Nach dem IS: Die Rückeroberung der Schule

Helen Baker|Veröffentlicht 27. Nov 2018|Bearbeitet 15. Nov 2018
Jahrelang haben irakische Kinder, die unter der Herrschaft des Islamischen Staats (IS) lebten, die Schule verpasst. Diesen Herbst können 10 Millionen Kinder im Irak endlich wieder zur Schule gehen.

„Als der IS hier war, konnte ich nicht zur Schule gehen. Ich mochte ihre Schulen nicht“, erzählt die zehnjährige Amina.

So wie viele andere irakische Kinder hat sie jahrelang die Schule versäumt. In vormals vom IS kontrollierten Gebieten verboten viele Eltern ihren Kindern den Schulbesuch, weil der IS den Lehrplan geändert hatte und dort nun seine gewalttätige Ideologie gelehrt wurde.

 

10 Millionen Kinder wieder in der Schule

Während des Konflikts haben über drei Millionen Kinder jahrelang die Schule verpasst. Mittlerweile wurden alle IS-kontrollierten Städte von der irakischen Armee befreit und der irakischen Regierung zufolge können über 10 Millionen Kinder seit diesem Herbst wieder zur Schule gehen.

Darunter sind etwa eine Million Kinder, die zum ersten Mal in ihrem Leben zur Schule gehen.

Amina lebt in Al-Qa’im, einer Stadt im Nordwesten Bagdads in der Nähe der syrischen Grenze. Vier Jahre lang befand sich die Stadt unter der Herrschaft des IS. Amina blieb zu Hause und half ihrer Mutter bei der Hausarbeit. Jetzt, ein Jahr nachdem die irakische Regierung Al-Qa’im zurückerobert hat, geht sie endlich wieder in die vierte Klasse zurück.

„Ich bin sehr glücklich, dass ich jetzt wieder zur Schule gehen kann. Jetzt werde ich nur noch lernen. Ich möchte einmal Architektin oder Ingenieurin werden und meiner Mutter und allen, die ich liebe, ein schönes Haus bauen.“

Lesen Beschriftung Die Lehrkräfte sind besorgt, dass die Bildung nicht wieder dasselbe Niveau erreichen könnte wie zuvor, da die Schulen durch die Regierung und die internationale Gemeinschaft nicht ausreichend unterstützt werden. Manche Familien schicken ihre Kinder nicht zur Schule, weil sie sich das Schulmaterial nicht leisten können. Foto: Helen Baker/NRC

Schulen brauchen Unterstützung

Amina und andere Kinder wie sie haben jahrelang darauf gewartet, dass die Schulen wieder geöffnet werden – damit sie ihre Freunde wiedersehen, lernen und spielen können.

Aminas Lehrerin Suha glaubt, dass die Kinder die Schule jetzt noch viel mehr zu schätzen wissen. „Sie sind begeistert von der Schule und lernen mehr als je zuvor. Diese Kinder waren zu Hause von allen gleichaltrigen Kindern isoliert und jetzt sind sie glücklich, wieder zusammen zu sein und an Schulaktivitäten teilnehmen zu können.“

Suha befürchtet jedoch, dass das Bildungsniveau angesichts der begrenzten staatlichen Mittel und der geringen Unterstützung durch die internationale Gemeinschaft nicht mehr so hoch sein wird wie zuvor. Es sind finanzielle Mittel notwendig, um die Schulen wiederaufzubauen und Tische, Tafeln und Schulmaterial wie Bücher und Schreibwaren anzuschaffen. „Manche Familien schicken ihre Kinder nicht zur Schule, weil sie sich die Schulsachen nicht leisten können“, sagt sie.

Lesen Beschriftung Als seine Stadt vom IS beherrscht wurde, blieb der achtjährige Mohammed zu Hause und spielte Ball. Jetzt geht er gern zur Schule und lernt fleißig. Dabei helfen ihm die NRC-Sommerschule und die dortigen Lehrkräfte. Foto: Helen Baker/NRC

Angst, zur Schule zu gehen

Der achtjährige Mohammed traute sich ohne seine Eltern nirgendwo mehr hin, während Al-Qa’im vom IS beherrscht wurde. Er war von der Außenwelt isoliert und blieb zu Hause.

Die Einwohner Al-Qa’ims wurden von den Herrschern der Stadt sehr schlecht behandelt, die oft schrien, Menschen auf offener Straße schlugen oder einsperrten.

„Mohammed war von dem, was er gesehen hat, traumatisiert“, sagt seine Mutter. Er habe sich deshalb geweigert, zur Schule zu gehen, selbst als die die Stadt bereits befreit war. „Als wir ihn angemeldet hatten, weinte er jeden Morgen vor der Schule und flehte uns an, zu Hause bleiben zu dürfen. Er hatte Angst und war unsicher, nachdem er mehrere Jahre lang von anderen Menschen isoliert gewesen war.“

Jetzt, sagt sie, gehe Mohammed gern zur Schule und lerne fleißig. Die Sommerschule von NRC und die Lehrkräfte helfen ihm dabei. Das NRC-Bildungsteam arbeitete mit Lehrkräften in Al-Qa’im zusammen und bot von Juni bis September Sommerkurse in Mathematik, Sozialwissenschaften, Sprachen und anderen Fächern an. Diese Kurse halfen Mohammed und vielen anderen Kindern wie ihm, aufzuholen, was sie während der IS-Herrschaft versäumt hatten, und nach jahrelanger Isolation wieder mit anderen Kindern zusammenzukommen.

