Lesen Beschriftung Eines Abends im letzten Jahr hörten Mohammed und seine Familie gegen 23 Uhr plötzlich Explosionen von schweren Luftangriffen, die in der Nähe stattfanden. Die Angriffe zerstörten die Schule, in der drei von Mohammeds Kindern zwei Jahre zuvor angefangen hatten. Neun Zivilisten wurden getötet und 2.000 Kinder hatten keine Schule mehr. Foto: Becky Bakr Abdulla/NRC

"Es fühlte sich an, als hätten sie mein Herz getroffen"

Becky Bakr Abdulla und Thale Jenssen|Veröffentlicht 08. Okt 2018|Bearbeitet 04. Okt 2018
„Das ganze Viertel war in rotes Licht getaucht und alles um uns herum erzitterte. Ich dachte, sie würden uns bombardieren, also brachte ich meine Familie direkt nach unten in den Keller“, sagt Mohammed.

Er lebt mit seiner Frau, drei Söhnen und zwei Töchtern im Gouvernement Amran im westlichen Zentraljemen.

Seit mehr als drei Jahren leben die Menschen im Jemen inmitten einer verheerenden humanitären Krise extremer Gewalt, die Millionen zur Flucht aus ihrer Heimat zwingt. Eines Abends im letzten Jahr hörten Mohammed und seine Familie gegen 23 Uhr plötzlich Explosionen von schweren Luftangriffen in unmittelbarer Nähe.

 

Nachbarn wurden getötet 

Der Angriff traf das benachbarte Haus und tötete die Bewohner. Ein anderer Angriff zerstörte die Schule, die drei von Mohammeds Kindern seit zwei Jahren besuchten. Neun Zivilisten wurden getötet und 2.000 Kinder hatten keine Schule mehr. „Es fühlte sich an, als hätten sie mein Herz getroffen.“

Mohammed ging nach draußen, um den Verletzten zu helfen. Seine Nachbarn waren in heller Panik. Menschen rannten umher und versuchten, andere aus den Trümmern zu graben. Die Jets kreisten immer noch über ihren Köpfen.

„Warum greifen sie jemenitische Bürger an? Was haben wir falsch gemacht? Wir sind normale Bürger. Wir haben keine Waffen, wir haben keine Raketen, wir haben gar nichts. Wir sind friedvolle Bürger, die nur ihre Familien und Kinder ernähren wollen“, sagt er wütend.

Seine Geschichte ist kein Einzelfall. Über 60.000 Zivilpersonen wurden seit Ausbruch des Krieges im März 2015 bereits getötet. Schwere Bodenkämpfe, Luftangriffe und wirtschaftliche Notwendigkeit zwangen über 3 Millionen Menschen zur Flucht. Über 8 Millionen Menschen stehen am Rande einer Hungersnot, und sind damit einem höheren Risiko für Krankheiten ausgesetzt, was zum weltweit bisher größten Cholera-Ausbruch geführt hat.

„Es gibt keine Zukunft. Unser Leben besteht nur noch daraus, genug Essen zu finden, um unsere Kinder zu ernähren. Es ist eine Katastrophe.“

Lesen Sie auch: Zehn Dinge, die Sie über die Krise im Jemen wissen sollten

Lesen Beschriftung Foto: Becky Bakr Abdulla/NRC

Sie verloren ihre Tochter

Vor zwei Jahren erreichte der Krieg Zaumala und Waslames Haustür. Am 26. März 2016 ging ihre 16-jährige Tochter zum Markt. Es gab einen Luftangriff und sie wurde getötet. „Ich wusste nicht, ob ich zu meinen anderen Kindern rennen oder bei meiner Tochter bleiben sollte“, sagt Zaumala.

Die beiden schafften es, ihre Tochter zu begraben, bevor sie mit ihren anderen acht Kindern flohen. Sie mussten alles zurücklassen und hatten nichts bei sich als die Kleider auf dem Leib. Sie schafften es schließlich in ein inoffizielles Lager in Amran, wo vertriebene Familien in beengten Verhältnissen leben. Es gibt kein Wasser, keine Sanitäranlagen und die Kinder haben Ausschläge und Wunden am Körper.

„Ich möchte nur, dass meine Kinder etwas zu essen haben und zur Schule gehen können. Sie sollen nicht bei anderen Leuten um Hilfe betteln müssen“, sagt Waslame. Ihr Mann fügt hinzu:

„Alles, was wir wollen, ist in Sicherheit sein. Die Welt soll sehen, in welche Lage uns dieser Krieg gebracht hat. Wir sind dazu verdammt, unter den schlimmstmöglichen Umständen zu leben.“

Lesen Beschriftung Waslame (Mitte) und ihr Ehemann Zaumala verloren ihre 16-jährige Tochter bei einem Luftangriff im Jahr 2016. Jetzt leben sie in einer inoffiziellen Siedlung in Amran im westlichen Zentraljemen. Foto: Becky Bakr Abdulla/NRC
Fakten über den Krieg im Jemen:
  • Seit 2014 finden zwischen der international anerkannten Regierung und Mitgliedern der Ansar Allah-Gruppe, auch bekannt als Huthi-Bewegung, Kämpfe statt.
  • Im September 2014 marschierten Ansar Allah-Mitglieder und Truppen, die dem ehemaligen Präsidenten Saleh treu ergeben waren, in die Hauptstadt Sana’a ein und übernahmen die Kontrolle.
  • Im März 2015 erklärte eine Gruppe von mehreren umliegenden Ländern, genannt „Die Koalition“, von Saudi-Arabien geführt und unterstützt von den USA und anderen westlichen Ländern, gegen Ansah Allah in den Krieg. Seitdem hat sich die Situation weiter verschlechtert.

