Lesen Beschriftung Die Wunden des Krieges in Damasak bleiben. Foto: Beate Simarud/NRC

Arbeiten im Konfliktgebiet

Richard Skretteberg|Veröffentlicht 06. Aug 2019
Das Erste, was wir sehen, als wir in der im Nordosten Nigerias gelegenen Stadt Damasak aus dem Helikopter aussteigen, sind Soldaten und schwere Waffen, die auf der Landebahn eingesetzt werden. Um uns herum sind 144.000 Menschen, die kürzlich in die in Trümmern liegende Stadt zurückgekehrt sind.

Die Militärpräsenz erinnert uns daran, dass der Konflikt nicht weit entfernt ist. Von Damasak aus sind es nur fünf Kilometer zur nigerianischen Grenze und 200 Kilometer nach Maiduguri, Hauptstadt des nigerianischen Bundesstaats Borno. Seit 2009 ist diese Region von einem Konflikt zwischen bewaffneten Gruppen und der nigerianischen Regierung betroffen.

Boko Haram kontrollierte die Stadt ab Ende 2015 über ein halbes Jahr lang. Erst im Februar 2016 gelang es einer gemeinsamen Armee aus Nigeria, Kamerun und Niger, sie zurückzudrängen. Bereits 2014 begannen viele Zivilisten zu fliehen. Die anschließenden heftigen Kämpfe führten zu großer Verwüstung und zwangen auch den Rest der Bevölkerung zur Flucht.

Unsere Arbeit im Nordosten Nigerias

NRC ist seit 2015 in Nigeria tätig. Allein im Nordosten Nigerias sind über sechs Millionen Menschen von lebensrettender humanitärer Hilfe abhängig.

Wir versorgen sie mit Lebensmitteln und unterstützen bei der Nahrungsmittelproduktion. Nahrungsmangel und Unterernährung – insbesondere bei Kindern – stellen die größten Herausforderungen dar.

Unsere Bildungsprojekte sind viel mehr als nur ABC. Besonders in ländlichen Gebieten haben nur sehr wenige Kinder Zugang zu Schulen, und Analphabetismus ist weit verbreitet. Bildung gibt Hoffnung, überbrückt die Differenzen zwischen den ethnischen Gruppen, bringt Normalität in den Alltag und gibt Kindern die Möglichkeit, ihr Trauma zu verarbeiten.

NRC gibt Vertriebenen die Möglichkeit, Latrinen aufzubauen sowie neue Häuser zu bauen und teilweise zerstörte wiederaufzubauen, indem sie für ihre Arbeit bezahlt werden. Auf diese Weise können sie ihre Würde bewahren. Latrinen sind wichtig, um die Hygiene zu verbessern und die Ausbreitung von Krankheiten einzudämmen. Dies ist von entscheidender Bedeutung, um Cholera-Ausbrüche zu verhindern.

Wir bieten außerdem Rechtsberatung für Menschen, die ihre Ausweispapiere verloren haben, oder helfen bei Eigentumsstreitigkeiten.

Wir führen verschiedene Schulungen durch und stellen kleine Startkapitale zur Verfügung, damit die Menschen selbstständig wirtschaften können. Das kann zum Beispiel eine Nähmaschine für jemanden sein, der den Schneiderkurs absolviert hat, oder Werkzeug für angehende Handwerker.

Im Jahr 2018 leistete NRC für 250.000 Vertriebene in Nigeria lebensrettende humanitäre Hilfe. Die humanitäre Lage ist jedoch nach wie vor kritisch. Besonders große Probleme sind der Mangel an Nahrung, sauberem Wasser und Bildung für die Kinder. Unser wichtigstes Ziel für 2019 ist es, viele weitere Menschen zu erreichen und zu unterstützen, die derzeit keine Hilfe erhalten.

Damasak, Nigeria. 2018
Photo: Beate Simarud/NRC
Lesen Beschriftung NRC ist von UN-Hubschraubern abhängig, um unsere Projekte in den konfliktbetroffenen Regionen im Nordosten Nigerias erreichen zu können. Foto: Beate Simarud/NRC

Viele sind auf sich allein gestellt

Heute ist die ursprüngliche Boko Haram in verschiedene Gruppen gespalten. Derzeit kontrolliert ISWAP (Islamic State West Africa Province) viele Gebiete rund um die Stadt.

