Lesen Beschriftung Hawa Gul (im Hintergrund links) und Pari Gul (im Hintergrund rechts) sind neuerdings Nachbarn. Sie backen zusammen in einem Lehmofen im Freien Brot.

Flucht vor der Dürre - Millionen Menschen in Afghanistan fliehen vor der Dürre

Veröffentlicht 12. Okt 2018|Bearbeitet 11. Okt 2018
Inmitten der prekären Sicherheitslage in Afghanistan hat die schlimmste Dürre der jüngsten Geschichte, von der im Juli zwei von drei afghanischen Provinzen betroffen waren, das Leben von Zehntausenden Zivilisten weiter destabilisiert.

Die Vereinten Nationen prognostizieren, dass in der nächsten Zeit über 2 Millionen Menschen unter extremer Ernährungsunsicherheit leiden werden.

Die westliche Region des konfliktgeplagten Afghanistans wurde von der Dürre am schwersten getroffen. In der Folge wurden über 60.000 Menschen aus den Provinzen Ghor und Badghis vertrieben. Familien, die nach Herat geflohen sind, leben dort unter katastrophalen Umständen in notdürftigen Zelten, in denen sie der sengenden Sonne und Temperaturen über 40 Grad Celsius ausgesetzt sind. Zahlreiche Familien leben von einer einzigen Mahlzeit am Tag. Viele müssen lediglich mit Brot und Wasser auskommen.

Afghanistan drone tents from NRC on Vimeo.

Afghanistan drone distribution lines from NRC on Vimeo.

Herat ist für rund 60.000 Menschen, die aufgrund der Dürre aus ihrer Heimat vertrieben wurden, zur nächsten Zuflucht geworden. Darüber hinaus veranlasste auch der Konflikt viele zur Flucht. Der UN Assistance Mission in Afghanistan (Unterstützungsmission der Vereinten Nationen in Afghanistan – UNAMA) zufolge wurden in der ersten Hälfte des Jahres 2018 über 1.700 Zivilisten getötet. Verglichen mit gleichen Zeiträumen während des vergangenen Jahrzehnts ist das die höchste registrierte Zahl. Die Dürre in Verbindung mit dem Konflikt hat Zehntausende Familien mittellos gemacht. Sie leben in Ungewissheit und haben schlechte langfristigen Aussichten oder Mittel, wieder Stabilität herzustellen.

 

Am meisten gefährdet sind Frauen und Kinder. Viele der Kinder sind unterernährt und krank. Sie haben Haut- und Augeninfektionen, die vom Staub und dem heißen Klima herrühren.

 Hawa Gul (im Hintergrund links) und Pari Gul (im Hintergrund rechts) sind neuerdings Nachbarn. Sie backen zusammen in einem Lehmofen im Freien Brot.

Ayesha Halima ist eins von Tausenden von Kindern, die aus ihrer Heimat nach Herat geflüchtet sind. Sie lehnt sich gegen die Wand einer Verteilstelle und wartet geduldig auf ihre nächste Mahlzeit, während ihre Mutter sich ihren Weg durch die wachsende Menschenmenge bahnt, um ihre Ration an Vorräten abzuholen.

Ayesha Halima ist eins von vielen Kindern, die von Lebensmittelhilfe angewiesen sind.

Der Mangel an ausreichender Ernährung zeigt sich an den bleichen Gesichtern von Kindern wie Soraya Hawa Gul und Fatima Pari Gul, die in Herat Nachbarinnen geworden sind. Ihre Mütter backen zusammen Brot in einem Lehmofen im Freien. Sie backen jeden Tag etwa zehn Laibe Brot, die sie mit gekochtem Wasser oder Tee herunterspülen.

 

„Wir kochen zusammen, weil wir uns einen Sack Mehl teilen“, sagt Hawa Gul. „Keiner von uns könnte sich allein einen ganzen Sack leisten. Wir haben unser ganzes Geld ausgegeben und uns viel von unseren Verwandten geliehen.“

Hawa Gul und Fatima Pari Gul sind in Herat Nachbarinnen geworden. Sie backen zusammen Brot in einem Lehmofen im Freien.

Angesichts dieser knappen Ressourcen sind die Barzuschüsse von NRC, die von ECHO (Europäische Kommission für Katastrophenschutz und humanitäre Hilfe) finanziert werden, für die Zehntausenden verarmten Haushalte eine Rettungsleine geworden. Trotz der raschen Hilfeleistung fehlt es an Trinkwasser, Nahrung und medizinischer Versorgung.

Bis zu 10.000 Familien aus den Provinzen Badghis, Ghor und Faryab wurden aufgrund der Dürre und des Konflikts in Herat vertrieben.