„Ich hätte an diesem Abend sterben können“

Abdulrahman, Ehemann und Vater von drei kleinen Kindern, erzählt von dem Abend vor drei Monaten, als sein Viertel in der Hauptstadt Sana’a von einem Luftangriff getroffen wurde.

„Wir waren drinnen und ruhten uns aus. Ich hatte meinen jüngsten Sohn über die Straße geschickt, um Wasser zu holen. Nur wenige Minuten, nachdem er zurückgekommen war, hörten wir eine laute Explosion. Das Haus erzitterte heftig.“ Ein Flugzeug der Koalition hatte in unmittelbarer Nähe ihres Hauses eine Bombe abgeworfen.

„Die erste Bombe explodierte nicht. Zwei oder drei Minuten später fiel eine zweite Bombe und wir versuchten, uns im Haus in Sicherheit zu bringen.“ Abdulrahman ging zum Fenster, um den Schaden zu begutachten. „In diesem Moment fiel die dritte Bombe. Ich wurde rückwärts gegen die Wand geschleudert, als das Fenster explodierte. Wir rannten nach unten in den Keller. Meine Kinder schrien um ihr Leben. Ich hätte an diesem Abend sterben können.“

Der Angriff verletzte sieben Zivilisten, darunter vier Kinder, und beschädigte mehrere Häuser. Abdulrahmans Familie überlebte, seine Kinder sind jedoch von dem Vorfall sichtlich gezeichnet: „Mein jüngster Sohn rennt immer noch in eine Ecke und versteckt sich, wenn er ein Flugzeug über uns hört.“

Angriffe auf Zivilpersonen sind im Krieg im Jemen zu einem tödlichen Trend geworden. Drei Jahre ununterbrochener Gewalt von beiden Konfliktparteien haben zu Angriffen auf Häuser, Märkte, Krankenhäuser, Schulen und Farmen geführt.

„Es gibt keine moralische Rechtfertigung dafür, Zivilisten zu töten, die sich nur in Sicherheit bringen wollen, während ihre Städte zu Schlachtfeldern werden“, sagt Suze van Meegen, Beraterin für Schutz und Interessenvertretung des NRC im Jemen. „Das Vereinigte Königreich, die USA, Frankreich, der Iran und alle anderen, die in diesen Konflikt im Jemen involviert sind, müssen ihren Einfluss nutzen, um der Gewalt sofort und endgültig ein Ende zu setzen. Wir appellieren an alle Länder, die diesen Krieg finanzieren und schüren, sicherzustellen, dass die Zivilbevölkerung und zivile Infrastruktur vor Angriffen geschützt werden, und dass humanitäre Hilfe diejenigen erreichen kann, die sie benötigen.“

From left: Children Khalid (6), father Abdulrahman and Saif (11). 

“God forbid, I could have died that evening.”

Abdulrahman is the father of three young children and works as a compound guard for a local organisation in the Haddah neighbourhood in Sana’a. The family live right next to the compound in a guard’s house. 

On the evening of 5 June at around 9pm during Ramadan, the family were inside their house resting. Abdulrahman sent his youngest son across the road to bring water. Usually, Abdulrahman himself would be outside wandering around the area, but this evening he decided to stay in. Only minutes after his son arrived back home with the water the family heard a loud explosion and felt their house violently shake. It was the sound of a bomb that had just been dropped within metres of their home by a Saudi-led coalition aircraft.  

“The first bomb they dropped did not explode. Two or three minutes later, the second bomb was dropped and we got very afraid and tried to secure ourselves inside the house,” Abdulrahman said.

Abdulrahman moved towards the window to try to see if he could assess the damage. 

“That’s when the third bomb was dropped. I was thrown back against the wall as the window of our house exploded. We ran down to the basement. My children were screaming for their lives at this point; it felt like complete horror.”

Abdulrahman got fragments of the window glass in his leg. As the family reached the basement, a fourth bomb exploded and caused the two-story concrete structure next door to implode. The family that live their had travelled away in advance of the Eid holiday.

“We never expected something like this to happen so close to our home. My youngest son still runs to a corner and hides whenever he hears planes hovering above us. We had to take them away from this area and our house for a while to allow them time to process.” 

The attack injured seven civilians including four children. It also damaged several houses, including a neighbouring house rented by NRC for our expatriate staff, with staff inside at the time. 

Photo: Becky Bakr Abdulla/NRC
Lesen Beschriftung Abdulrahman mit zwei seiner drei Kinder. Foto: Becky Bakr Abdulla/NRC