Lesen Beschriftung Annelies Ollieuz, ehemalige NORCAP-Expertin für Bildung in Notsituationen in Liberia. Foto: Eirik Christophersen/NRC

Bildung in Kriegszeiten

Kristine Grønhaug|Veröffentlicht 07. Jan 2019|Bearbeitet 17. Dez 2018
Nicht viele humanitäre Organisationen zählen Bildung zu ihren Hauptanliegen. Für NRC hatte Bildung allerdings immer schon oberste Priorität.

„Vom ersten Tag an sind Schule und Bildung Bestandteil unserer humanitären Arbeit“, sagt Annelies Ollieuz, globale Bildungsmanagerin bei NRC. Sie räumt jedoch ein, dass dies nicht immer leicht war.

Für uns bei NRC ist Bildung genauso wichtig wie das Verteilen Nahrungsmitteln, Unterkünfte, Lagermanagement und Rechtshilfe. Das ist einzigartig.

„Im Laufe der Jahre hatten wie immer Schwierigkeiten, unsere Fokussierung auf Bildung direkt von Beginn einer Krise an vor den Gebern zu verteidigen. Nicht alle Geber oder Regierungen vor Ort sehen die Wichtigkeit darin. Für sie ist es leicht zu sagen: „Um die Schulbildung kümmern wir uns später’.“

Annelies Ollieuz, 42, ist nun seit zwei Jahren unsere Bildungsleiterin. Sie stammt ursprünglich aus Belgien, zog aber vor 18 Jahren nach Norwegen. Annelies ist Sozialarbeiterin und promovierte Sozialanthropologin. Sie war nie Lehrerin, sondern während ihrer gesamten Karriere im Bildungsbereich tätig. Viele Jahre lang war sie im Außendienst tätig.

„Ich war Mitglied eines Nothilfe-Teams, das von Krise zu Krise zog, und verbrachte 300 Tage im Jahr vor Ort. Die Einsätze kamen oft sehr kurzfristig. Hauptsächlich kümmerte ich mich um die Koordination. Meine Aufgabe war es, die Mechanismen zur Koordinierung der gesamten Krisenreaktion entweder einzurichten oder zu verstärken. Dies geschah immer in Zusammenarbeit mit den lokalen Behörden.“ Derzeit ist sie in unserem Hauptsitz in Oslo tätig.

Lesen Beschriftung Annelies Ollieuz, ehemalige NORCAP-Expertin für Bildung in Notsituationen. Sie reiste von Krise zu Krise. „Ich arbeitete 300 Tage im Jahr im Ausland, oft waren die Einsätze kurzfristig“, sagt sie. Foto: Eirik Christophersen/NORCAP

Die Bedeutung der Schule

Wir sind eine norwegische Hilfsorganisation, die sich darauf spezialisiert hat, Vertriebenen auf der ganzen Welt zu helfen und sie zu schützen. Darüber hinaus helfen wir Menschen, die in Regionen leben, in denen Vertriebene und Geflüchtete sich niederlassen. Indem wir diese Gemeinden gleichermaßen unterstützen, vermeiden wir Konflikte, die entstehen könnten, wenn die Menschen sehen, was wir für die Geflüchteten tun.

Derzeit sind wir in 30 Ländern tätig und beschäftigen insgesamt 14.000 Menschen. Mehrere Tausend davon arbeiten im Bereich Bildung. Für Ollieuz ist es unmöglich zu wissen, mit wie vielen Menschen sie gerade arbeitet.

„Warum ist es so wichtig, sich schon zu Beginn einer Krise auf die Bildung zu konzentrieren?“

„Dafür gibt es mehrere Gründe. In erster Linie deshalb, weil es hier um die Zukunft von Kindern und Jugendlichen geht. Zudem wissen wir, je länger ein Kind nicht zur Schule gegangen ist, desto geringer wird die Chance, dass er oder sie zurückkehren wird. Aus diesem Grund ist unglaublich wichtig, die Zeit ohne Schule so kurz wie möglich zu halten.