“Im Oktober musste NRC unser Büro wegen eines Angriffs in einem Nachbardorf kurzfristig schließen. Im November gab es weitere Angriffe auf andere Dörfer“, sagt Dibal Isaac Jonathan, der die Hilfsmaßnahmen von NRC in Damasak leitet. „Unsere größte Schwierigkeit war es, alle Menschen in Not zu erreichen. Alle, die sich weiter als 20 Kilometer vom Stadtrand entfernt befinden, darunter viele, die aus ihrer Heimat fliehen mussten, sind außerhalb unserer Reichweite."

Kein Geld für Lebensmittel

Das 24-köpfige NRC-Team arbeitet unter großen Druck. „Uns fehlt das Geld, um Latrinen zu errichten, was aber sehr wichtig ist, um Cholera-Ausbrüchen vorzubeugen. Uns fehlt auch das Geld für Lebensmittel, was sehr besorgniserregend ist. Viele Familien könnten in den kommenden zwei Monaten gar nichts bekommen“, sagt Isaac verärgert.

Dennoch wird in Damasak fieberhaft gearbeitet. Neue Häuser werden gebaut und andere werden repariert. Der Wille der Menschen weiterzumachen, obwohl es an finanziellen Mitteln mangelt, ist beeindruckend.

Viele der Menschen, die jetzt hier sind, lebten vor dem Angriff der Boko Haram in der Stadt. 2017 begannen sie, nach Hause zurückzukehren. Viele leben aber auch nur vorübergehend in der Stadt. Sie sind Landwirte und wagen es noch nicht, in ihre Dörfer zurückzukehren, wenn diese mehr als 20 Kilometer entfernt sind.

NRC build latrines in backyards of destroys homes. The work is crucial since it prevents cholera outbreaks that yearly saves many lives. 

Around 144,000 people have recently returned to the town, Damasak, in ruins. Damasak was controlled by Boko Haram for over half a year from the end of 2015. It wasn’t until February 2016 that a joint military force from Nigeria, Cameroon and Niger managed to drive them back. Many civilians began to flee already in 2014. The fierce battles that followed led to great devastation and forced the rest of the population to flee.

Photo: Beate Simarud/NRC
Lesen Beschriftung Mit Unterstützung durch NRC werden in Damasak neue Häuser gebaut und andere repariert. Der Wille der Menschen weiterzumachen, obwohl es an finanziellen Mitteln mangelt, ist beeindruckend. Foto: Beate Simarud/NRC

Schwere Verwüstung

Die Spuren des Kriegs sind nicht zu übersehen. Der Sendemast wurde gesprengt. Er liegt auf dem Boden und ist wegen Minengefahr eingezäunt. Der Geldautomat wurde niedergebrannt und die Straßen sind offene Kanäle. Ein sichtbarer Beweis dafür, wie wichtig es ist, dass NRC hier Latrinen installiert. Der Kampf gegen die Cholera hat eindeutig viele Menschenleben gerettet.

Damasak, Nigeria. 2018
Photo: Beate Simarud/NRC
Lesen Beschriftung Der Sendemast wurde gesprengt. Er liegt auf dem Boden und ist wegen Minengefahr eingezäunt. Foto: Beate Simarud/NRC

Psychische Wunden heilen schlechter

Auch wenn die körperlichen Wunden des Krieges in Damasak nach und nach verheilen, bleiben die psychischen Wunden. Die Menschen haben Angst vor weiteren Angriffen und Selbstmordattentaten und wissen nicht, wie sie jeden Tag über die Runden kommen sollen. Außerhalb der Stadt geht der Konflikt weiter. Nur ein paar Wochen nach unserem Besuch wurde in der Nähe der Stadt ein Militärhubschrauber abgeschossen und mehrere Militärbasen in der Nähe wurden angegriffen. Wenn wir verhindern wollen, dass der Nordosten Nigerias zu einem der vielen langjährigen Konflikte in Afrika wird, besteht der erste Schritt darin, zumindest den grundlegendsten humanitären Bedarf der Menschen zu decken, die aus ihrer Heimat fliehen mussten.

Lesen Beschriftung Langsam kehrt der Alltag nach Damasak zurück. Die Menschen waschen ihre Kleider im Fluss. Foto: Beate Simarud/NRC
Menschen in Nigeria brauchen Unterstützung, um ihr Leben wieder aufzubauen