„Mohammed möchte einmal Arzt werden, aber damit er diesen Traum verwirklichen kann, braucht es mehr Unterstützung für Bildung. Der Zustand der Schulen, die fehlenden Bücher und Möbel nehmen den Kindern die Motivation“, sagt Mohammeds Mutter.

Fakten: Bildung im Irak

Der UNESCO zufolge lag die Bruttoeinschulungsrate in der Grundschule vor Beginn des Golfkriegs 1991 bei nahezu 100 Prozent und der Alphabetisierungsgrad war hoch. Durch anhaltende Kriege und Instabilität hat sich das Bildungsniveau seitdem jedoch verschlechtert.

Das NRC-Bildungsteam arbeitete mit Lehrkräften in Al-Qa’im zusammen und bot von Juni bis September Sommerkurse in Mathematik, Sozialwissenschaften, Sprachen und anderen Fächern an. Diese Kurse halfen den Kindern, aufzuholen, was sie während der IS-Herrschaft versäumt hatten, und nach jahrelanger Isolation wieder mit anderen Kindern zusammenzukommen.

Die Lehrkräfte sind allerdings besorgt, dass die Bildung nicht wieder dasselbe Niveau erreichen könnte wie zuvor, da die Schulen durch die Regierung und die internationale Gemeinschaft nicht ausreichend unterstützt werden. Es werden finanzielle Mittel gebraucht, um die Schulen wiederaufzubauen und Tische, Tafeln und Schulmaterial wie Bücher und Schreibwaren anzuschaffen. Es ist von entscheidender Bedeutung, dass die irakische Regierung mit Unterstützung ihrer internationalen Partner in die Zukunft der Kinder investiert und sicherstellt, dass – genauso wie Amina – alle Kinder diesen Herbst wieder in einer sicheren Umgebung lernen können.

Sicher zurück zur Schule

Die verpassten Schuljahre und das Leben in Angst, Instabilität und Vertreibung unter der IS-Herrschaft haben die irakischen Kinder und Jugendlichen gezeichnet.

Rahma, eine 17-jährige Schülerin der Al-Qa’im Sekundarschule für Mädchen, hat ihre Heimat zusammen mit ihrer Familie verlassen, um auf einer Farm außerhalb der Stadt zu leben. Ihr Vater entschied, die Kinder aus der Schule zu nehmen und aus der Stadt zu bringen, um sie vor dem IS zu beschützen.

Für so lange Zeit in dieser verlassenen Gegend leben zu müssen, ohne zu wissen, wie die Zukunft aussehen wird oder wann dieser Albtraum ein Ende hat, stürzte Rahma in tiefe Depressionen.

„Ich dachte oft an Selbstmord. Ich dachte, mein Leben sei sinnlos und nicht lebenswert“, sagt sie.

Rahma versäumte vier Schuljahre. „Die Leute um mich herum sagten, ich sei zu alt, um noch einmal zur Schule zu gehen, und dass es unmöglich sei, die vier verpassten Jahre wieder aufzuholen.“

Die Sommerkurse von NRC halfen Rahma, ihr Selbstvertrauen und ihre Zuversicht zurückzugewinnen. „Mithilfe der Lehrkräfte und Kurse von NRC konnte ich meine Depression überwinden. Sie waren geduldig und verständnisvoll. Sie ermutigten mich, wieder zur Schule zu gehen, überzeugten mich, dass es nicht zu spät sei, und halfen mir, das Versäumte nachzuholen.

Jetzt ist sie froh, wieder zur Schule zu gehen. „Die NRC-Nachholkurse in Naturwissenschaften, Mathematik, Sozialwissenschaften und Sprachen gaben mir den Mut, wieder zur Schule zu gehen. Ich fing noch einmal in der sechsten Klasse der Grundschule an. Andere Mädchen in meinem Alter gehen schon auf die Sekundarschule, aber das macht mir nichts aus. Mir ist nur wichtig, dass ich wieder dort bin, wo ich hingehöre, und hart zu arbeiten, um meine Ziele zu erreichen“, sagt Rahma mit einem Lächeln auf den Lippen.

Lesen Beschriftung Heute sind alle Städte, die unter Kontrolle des IS standen, von der irakischen Armee zurückerobert worden. Der irakischen Regierung zufolge gehen diesen Herbst 10 Millionen irakische Kinder wieder zur Schule. Amina, 10, ist eins von ihnen. Foto: Helen Baker/NRC