Krieg verursacht Chaos. Aus kinderpsychologischer Sicht ist es wichtig, dass alle Kinder eine gewisse Routine in ihrem Alltag haben. Wenn Kinder in Kriegsgebieten nicht zur Schule gehen können, geht diese Routine verloren, und das macht es ihnen schwer, sich von dieser Krise wieder zu erholen“, sagt Ollieuz.

Krieg verursacht traumatisierte Kinder

Durch eine Zusammenarbeit mit der Universität Tromsø (UiT) und Jon Håkon Schultz, Professor für pädagogische Psychologie, haben wir uns darauf spezialisiert, traumatisierten Kindern zu helfen. Dieses Schulprogramm heißt „Besseres Lernen“. Durch einfache Übungen, zum Beispiel Atemübungen, helfen die Lehrkräfte den Kindern, sich selbst zu helfen. Das Programm war ein großer Erfolg.

Dass wir uns vom Beginn einer Krise an auf die Bildung konzentrieren, ist wichtig: in erster Linie deshalb, weil es hier um die Zukunft von Kindern und Jugendlichen geht. Zudem wissen wir, je länger ein Kind nicht zur Schule gegangen ist, desto geringer wird die Chance, dass er oder sie zurückkehren wird. Aus diesem Grund ist unglaublich wichtig, die Zeit ohne Schule so kurz wie möglich zu halten.
Annelies Ollieuz, NRC

Schule bietet Kindern und Jugendlichen Schutz, beispielsweise davor, von bewaffneten Gruppen rekrutiert zu werden, so Ollieuz.

„Im Kongo haben Kinder uns gesagt: ‚Wenn ich meine Schuluniform trage, lassen sie mich in Ruhe’. Allerdings sehen wir in einigen Ländern bewaffnete Gruppen, die in Schulen rekrutieren. Manche Kinder sagten uns: ‚Ich wurde rekrutiert, aber meine Freunde nicht – weil ich zu Hause war und sie in der Schule’.“

Kinder sollten ihre Zeit nicht auf der Straße verbringen, denn das kann gefährlich sein. Stattdessen sollten sie in der Schule sein, wo man sich um sie kümmern kann. Die Leiterin unseres Bildungsprogramms betont, dass die Schule auch den Eltern hilft:

„Das Leben als Geflüchteter ist anstrengend, auch für die Eltern. Oftmals kostet es sie viel Zeit, einen Platz zum Leben zu finden. Sie müssen vielleicht sogar selbst eine Unterkunft bauen, oder sie müssen Schlange stehen, um Lebensmittel zu bekommen. Wenn sie mehrere Kinder haben, kann es schwierig sein zurechtzukommen, auch rein praktisch gesehen. Daher ist es den Eltern eine Hilfe, wenn sie ihre Kinder in der Schule lassen können, wo sie wissen, dass sie bei verantwortungsvollen Erwachsenen sind. Das erleichtert ihnen das Leben.“

 

Jugendlichen eine Zukunft geben

In der humanitären Welt liegt der Schwerpunkt fast ausschließlich auf Kindern, und nicht den Jugendlichen, die nur wenige Jahre älter sind. Für 15-jährige oder ältere Jugendliche gibt es keine Programme mehr. Wir haben jedoch seit Jahren Programme, die sich speziell an Jugendliche richten.

Bisher haben Jugendliche beispielsweise ein Berufstraining bekommen, erhielten nach Abschluss ihres Kurses ein Diplom und wurden dann sich selbst überlassen. Jetzt erhalten sie eine Beratung und werden dabei unterstützt, entweder eine Arbeitsstelle zu finden oder ihre Ausbildung fortzusetzen.

„Wir stellen den Jugendlichen unter anderem Beraterinnen und Berater zur Seite, die ihnen helfen, ihre Stärken zu auszumachen. Jugendliche brauchen dabei oft Hilfe“, sagt sie.

Wir unterscheiden uns von anderen, wenn es um die Bildung von Kindern geht, die keine reguläre Schule besuchen dürfen. Lokale Bildungsministerien schreiben eventuell vor, dass ein Kind über neun, das bisher noch nicht zur Schule gegangen ist, zu alt ist, um mit der ersten Klasse zu beginnen. In solchen Fällen springen wir mit alternativen Programmen ein.

