Lesen Beschriftung Saleh und seine acht Kinder mussten vor ein paar Monaten aus ihrem kleinen Dorf im Distrikt Kushar im westlichen Jemen fliehen. Derzeit leben sie in einem leer stehenden Haus im Abs-Lager zusammen mit 14 weiteren Familien. Foto: Mohammed Awadh/NRC

Flucht im Dunkeln

Mohammed Awadh|Veröffentlicht 05. Aug 2019|Bearbeitet 29. Jul 2019
Können Sie sich vorstellen, wie es ist, eines Tages inmitten heftiger Kämpfe aufzuwachen? Plötzlich ist ihr Dorf ein Kriegsgebiet und ihre Hauswände und Fenster bieten Ihnen und Ihrer Familie keinerlei Schutz mehr. Saleh, 52, ist einer von Millionen Menschen im Jemen, für die dieses Szenario Alltag ist.

Saleh und seine acht Kinder mussten vor ein paar Monaten aus ihrem kleinen Dorf im Distrikt Kushar im westlichen Jemen fliehen. Saleh war Arbeiter und bestritt das Haupteinkommen der Familie mit Schafzucht. Bevor der Krieg Kushar erreichte, war Salehs Familie sicher und führte trotz wirtschaftlicher Schwierigkeiten ein normales Leben.

„Vor dem Konflikt konnten wir uns Lebensmittel leisten. Wir waren glücklich. Wir lebten sicher in unserem Dorf und konnten unseren täglichen Bedarf decken“, sagt Saleh.

Flucht war die einzige Möglichkeit

Als der Konflikt in Kushar eskalierte, war Salehs Dorf von Kämpfern umringt. Kugeln und Geschosse trafen die Häuser. Salehs Kinder konnten wegen der ständigen Bomben nachts nicht schlafen. Sie hatten Angst vor den Kämpfen.

„Wir lebten in einem Gebiet, in dem gekämpft wurde“, erklärt Saleh. „Wir befanden uns inmitten der Zusammenstöße und es wurde von allen Seiten geschossen.“

Lesen Beschriftung Saleh, 52, war Arbeiter und bestritt das Haupteinkommen der Familie mit Schafzucht. Foto: Mohammed Awadh/NRC

Eines Nachts beschloss Saleh, dass sie keine andere Möglichkeit hatten, als alles zurückzulassen und zu fliehen. Trotz der Risiken war Flucht der einzige Weg für ihn, wie er seine Kinder vor dem sicheren Tod bewahren konnte.

Er nahm seine Kinder, eine Taschenlampe und sein Telefon, damit er mit seinem ältesten Sohn in Kontakt bleiben konnte, der zurückblieb, um die Schafe zu versorgen. Saleh hielt die Hand seines jüngsten Kindes und wies die anderen an, sich gegenseitig an die Hand zu nehmen, damit niemand in der Dunkelheit verloren ging.

„Wir gingen einfach los und machten uns keine Gedanken über die Gefahren. Meine Kinder schrien vor Angst, aber je weiter wir weg waren, desto ruhiger wurden sie“, erklärt Saleh.

Lesen Beschriftung Ali Mohammed, 49, und seine Familie kamen kürzlich aus Kushar an, nachdem der Konflikt in diesem Gebiet eskaliert war. Foto: Mohammed Awadh/NRC

“Das Kind fiel aus seinen Armen und starb

Viele Familien flohen mit Salehs Familie zusammen. Sie hatten nur ein paar Taschenlampen und konnten sich in der Dunkelheit kaum zurechtzufinden. Die Straße war sehr schwierig und bergig – und bisweilen tödlich.

