erleichtert. Sie können sich nicht vorstellen, was ich durchmachen musste, um diese Papiere zu bekommen! Jetzt kann ich mit Ghena zur Kontrolle ins Krankenhaus gehen, und ich habe mich im Berufsbildungszentrum für einen Schneiderkurs angemeldet. Jetzt weiß ich, wie sich Freiheit anfühlt.“

Unsere Arbeit für die Rechte syrischer Geflüchteter in Jordanien

Dank einer Kampagne, die wir gestartet haben, um die Berichtigung des legalen Status tausender syrischer Geflüchteter zu ermöglichen, die außerhalb der Lager leben, erhielten bis Ende Juni 2018 über 6.400 syrische Geflüchtete ihre Asylbewerber-Bescheinigungen vom UNHCR. Über 2780 von ihnen erhielten MoI-Karten. Damit haben sie Zugang zu Grundversorgungsleistungen einschließlich Bildung und medizinische Versorgung, Arbeitserlaubnisse und humanitäre Hilfe.