Lesen Beschriftung KABUL. Vertriebene Kinder schaufeln den Schnee von ihren provisorischen Zelten in Kabul weg.

Zeltbewohner in Kabul kämpfen ums Überleben

TEXT: Roald Høvring FOTOS: Enayattullah Azad|Veröffentlicht 18. Dez 2019|Bearbeitet 06. Feb 2019
Bei Schnee und klirrender Kälte kämpfen die vertriebenen Familien in provisorischen Zelten in Kabul darum, den harten Winter zu überstehen.

Akthar hat seine Mütze weit über die Ohren gezogen und den Schal eng um den Hals gewickelt. Während andere afghanische Kinder den ersten Schnee des Winters genießen, spielen und Schneebälle werfen, ist Akthar auf dem Weg zur Arbeit, erzählt er uns. Er sammelt Müll.

 

 „Ich weiß nicht, wie alt ich bin“

„Ich sammle normalerweise Pepsi-Dosen, die ich verkaufen kann, und Papier, das wir zum Kochen und Heizen verbrennen können“, erzählt er uns.

Lesen Beschriftung MÜLL SAMMELN. Akthar Mohammad, 13, floh vor zweieinhalb Jahren vor dem Konflikt in der Provinz Kunduz.

 

„Wie alt bist du?“, fragen wir.

„Ich weiß es nicht so richtig“, antwortet er.

Später erfahren wir, dass er 13 ist.

„Vor ungefähr zweieinhalb Jahren bin ich mit meiner Familie aus der Provinz Kunduz geflohen. Ich habe fünf Geschwister. Jetzt arbeite ich mit meinem Vater zusammen. Wir sammeln auf der Straße in Kabul Abfall.“

Viele Familien in der Siedlung lebten jahrelang als Geflüchtete in Pakistan, bevor sie wieder zurückkehrten.

 

Umzug in die größeren Städte

Seit Anfang 2015 sind etwa 3 Millionen afghanische Geflüchtete aus dem Iran und Pakistan wieder nach Afghanistan zurückgekehrt, häufig in eine unsichere Zukunft, so das Amt für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA).

Sieben von zehn afghanischen Geflüchteten, die nach Hause zurückkehren, müssen einem Bericht von NRC und Samuel Hall zufolge aufgrund von Gewalt erneut fliehen. Viele von ihnen sind nun Binnenvertriebene.

Über 1,2 Millionen Binnenvertriebene in ganz Afghanistan leben laut OCHA derzeit in inoffiziellen Siedlungen.

Bis zu zwei Drittel aller Vertriebenen außerhalb ihrer Heimatprovinz ziehen nun in die fünf Regionalhauptstädte Kabul, Nangarhar, Kandahar, Balkh und Herat.

Haji Mohammad's grandchild Fereshta (in blue) boiling water burning waste plastics and papers. The family can't afford gas or firewood to prepare food.

Haji Mohammad, 80, has been forced to flee from Kunduz to Kabul. He and his 15 family members now live on a rented yard in the west part of Kabul city. He pays 2000AFN rent for a boundary with almost zero facilities. His sons and grandsons are all busy collecting scraps on the streets. They usually sell the cans and metals if the found and bring the papers and plastics home to cook food and warm up the room during the winter. Two of Mohammad’s children are disabled.
“when the USSR captured Kabul, my father took our family to Pakistan. When American’s came to Kabul, I took my children back to Afghanistan.”
 “We went to Kunduz from Pakistan and began everything from the first steps. We do not have agricultural field in Kunduz so we started living as a Kochis/nomads with cattle like our forefathers used to live. Nothing was similar to what my father used to tell us. We had lost the pastures for our cattle and sheep.”
Then the fighting began and the finally government told us to leave the area if we want to safe our lives.” Photo: NRC/Enayatullah Azad
Lesen Beschriftung KEIN GELD FÜR GAS ZUM KOCHEN. Fereshta (in Blau) kocht Wasser, indem sie Plastik und Papier verbrennt. Die Familie kann sich kein Gas oder Feuerholz leisten, um damit Essen zu kochen.

 

Plastikschuhe ohne Strümpfe

„Tausende vertriebene Frauen, Männer und Kinder haben keine richtige Kleidung oder Unterkunft. Unsere Leute sehen Kinder in Plastikschuhen ohne Strümpfe herumlaufen. Wir müssen diese Familien mit angemessenen Unterkünften, Heizgeräten, Decken und ausreichend Lebensmittelvorräten versorgen, damit sie diesen brutalen Winter überleben“, sagt Christopher Nyamandi, NRC-Landesdirektor in Afghanistan.

Lesen Beschriftung DRITTER WINTER. Masooma Qambari, Unterkunfts-Technikerin bei NRC, spricht mit Nazia, 11, die sich in einer der inoffiziellen Siedlungen in Kabul um ihre kleine Schwester kümmert. Sie hat sie in eine dicke Decke eingewickelt. Für die Kinder ist es der dritte Winter in dieser Siedlung.

 

Im Jahr 2018 versorgte NRC 1.000 Familien mit Unterkünften

Akthar und seine Familie haben den letzten Winter in provisorischen Zelten verbracht. NRC hat ihre Unterkünfte aufgerüstet, um besser gegen die eisigen Temperaturen gewappnet zu sein.

Für viele Familien in der Siedlung ist es bereits der dritte Winter, den sie in ihren notdürftigen Unterkünften überstehen müssen.

Allein im Jahr 2018 unterstützte NRC 1.092 vertriebene oder gefährdete Familien (etwa 7,600 Menschen) in der Provinz Kabul durch Verbesserungen an ihren Unterkünften oder den Bau dauerhafter Unterkünfte.

Lesen Beschriftung SCHNEE SCHAUFELN. Die Kinder schaufeln den Schnee von ihren Zelten in Kabul weg, damit sie bei Frost nicht rutschen. Agha Omar, 12, in der Mitte mit der Schaufel.

 

Das Müllsammelgeschäft

Der 12-jährige Agha Omar schaufelt den Schnee rund um das Zelt der Familie weg. Wegen des Schnees kann er keinen Müll sammeln.

„Ich habe immer auf der Straße Müll gesammelt, aber jetzt sind die Straßen voller Schnee und wir können nichts finden. Ich bleibe zu Hause und gehe wieder sammeln, wenn der Schnee geschmolzen ist“, sagt Agha Omar.

Keins der Kinder auf dem Foto (oben) geht zur Schule. Sie sind damit beschäftigt, auf der Straße Plastik, Papier und Dosen zu sammeln.

Lesen Beschriftung UNGEWISSE ZUKUNFT. Naqib, 13, floh vor zweieinhalb Jahren mit seinen elf Geschwistern aus Kunduz, als die Stadt an die Taliban fiel.

 

Ungewisse Zukunft

Naqib und seine Familie leben jetzt in einer Unterkunft, die auf einem von NRC gemieteten Hof gebaut wurde. Dennoch gehen weder Naqib noch seine Geschwister zur Schule.

Naqib besuchte die zweite Klasse, als seine Familie gezwungen wurde, nach Afghanistan zurückzukehren. Mittlerweile hat er vier Schuljahre versäumt.

Statt zur Schule zu gehen, fährt er mit dem Fahrrad durch die Stadt und sammelt Müll, um für die Familie etwas Geld zu verdienen.

„Es gibt keine Hoffnung und ich habe keine Zukunft, wenn ich weiter so leben muss. Ich weiß nicht, wie meine Zukunft aussehen wird. Vielleicht werde ich einfach ein Arbeiter sein.“