Lesen Beschriftung Aveen, 20, und ihre Familie flohen, als der IS am 3. August 2014 die Kontrolle über die irakische Stadt Sinjar übernahm. Sie sind eine von etwa 6.000 Familien, die nun nach jahrelanger Vertreibung endlich wieder nach Hause zurückgekehrt sind. Foto: Alan Ayoubi/NRC

Fast 200.000 Jesiden immer noch vertrieben

Tom Peyre-Costa und Thale Jenssen|Veröffentlicht 03. Dez 2018|Bearbeitet 26. Nov 2018
Irak/Sinjar: „Als der IS unser Dorf angriff, flohen wir. Wir blieben acht Tage lang auf dem Berg Sinjar. Ich musste zusehen, wie Kinder und ältere Menschen an Durst und Erschöpfung starben.“

Aveen, 20, und ihre Familie flohen, als der IS am 3. August 2014 die Kontrolle über die irakische Stadt Sinjar übernahm. Sie sind eine von etwa 6.000 Familien, die nun nach jahrelanger Vertreibung endlich wieder nach Hause zurückgekehrt sind.

Drei Jahre sind vergangen, seit die irakische Regierung die Kontrolle über die Stadt zurückerlangt hat. Dennoch gibt es im Nordirak und im Ausland immer noch über 200.000 vertriebene Menschen, die keine Heimat haben, in die sie zurückkehren könnten. Die meisten von ihnen sind Jesiden, eine religiöse Minderheit.

 

Zu Hause, aber kein richtiges Leben

Zwei Jahre lang lebte Aveens Familie in einem unfertigen Gebäude in Dohuk, etwa 150 Kilometer weiter nördlich. Jetzt sind sie wieder zu Hause, aber das Leben ist dort nicht mehr, wie es früher war.

„Wir sind zu Hause, aber wir leben nicht wirklich, es gibt hier gar nichts“, sagt sie. „Wir haben kein Wasser, keine Schulen, keine Krankenhäuser. Schwangere Frauen sind gestorben, weil es keine Vorsorge gibt.“

Geisterstadt

Etwa 70 Prozent der Gebäude in Sinjar wurden im Zuge der Rückeroberung der Stadt beschädigt oder zerstört. Heute ist es eine Geisterstadt. Diejenigen, die zurückgekehrt sind, leben unter katastrophalen Umständen und fühlen sich allein gelassen.

„Die Straßen sind verlassen, man sieht kaum eine Menschenseele. Hunderttausende von Jesiden sind immer noch im ganzen Land vertrieben und können nicht zurückkommen, weil es an Grundversorgungsleistungen wie Wasser und Strom mangelt. Die Schulen und Krankenhäuser müssen dringend wieder aufgebaut werden, andernfalls wird es hier so leer bleiben“, sagt Tom Peyre-Costa, NRC-Medienkoordinator im Irak.

Lesen Beschriftung Drei Jahre sind vergangen, seit die irakische Regierung die Kontrolle über Sinjar gibt es über 200.000 vertriebene Menschen im Nordirak und im Ausland, die keine Heimat haben, in die sie zurückkehren könnten. Foto: Tom Peyre-Costa/NRC

Hunderttausende immer noch vertrieben

Hunderttausende von Jesiden leben derzeit in Flüchtlingslagern, die über die nordkurdische Region des Irak verstreut sind. Im Lager Bajid Kandela stehen weiße Zelte in langen, akkuraten Reihen, flankiert von verlassenen Autos.

Base Khalaf, 60, lebt mittlerweile seit vier Jahren hier.

„Der IS tötete vor vier Jahren einen meiner Söhne. Ich konnte bisher noch nicht zu seinem Grab gehen. Es ist sehr schwierig, nach Sinjar zurückzukommen – die Lage ist unsicher und es ist eine sehr lange Reise“, sagt sie.

Das Leben im Lager ist schwierig. Es gibt nur wenig Wasser und Strom. „Der Winter steht bevor“, sagt sie, „und damit Regen, Kälte und Wind. Diese Zelte bieten dagegen kaum Schutz. Ich wünschte, ich könnte nach Hause zurück, aber es geht einfach nicht.“

 

Kein Wiederaufbau

Obwohl die Verleihung des Friedensnobelpreises an Nadia Murad, eine überlebende Jesidin, im Oktober auf die Notlage der jesidischen Opfer aufmerksam gemacht hat, ist die Stadt Sinjar immer noch weitgehend unbewohnbar. Im restlichen Irak geht der Wiederaufbau langsam voran, in Sinjar hingegen ist noch nichts geschehen. Unterdessen haben sunnitisch-arabische Nachbarn Angst zurückzukehren, weil sie Repressalien von Gemeindemitgliedern und lokalen Sicherheitskräften befürchten.

„Alles in der Stadt erinnert mich an den Tag, als der IS kam“, sagt Aveen. „Aber niemand interessiert sich dafür, niemand fragt, wie es uns geht oder ob wir etwas brauchen.“

Lesen Beschriftung Tausende jesidische Kinder brauchen psychologische Unterstützung. Mit den Bildungsprogrammen in den Camps um die Stadt Dohuk hilft NRC ihnen mit schrecklichen Erlebnissen umzugehen. Foto: Tom Peyre-Costa/NRC

Unsere Arbeit

NRC ist sowohl in der Stadt Sinjar als auch in den Flüchtlingslagern rund um Dohuk tätig. In den Lagern unterstützen wir jesidische Kinder bei der Verarbeitung der traumatischen Erlebnisse, indem wir ihnen Bildungs- und Freizeitaktivitäten anbieten.

In den Lagern und in Sinjar helfen wir Familien bei der Beschaffung wichtiger Dokumente wie Ausweise und Eigentumsurkunden, die sie dringend benötigen, um ihre Häuser wieder aufbauen zu können. Wir unterstützen die Jugendlichen, ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern, indem wir ihnen Berufstrainings anbieten.

Über unser Gemeindezentrum in Sinjar unterstützen und koordinieren wir die humanitäre Hilfe zwischen Partnerorganisationen und den Gemeinden, um sicherzustellen, dass dringender Bedarf gedeckt wird.

„Was wir hier in Sinjar tun, ist ein Anfang, aber es ist bei Weitem nicht genug. Wir dürfen die Jesiden nicht vergessen. Es ist an der Zeit, dass die internationale Gemeinschaft das Ausmaß ihrer Notlage begreift. Sie müssen ebenso viel in den Wiederaufbau von Sinjar investieren wie in die Militäroperationen gegen den IS“, sagt Peyre-Costa.