Lesen Beschriftung „Im Jemen sieht man Zerstörung, wohin man auch blickt – Häuser, die einmal jemandes Zuhause waren, in Trümmern, große Krater im Boden, wo Bomben eingeschlagen sind, und ausgebrannte Autos auf den Straßen“, sagt Becky Bakr Abdulla. Foto: NRC

Zwei Wochen im Kriegsgebiet

Thale Jenssen|Veröffentlicht 10. Okt 2018|Bearbeitet 04. Okt 2018
NRC-Mitarbeiterin Becky Bakr Abdulla ist gerade aus dem kriegszerrissenen Jemen nach Norwegen zurückgekehrt. Sie erzählt von ihren Eindrücken aus einer der schlimmsten humanitären Krisen der Welt, den alltäglichen Bombenangriffen und dem völligen Zusammenbruch der Wirtschaft.

„Als ich zum ersten Mal in der Hauptstadt Sana’a ankam, fiel mir zuerst auf, wie das Leben offenbar sogar inmitten eines brutalen Krieges weitergehen kann. Die Straßen waren voller Autos und Fußgänger und die Kinder spielten. Die meisten Geschäfte waren geöffnet und ich konnte den Mullah von der Moschee aus zum Mittagsgebet rufen hören“, erzählt Becky Bakr Abdulla, Medien- und Kommunikationsberaterin bei NRC.

Zerstörung, wohin man blickt

Becky hat gerade zwei Wochen inmitten einer der schlimmsten humanitären Krisen der Welt verbracht. Häufig wurde sie daran erinnert, dass sie sich in einem Kriegsgebiet befand.

„Flugzeuge kreisten über der Stadt. Immer wieder hörten wir Explosionen und wir fragten uns, was sie getroffen haben mochten. Das allgegenwärtige Geräusch der Bomber erinnerte mich daran, dass hier jederzeit alles passieren konnte.“

„Im Jemen sieht man Zerstörung, wohin man auch blickt – Häuser, die einmal ein Zuhause waren, in Trümmern, große Krater im Boden, wo Bomben eingeschlagen sind, und ausgebrannte Autos auf den Straßen.“

“Khalas. There is no more future. Nothing to look forward to anymore.”

Yusuf’s family has lived in the same house in Amran for over 30 years. It’s the house he was born and raised in. As Yusuf and his five siblings got married and had children of their own, the house was filled with more family members. Yusuf and his wife have a three-month-old son and a two-year-old daughter. 

After Ramadan this year, on 23 June, the family’s life was irreparably changed. Yusuf woke up at around 2 pm to extremely loud noises and a shaking house as three bombs hit their neighbour. 

“Whenever there is an airstrike, we all gather on the first floor. We usually wait for 30 minutes before we go back to our rooms and back to bed. So we did the same that night; as we didn’t hear anything more after 30 minutes, we all went back to bed,” Yusuf said. 

After a couple of minutes a fourth strike hit. This time the bomb landed on Yusuf’s family home. 

“I got up from bed and tried flicking on the light, but the electricity had been cut. I found my phone and lit up the room. That’s when I saw that all our doors had been blown down,” he said. 

The wall separating his room from the room of his brother and sister-in-law had also been blown apart. Yusuf walked in with his phone in his hand.  

“On the floor, I found my brother’s wife dead. Half of her head had been blown off.”

Yusuf started searching frantically for his other family members, eight of whom were buried alive. Four of the dead were his cousins, all under the age of 13, with the youngest only eight months old. Two others were severly injured. 

“We spent two hours trying to pull everyone up from under the rubble. Meanwhile jets were still hovering over our heads and we were afraid of new airstrikes,” Yusuf said. 

Three other neighbours were killed that night. A total of five houses and a mosque were bombed. 

“I am heartbroken,” Yusuf said. “My father and mother spend their days either crying or not saying a word. My father refuses to look at photos of my brothers and their families who died that day. He can’t look at them. I try my best to keep them occupied.”

When asked what he wants the rest of the world to know about the situation for civilians in Yemen, Yusuf answered:

“They are targeting civilians more than each other. This war on innocent people must stop.”

Before they died, Yusuf’s two older brothers provided for the family and kept the hosusehold going. Yusuf has started selling the remaining family’s belongings to afford basic necessities.

“My white hairs came after the airstrikes,” Yusuf said. “My only goal for now is to feed the children.” 

Yusuf told NRC staff that he doesn’t have anywhere else to go:

“Staying in our damaged home is better than having no home at all,” he said. 

Photo: Becky Bakr Abdulla/NRC
Lesen Beschriftung Im Juni verlor Yusuf, 28, acht Familienmitglieder, als ihr Haus von einer Bombe getroffen wurde. „Sie zielen mehr auf Zivilisten als aufeinander. Dieser Krieg gegen unschuldige Menschen muss aufhören“, sagt er. Foto: Becky Bakr Abdulla/NRC

Acht Familienmitglieder verloren

Die Zahl der Todesopfer unter der Zivilbevölkerung ist im Jemen extrem hoch. Über 60.000 Menschen wurden seit dem Eskalieren der Gewalt im Jahr 2015 bereits getötet oder verletzt.