Darüber hinaus muss man in vielen Ländern eine Geburtsurkunde vorlegen, um sich in der Schule anmelden zu können. Vielen Geflüchteten und Binnenvertriebenen fehlen diese Papiere. Unsere Mitarbeitenden helfen ihnen, sie zu bekommen.

Lesen Beschriftung NRC strebt an, mindestens 50 Prozent Mädchen in den Klassen zu haben. Es ist auch wichtig, weibliche Lehrkräfte zu haben – sowohl Mädchen als auch Jungen brauchen Vorbilder. „Wir versuchen immer, weibliche Lehrkräfte einzustellen. Aber das ist oft sehr schwierig“, sagt Ollieuz.

Wie kann man Mädchen einbeziehen?

Unser erklärtes Ziel ist es, dass mindestens die Hälfte aller Schüler Mädchen sind. Um das zu erreichen, ist es wichtig, weibliche Lehrkräfte zu haben, da sowohl Jungen als auch Mädchen Vorbilder brauchen.

„Wir versuchen immer, Lehrerinnen einzustellen, aber das ist oft sehr schwierig“, sagt Ollieuz.

Warum?

„In manchen Ländern wird der Lehrberuf von Männern dominiert, in anderen ist es ein Frauenjob. Dort, wo es weniger üblich ist, dass Frauen eine bezahlte Arbeit annehmen, versuchen wir, Frauen einzustellen. Darüber hinaus haben wir auch langfristigere Programme. In Somalia beispielsweise haben wir Mädchen unterstützt, indem wir ihre Bildung finanziert haben, unter der Vereinbarung, dass sie nach dem Abschluss der Highschool in einem unserer Programme einen Job als Lehrerin bekommen würde.“

„Und dann gibt es natürlich noch andere wichtige Aspekte, wenn es um Mädchen geht“, fährt Ollieuz fort. „Mädchen könnten auf dem Schulweg belästigt werden und aus diesem Grund beschließen, zu Hause zu bleiben. Darüber hinaus möchten ihre Eltern vielleicht gar nicht, dass sie die Schule besuchen.“

 Sie sagt, dass unser Landesteam in Jordanien Kurse für jugendliche Freiwillige angeboten hat, in denen sie lernten, wie man Kinder schützt und psychosoziale Unterstützung leistet. Die Jugendlichen holen Mädchen und Jungen an ausgewiesenen Plätzen ab, sodass sie in größeren Gruppen zur Schule gehen können.

Wenn Mädchen in das Alter kommen, in dem sie ihre erste Menstruation haben, ist es wichtig, dass die Schulen über angemessene Toiletten verfügen.

„In diesem Alter verlassen Mädchen die Schule oft ganz oder bleiben jeden Monat drei oder vier Tage lang zu Hause. In solchen Fällen müssen wir uns ansehen, was die Menstruation im jeweiligen Land bedeutet, in kultureller Hinsicht, und welche Art von Einrichtungen die Mädchen benötigen“, erklärt Ollieuz.

Wir befinden uns häufig in Situationen, in denen es nur noch wenige oder gar keine Lehrkräfte mehr gibt. Dort, wo wie nicht genügend qualifizierte Lehrkräfte haben, lassen wir die Leute wissen, dass wir Menschen ausbilden wollen, die als Lehrkräfte arbeiten möchten. Es ist uns sehr wichtig, dass die Lehrkräfte eine gute Ausbildung bekommen.
Annelies Ollieuz, NRC

Eine weltweite Alphabetisierungskrise

Weltweit ist man besorgt wegen einer ausgedehnten Alphabetisierungskrise. Die Krise beschränkt sich nicht nur auf den humanitären Bereich, sondern betrifft auch europäische Länder. Viele Kinder können nach dem Schulabschluss nicht lesen und schreiben.

„Das kann natürlich nicht so weitergehen“, sagt Ollieuz, und bringt die neue Bildungsstrategie von NRC zur Sprache.

