Lesen Beschriftung "Ich erinnere mich an die Nacht, in der sie unsere Haus beschossen haben," sagt Iryna, 10. In einer Nacht vor vier Jahren begannen in der Nähe von Irynas Haus an der Front schwere Beschüsse. Die Druckwelle schlug alle Fenster im Haus aus. Iryna und ihre Geschwister leiden immer noch an post-traumatischem Stress. Foto: Ingebjørg Kårstad/NRC

Iryna schläft jeden Abend mit dem Geräusch von Schüssen ein

Thale Jenssen and Anastasiya Karpilyanskaya|Veröffentlicht 09. Apr 2019|Bearbeitet 04. Apr 2019
Februar 2015: Um Mitternacht begannen nahe bei Irynas Zuhause an der Kontaktlinie Bomben zu fallen. Ihr Vater ging nach draußen, als plötzlich ihr Grundstück getroffen wurde – nur ein paar Meter von der Stelle entfernt, an der er stand. Die Druckwelle sprengte alle Fensterscheiben heraus.

Vier Jahre später leiden Iryna und ihre Geschwister noch immer unter posttraumatischem Stress. Sie sind ängstlich und wachen nachts oft von Albträumen geplagt auf.

Lesen Beschriftung Iryna frisiert die Haare ihrer kleinen Schwester. Beide Mädchen wachen nachts oft von Albträumen auf. Foto: Ingebjørg Kårstad/NRC

 

Angst, dass das Haus wieder zerstört wird

Liliia Poturoieva, Irynas Mutter, hat ein zurückhaltendes Lächeln, dass wenig von dem Schrecken preisgibt, den sie und ihre Familie seit Kriegsausbruch in ihrem Heimatdorf Verkhnia in der Region Luhansk durchlebt haben.

Vier Jahre sind vergangen, seit ihr Haus bombardiert wurde.

„Wir hören immer noch jede Nacht Schüsse. Ich habe Angst, dass mein Haus wieder zerstört wird.“

In diesem Jahr geht der Konflikt in der Ostukraine ins fünfte Jahr. Bisher hat der Konflikt über 3.000 Zivilisten das Leben gekostet, 1,5 Millionen Menschen vertrieben und 3,5 Millionen von Hilfe abhängig gemacht.

Die Menschen in der Ukraine versuchen zu überleben: Granaten, gewalttätige Auseinandersetzungen, Minen und nicht explodierte Kampfmittelrückstände sind für sie grausamer Alltag. Trotz der hohen Anzahl der betroffenen Zivilisten findet die Krise weiterhin wenig Beachtung, was zur Folge hat, dass die humanitäre Hilfe unterfinanziert ist und die Konfliktparteien das Waffenstillstandsabkommen weiterhin missachten.

Lesen Beschriftung "Ich habe Angst, dass mein Haus wieder zerstört wird," Sagt Irynas Mutter, Liliia Poturoieva. Sie lächelt sorgenvoll, als sie von dem Schrecken erzählt, den sie und ihre Familie erleben mussten, seit der Krieg ausgebrochen ist. Foto: Ingebjørg Kårstad/NRC

 

Zivilisten zahlen den Preis

Die Zivilisten sind in diesen anhaltenden Konflikt nach wie vor die Leidtragenden. Liliia hat sechs Kinder. Ihr Ältester, Oleksandr, ist 20 und lebt nicht mehr bei seinen Eltern. Ihor ist zwölf. Er ist ein schüchterner, ruhiger Schuljunge, der immer bereit ist, seinen Eltern zu Hause zu helfen. Liliias älteste Tochter, Iryna, geht zur Schule und hilft ihrer Mutter im Haushalt. Sie kocht und kümmert sich um ihre jüngeren Geschwister. Yana ist sieben, geht in die erste Klasse und ist ein fröhliches, lebhaftes Mädchen. Liliias Jüngsten, der fünfjährige Illia und die zweijährige Aryna, bleiben zu Hause bei ihrer Mutter. Die Familie kann es sich nicht leisten, sie in den Kindergarten zu schicken. Derzeit erwarten Liliia und Viktor ihr siebtes Kind.

Ich schützte mein Baby mit meinem eigenen Körper und die Glassplitter trafen mich in den Rücken.
Liliia Poturoieva

Vor dem Konflikt lebte die ganze Familie in einem kleinen Haus mit zwei Zimmern. Es gab keine Arbeit. Ihr Haupteinkommen bestand aus Kindergeld und dem, was sie durch die Haltung einiger Kühe, Ziegen, Kaninchen und Hühner verdienen konnten.

„Es gab im Dorf keine Arbeit“, erzählt Liliia. „Es gab keine Möglichkeit, zum Arbeiten woandershin zu fahren. Wir versuchten, mit dem Verkauf von Milch etwas Geld zu verdienen.“

Da es in ihrem Dorf keine Schule gibt, gehen die Kinder ins fünf Kilometer entfernte Nachbardorf. Seit der Nacht, als die Bomben fielen, fällt es Iryna schwer, sich im Unterricht zu konzentrieren.

Lesen Beschriftung Iryna mit einem ihrer Hasen. Bevor der Konflikt ausbrach, lebte die ganze Familie in einem kleinen Haus mit zwei Zimmern. Es gab keine Arbeit. Ihre Haupteinnahmequelle war Kindergeld und was sie von ihren Kühen, Ziegen, Hasen und Hühnern erwirtschaften konnten. Foto: Ingebjørg Kårstad/NRC

 

Rettete das Leben ihres Sohnes

Die furchtbare Nacht hätte noch viel schlimmer enden können. Unter einem Fenster, das durch die Explosion zerschmettert wurde, stand ein Kinderbett, in dem Liliias jüngster Sohn tief und fest schlief.