„Ich sprach mit einer Familie, die bei einem Luftangriff acht Mitglieder verloren hat“, sagt Becky. „Ihr Haus wurde diesen Sommer getroffen. Da ist ein großes Loch in der Decke. Der Rest der Familie, der überlebt hat, ist völlig traumatisiert. Ich sprach mit dem Vater und seinen zwei erwachsenen Söhnen. In ihren Augen sah man Hoffnungslosigkeit. ‚Wir haben keine Zukunft mehr’, sagten sie. ‚Alles, was wir jetzt noch tun können, ist, genug Nahrung für die Kinder zu finden, damit sie überleben.’"

Sie zielen mehr auf Zivilisten als aufeinander. Dieser Krieg gegen unschuldige Menschen muss aufhören.
Yusuf, 28, verlor acht Mitglieder seiner Familie bei einem Luftangriff

Armut und wirtschaftlicher Zusammenbruch

Neben den Zeichen des Krieges war auch die Armut in den Straßen Sana’as deutlich sichtbar.

„Menschen, die zuvor immer genug hatten, müssen jetzt zum Überleben auf der Straße betteln. Das ist heute für viele Menschen im Jemen Wirklichkeit und das schon seit über drei Jahren.“

Bereits vor dem Krieg war der Jemen eins der ärmsten Länder in der Region. Jetzt hat der wirtschaftliche Zusammenbruch das Land in eine humanitäre Notlage gebracht. Becky sagt, die Menschen bekommen dies gleich in dreierlei Hinsicht zu spüren: Die Preise für alltägliche Produkte wie Reis und Brot sind in die Höhe geschossen, viele Menschen bekommen ihr Gehalt nicht und der Wert des Jemen-Rial ist katastrophal gefallen.

„Die Wirtschaft des Landes steht kurz vor dem Kollaps. Die Leute fangen an, auf die Straße zu gehen und zu protestieren. Viele sind verzweifelt und mit ihrer Geduld am Ende.“

Krankheiten brechen aus

Zusätzlich zu den täglichen Angriffen und der Wirtschaftskrise toben die Cholera und andere Krankheiten. Vielen Binnenvertriebenen in den Lagern mangelt es an angemessenen sanitären Einrichtungen, was ihre Gesundheit gefährdet.

„Ihr Leben besteht nur noch daraus, jeden Tag ums Überleben zu kämpfen“, sagt Becky. „Die Menschen, mit denen ich sprach, erzählten mir: ‚Wir hätten niemals gedacht, dass wir einmal in eine solche Lage geraten würden. Wir haben all unsere Würde verloren.’“

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Es ist für mich unbegreiflich, wie all diese Länder – sowohl diejenigen, die direkt in den Konflikt involviert sind, als auch westliche Länder wie Norwegen, die indirekt durch den Pensionsfonds mitschuldig sind – in ein Land wie den Jemen einmarschieren und das Leben einer ganzen Bevölkerung zugrunde richten dürfen.
Becky Bakr Abdulla, Medien- und Kommunikationsberaterin bei NRC

Beschämend

Becky traf Menschen in ihrem Alter, die ihr erzählten, dass sie sich fühlten, als sei die ganze Welt gegen sie. „Als jemenitische Bürger haben sie das Gefühl, keine Chancen mehr zu haben, Gefangene in ihrem vom Krieg zerrütteten Land zu sein und nur noch um ihr Überleben kämpfen zu können.“

Sie findet es beschämend, dass die Welt es zulässt, dass dieser Krieg weitergeht.

„Es ist für mich unbegreiflich, wie all diese Länder – sowohl diejenigen, die direkt in den Konflikt involviert sind, als auch westliche Länder wie Norwegen, die indirekt durch den Pensionsfonds mitschuldig sind – in ein Land wie den Jemen einmarschieren und das Leben einer ganzen Bevölkerung zugrunde richten dürfen. Es ist unabdingbar, dass die USA, das Vereinigte Königreich, der Iran und Frankreich die Konfliktparteien dazu anhalten, einem sofortigen Waffenstillstand und einer politischen Lösung zuzustimmen.“

 

Unsere Arbeit

NRC ist im Jemen vor Ort, aber die Auflagen von beiden Konfliktparteien erschweren es uns, die betroffenen Menschen mit humanitärer Hilfe zu erreichen.

„Wir leisten zum Beispiel Hilfe in Form von Bargeld, aber es ist extrem schwierig, sich hier zu bewegen.”

Becky ist beeindruckt von ihren Kollegen, die nun schon seit über drei Jahren inmitten dieses Konflikts leben und arbeiten.

„Viele von ihnen sind selbst Vertriebene und leben in ständiger Angst um ihr Leben und das ihrer Familien. Dennoch tun sie jeden Tag ihr Bestes, um ihren Landsleuten in Not zu helfen. Sie stehen unter einem enormen Druck und ihre Arbeit ist bewundernswert. Ich selbst bin mit einem UN-Flug wieder in meine sichere Heimat Norwegen zurückgekehrt, während sie dortbleiben und ihre Arbeit fortsetzen.“