„Was ist das Hauptziel dieser Strategie?“

„Dass Kinder und Jugendliche überall in der Schule in Sicherheit sind, und dass sie nach Abschluss unseres Programms die Fähigkeiten erworben haben, die sie besitzen sollten.“

„Können wir denn qualifizierte Lehrkräfte finden?“

„Das ist nicht immer ganz einfach. In einem Kriegsgebiet ist es so, dass manche flüchten und manche bleiben. Sehr oft braucht man Ressourcen, um fliehen zu können, und Lehrkräfte gehören oft zu denen, die welche besitzen. Daher befinden wir uns häufig in Situationen, in denen es nur noch wenige oder gar keine Lehrkräfte mehr gibt. Dort, wo wir nicht genügend qualifizierte Lehrkräfte haben, lassen wir die Leute wissen, dass wir Menschen ausbilden wollen, die als Lehrkräfte arbeiten möchten. Es ist uns sehr wichtig, dass die Lehrkräfte eine gute Ausbildung bekommen.“

„Wir bei NRC haben in Bezug auf unsere humanitäre Arbeit eine langfristige Perspektive – gilt das auch für die Ausbildung von Lehrkräften?“

„Auf jeden Fall. Wir wollen beispielsweise noch enger mit den lokalen Bildungsministerien zusammenarbeiten, damit die Lehrkräfte, die wir seit vielen Jahren ausbilden und beschäftigen, die Möglichkeit bekommen, sich eine feste Anstellung zu sichern, sobald das öffentliche System Lehrkräfte einstellt.“

„Und was ist mit den Schülerinnen und Schülern?“

„Alles, was wir tun, ist darauf ausgerichtet, dass die Kinder zu einem späteren Zeitpunkt in das formale Schulsystem eintreten.“

Lesen Beschriftung Annelies Ollieuz (42) ist nun seit zwei Jahren unsere Bildungsleiterin. Sie stammt ursprünglich aus Belgien, zog aber vor 18 Jahren nach Norwegen. Das Foto zeigt sie in Monrovia, der Hauptstadt Liberias, wo sie die Regierung beim Ebola-Ausbruch 2014/2015 unterstützte. Foto: Eirik Christophersen/NRC

Bildung zu Hause

Dort, wo der Krieg Schulgebäude vollständig oder teilweise zerstört hat, errichten wir behelfsmäßige Unterrichtsräume und bauen beschädigte wieder auf. Manchmal bauen wir auch ganz neue Schulen. Wir bilden Lehrer aus und stellen Schulmaterial zur Verfügung.

In Kriegs- und Konfliktgebieten ist sowohl der Aufenthalt in der Schule als auch der Schulweg gefährlich. Ollieuz sagt, dass unsere Organisation aus diesem Grund auch ein Lehrprogramm einsetzt, das von zu Hause aus genutzt werden kann.

„In Syrien beispielsweise haben wir Schulbücher für Kinder, die ohne Lehrkraft lernen. In diesen Fällen spricht das Buch das Kind an, als wäre es eine Lehrkraft. Häufig steht da so etwas wie: ‚Du warst sehr fleißig und hast viel geschafft, du kannst jetzt zehn Minuten Pause machen’,“ sagt sie.

In Fällen wie diesen kann der Schüler mit einem Nachbarn, Geschwistern oder mit seinen Eltern zusammenarbeiten. Das Material ist an die Bücher angepasst, welche die Lehrkräfte in der Schule verwenden. Wenn die Kinder also wieder in die Schule zurückkommen, wissen ihre Lehrkräfte, wie weit sie sind.

„Manchmal fliehen Kinder und Jugendliche in Regionen, in denen es gar nichts gibt, noch nicht einmal eine Schule.“

Annelies Ollieuz streckt ihre Arme aus. „Ja, in solchen Fällen fangen wir ganz von vorne an“, sagt sie lächelnd.

Das bedeutet, dass ihre Mitarbeitenden als Erstes den Bedarf der Kinder erfassen. Dann fragen sie herum, ob sich unter den Geflüchteten Lehrkräfte befinden, und dann verbreiten sie die Nachricht, dass im Lager eine Schule eröffnet wird.

„Wir bei NRC tun das alles, weil uns bewusst ist, dass Schule Leben retten und Hoffnung für die Zukunft spenden kann“, sagt sie.