Die glühenden Temperaturen zehren an denjenigen, die in den Siedlungen für Binnenvertriebene ausharren müssen. Viele Menschen leiden unter Dehydrierung, insbesondere Kinder und ältere Menschen. Aufgrund der geringen Wasservorräte ist Trinkwasser in den Siedlungen ein wertvolles Gut.

Aufgrund der geringen Wasservorräte ist Trinkwasser in den Siedlungen ein kostbares Gut.

„Wir haben nicht genug Wasser zum Trinken oder um uns selbst und unsere Kleidung zu waschen“, berichten uns die afghanischen Vertriebenen in Herat. „Unsere Lebenssituation hat sich nicht verändert. Wir sind von zu Hause geflohen, weil wir dort kein Wasser hatten, aber hier ist es dasselbe. Zu Hause in Badghis hatten wir wenigstens noch eine Bleibe.“

Mit vermehrt auftretenden Krankheiten wie Durchfall, Haut- und Augeninfektionen brauchen viele Kinder umfassende medizinische Versorgung. Der einjährige Ahmad Mohammed hat Durchfall und eine Haut- und Augenentzündung. Er lebt mit seiner Familie in einer Notunterkunft, seit sie ihre Heimat in der Provinz Badghis verlassen mussten.

 

„Es sind nun 70 Nächte seit unserer Ankunft. Meine Kinder und meine Frau sind krank und ich habe kein Geld, um ihnen genug Essen oder Medikamente zu kaufen“, erzählt Mohammeds Vater Ziauddin.

Der einjährige Ahmad Mohammed hat Durchfall und eine Haut- und Augenentzündung. Er lebt mit seiner Familie in einer Notunterkunft, seit sie ihre Heimat in Badghis verlassen mussten.

Das Thema Unterbringung ist von besonderer Dringlichkeit, da die Familien hier in unzulänglichen Notunterkünften leben. Derzeit ist das Hauptproblem, die Menschen vor der sengenden Sonne und den hohen Temperaturen zu schützen. Sollten sie vor Winterbeginn nicht nach Hause zurückehren können, wird es zudem notwendig sein, die Behausungen warmzuhalten und winterfest zu machen.

Familien leben in Notunterkünften, wo sie Wind, Staub und extrem heißen Temperaturen ausgesetzt sind.

Allen Widrigkeiten zum Trotz besitzen Frauen wie die 57-jährige Khanim Gul, die bereits mehrere Male vertrieben wurde, ein bemerkenswertes Durchhaltevermögen. Gul musste ihre Familie in Badghis zurücklassen. „Dies ist nicht das erste Mal, dass wir unter einer Dürre leiden. Im letzten Jahr hatten wir so gut wie nichts zu essen. Dies ist das fünfte Zelt, das ich aufschlage – der starke Wind zerreißt es immer wieder“, sagt sie.

„Der starke Wind zerreißt es (das Zelt) immer wieder“, sagt Khanim Gul. Sie wurde bereits mehrere Male vertrieben.

Inmitten des täglichen Überlebenskampfes gibt es nur wenig Schutz. Frauen und Mädchen sind einem erhöhten Risiko von Belästigung und geschlechtsspezifischer Gewalt ausgesetzt. In Ermangelung eines geregelten Schulalltags und eines sicheren Ortes zum Aufwachsen, Lernen und Spielen, sind Kinder anfälliger für Kinderarbeit und Kinderheirat.

Frauen und Mädchen sind einem erhöhten Risiko von Belästigung und geschlechtsspezifischer Gewalt ausgesetzt.

Aufgrund der knappen Ressourcen und fehlender Möglichkeiten, seinen Lebensunterhalt zu verdienen, versuchen viele der vertriebenen Männer in Herat, im Iran Arbeit zu finden.

Karim schätzt sich glücklich, derzeit ein geregeltes Einkommen zu haben – für die meisten vertriebenen Männer liegt das in weiter Ferne. Mithilfe von Darlehen von Familienmitgliedern hat er einen kleinen Gemüsestand eröffnet, wo er an die Vertriebenen in der Nähe seines Zelts in Herat Zwiebeln und Kartoffeln verkauft.

Karim verkauft Zwiebeln und Kartoffeln an die anderen Vertriebenen.

Für Tausende Familien sind die wenigen Dinge, die sie mit sich tragen konnten, das Einzige, was von ihrem Zuhause übrig geblieben ist. Für viele ist es nicht das erste Mal, dass sie wegen der Dürre ihre Heimat verlassen und all ihr Hab und Gut zurücklassen mussten. Während Nachrichten über Friedensgespräche und Bombardierungen in Afghanistan Schlagzeilen machen, fühlen sich die Binnenvertriebenen, die dauerhaft und schon seit langer Zeit leiden, von ihrer Regierung und der internationalen Gemeinschaft „vergessen“. Sie brauchen dringend langfristige Hilfe.

Die Dürre in den Provinzen Badghis und Ghor zwang Tausende Familien zur Flucht in die Provinzhauptstädte.