„Ich schützte mein Baby mit meinem eigenen Körper und die Glassplitter trafen mich in den Rücken.“ Liliia stottert, als sie von den Ereignissen erzählt. Was sie erlebt hat, hat sie sichtlich gezeichnet.

Die Explosion hinterließ am Haus schwere Schäden: Alle Fenster waren zersprungen, die Vorderwände, das Dach und das Fundament waren zerstört. Aber Liliia und ihre Familie wagten es nicht, es unbewacht zurückzulassen. Sie versuchten es selbst zu reparieren, deckten die Fenster mit Plastikfolie ab. Die Nächte verbrachten sie im Keller, dem wärmsten und sichersten Ort im Haus. Von den örtlichen Behörden kam keinerlei Hilfe.

Lesen Beschriftung Iliia, 5, schaut Zeichentrickfilme während seine kleine Schwester Aryna, 2, einen Nachmittagsschlaf am Sofa macht. In der kleinen Küche ruht sich ihr Vater Viktor von der Arbeit draußen aus. Foto: Ingebjørg Kårstad/NRC

 

NRC setzt ihr Zuhause instand

„Zuerst wollte ich nicht um Hilfe bitten. Ich glaubte nicht, dass irgendjemand uns wirklich helfen würde“, sagt Liliia. „Aber mein Mann hatte gehört, dass NRC im Dorf ein Projekt durchführte, bei dem Häuser repariert wurden, und er schickte mich los, um mehr darüber herauszufinden.“

Das tat sie. Und nun ist das Haus bereits fast vollständig wiederhergestellt. Das Dach ist neu gedeckt und die Mauern wurden komplett erneuert. Es wurden neue Fenster eingesetzt und die Kinder teilen sich drei kleine Zimmer.

NRC stellte Baumaterial und Bargeld zur Verfügung, um vier Häuser in Liliias Dorf wieder aufzubauen.

„Wichtig ist jetzt, dass die aktive Phase des Krieges nicht wieder ausbricht“, sagt Liliia, die sich nach friedlicheren Zeiten in ihrem wiederaufgebauten Zuhause sehnt.

Illia, 5 years old, is looking out of the window, with Iryna and Yana by his side.  One February night back in 2015 his mother Liliia saved his life when shelling destroyed their house. 

Background story:
Liliia Poturoieva is 39. She has experienced terrible events that completely changed the life of herself and her large family and left an indelible mark on everyone's soul. She lives in the frontline village of Verkhnia Vilkhova in Stanytsia Luhanska district, Luhansk region. 

Liliia has six children. The oldest is Oleksandr. He is 20. He lives separately from his parents and earns his own living. Ihor is 12. He is a shy and calm schoolboy, always ready to help parents with the housework. Her eldest daughter Iryna is 10. She is a schoolgirl and mother's main housekeeper. She cooks and looks after younger children. Yana is 7. She is a first-grade pupil. She is a cheerful, active and very energetic girl. The children are forced to go to school in a neighboring village 5 kilometers away, since there is simply no school in their village.

Her youngest son Illia,5, and daughter Aryna, 2, are always staying at home with their mother. The family cannot afford a kindergarten for children. Now Liliia is pregnant again. This will be the seventh child in the family. Her husband Viktor helps her to cope with all of them.

Before the conflict, the whole big family lived in a small house with two rooms. There was no work. The main income was child allowances and random earnings from the cows, goats, rabbits and poultry. 

“There was no work in the village. There was no opportunity to travel to other settlements to work. We tried to make money by selling milk”.

In February 2015, at midnight, heavy shelling began. Viktor, Liliia's husband, went out into the yard to see the direction of the shots. Suddenly a shell fell near their yard, and the second shell landed 7 meters away from Viktor, who was standing on the house porch. Viktor got a serious shell shock and lost his hearing for a while. 
The blast wave knocked out all the windows in the house. Under one of the windows there was a child's bed, where Liliia’s  youngest son slept. That night Liliia saved the life of her son with her son. 

“When the blast hit, I covered my baby with my own body, and the glass from the broken window hit me in the back”.

The consequences of that shelling are still noticeable. Liliia has problems with her speech. She is stuttering. She is not the only one.

“The children experience anxiety, concentration problems, fears and, as a result, urinary incontinence”.

The house was seriously damaged in the blast. All the windows were broken, the front walls were destroyed and the roof and the foundation were seriously damaged. However, Liliia and her family did not dare to leave because it was too risky to leave the house unattended. They tried to repair the house on their own. They covered the broken windows with plastic wrap. They even had to spend their nights in the basement because it was the warmest and the safest place in their household.There was no help from the local authorities. 

“At first I didn’t want to ask for help. I did not believe that anyone would really help us. My husband advised me to go to the NRC office and find out about the Heavy repair project, because he heard that NRC had already helped someone in the village”.

Now the house is in the process of restoration. There is a new slate on the roof. Renovation works on the walls have been completed. Three small rooms for the children have been completed. New windows have been installed and internal works are being carried out now.

 “The main thing for me now is that the active phase of the war does not break out again. I am afraid that my house will be destroyed again. After all, we hear the sounds of shots every night”, Liliia says. 

Photo: Ingebjørg Kårstad/Norwegian Refugee Council
Lesen Beschriftung Illia, 5, schaut aus dem Fenster des renovierten Hauses. Seine Eltern können es sich nicht leisten, ihn in den Kindergarten zu schicken. Foto: Ingebjørg Kårstad/NRC