„Unsere Reise war dunkel und beängstigend“, erinnert sich Saleh. „Einer meiner Nachbarn hatte sein Kind auf dem Arm und sah nicht, wo er hintrat, als wir die Berge überquerten. Dann rutschte er auf einem Stein aus und stürzte, und das Kind fiel aus seinen Armen und starb. Das kleine Kind starb, einfach so.“

Saleh und seine Kinder wanderten zwei Tage lang, mit nichts als ein paar Keksen zu essen. Sie gingen durch Berge und Täler, bis sie einen Fahrer fanden, der bereit war, sie nach Abs zu bringen, einem Lager für Menschen, die vom Krieg im Jemen vertrieben worden waren.

Leider hatte Saleh kein Geld, um den Fahrer zu bezahlen, und musste sich etwas von seinen Nachbarn leihen. Er erinnert sich: „Alle halfen aus und gaben jeder rund 5.000 Jemen-Rial (etwa 18 Euro).“

Endlich in Sicherheit – aber für wie lange?

Saleh und seine Familie kamen nach einer langen Fahrt schließlich im Lager in Abs an. Ein Einheimischer führte sie und 14 weitere Familien zu einem leeren Haus, wo sie seitdem leben.

Lesen Beschriftung Saleh und seine Kinder teilen sich das Haus mit 14 weiteren Familien. Das Haus ist zu klein für so viele Menschen, deshalb schläft Salah meistens draußen. Es hat keine Fenster und Türen und es fehlt an Strom, Moskitonetzen und anderen notwendigen Dingen, um sich gegen das Klima im Jemen zu schützen. Foto: Mohammed Awadh/NRC

Obwohl sie vorerst in Sicherheit sind, sind die Bedingungen bei Weitem nicht ideal. Das Haus ist zu klein für so viele Menschen, deshalb schläft Salah meistens draußen. Es hat keine Fenster und Türen und es fehlt an Strom, Moskitonetzen und anderen notwendigen Dingen, um sich gegen das Klima im Jemen zu schützen. Zudem verlangt der Vermieter nun auch Miete, die keiner der Bewohner bezahlen kann.

Das Wenige, das sie derzeit haben, ist die Unterstützung von NRC, die ihr Überleben sichert: Nahrungsmittel, Wasser und Hygienesets.

Im Distrikt Abs haben derzeit 30.000 vertriebene Familien Zuflucht gefunden, die über 122 Standorte verteilt sind. Die humanitären Hilfsorganisationen haben Schwierigkeiten, zu denen zu gelangen, die Hilfe brauchen, und viele Familien müssen monatelang auf Hilfe warten. Cholera und Malaria sind eine ständige Gefahr und es gibt in der Nähe keine medizinischen Einrichtungen. Trotz allem kommen jeden Tag weitere Menschen an.

Eine Botschaft an die Welt

Saleh und seine Familie sehen einer ungewissen Zukunft entgegen. Auch wenn ihr dringendster Bedarf gedeckt ist, wünschen sie sich nichts sehnlicher, als wieder zu Normalität und Sicherheit zurückkehren zu können. Aber niemand weiß wann, wenn überhaupt, es sicher für sie sein wird, nach Hause zurückzugehen.

Lesen Beschriftung Salehs Tochter Lamia, 11, möchte einmal Ärztin werden, und sein Sohn Mukhtar, 12, will Lehrer werden. Beide vermissen ihre Freunde und wollen wieder zur Schule gehen. Foto: Mohammed Awadh/NRC

Salehs Tochter Lamia, 11, möchte einmal Ärztin werden, und sein Sohn Mukhtar, 12, will Lehrer werden. Beide vermissen ihre Freunde und wollen wieder zur Schule gehen.

„Meine Botschaft an die Welt lautet: Beendet diesen Krieg, damit wir wieder nach Hause gehen, unsere Kinder wieder in die Schule schicken und wieder arbeiten gehen können“, sagt Saleh.

Unsere Arbeit in Abs

NRC hat bereits Zehntausende Vertriebene mit lebensrettender Soforthilfe, Unterkünften, Schulmaterial, Rechtsberatung und vielem mehr unterstützt.

Lesen Sie hier mehr über unsere Arbeit im Jemen.

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